Kindergesundheit

Letzte Chance

Jugendliche von 15 Jahren, die 150 Kilogramm wiegen: Das ist allenfalls vorstellbar als Kuriosität, die es in die Schlagzeilen schafft. Doch es gibt sie tatsächlich. Und es werden mehr. „1,1 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland sind heute schon übergewichtig, 800.000 haben starkes Übergewicht“, sagt Professor Philipp O. Szavay, Chefarzt Kinderchirurgie am Kantonsspital Luzern und im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie. Einige Tausend 150-Kilo-Teens könnten es in Deutschland sein, sagt der Arzt, dessen Fachgesellschaft derzeit in Berlin den Weltkongress für Kinderchirurgie ausrichtet.

Der Weg zu weniger Pfunden dürfte heute jedem klar sein: dauerhafte Ernährungsumstellung und mehr Bewegung, psychologische Unterstützung und Aufklärung über Lebensmittel. So sieht im Wesentlichen auch die Therapie von übergewichtigen Menschen aus. Doch die Erfahrung ist ernüchternd: „Unter anderem aus einer schwedischen Studie mit 14- bis 16-jährigen Jugendlichen wissen wir, dass die Umstellung der Ernährung fast keinen Erfolg bringt“, sagt Szavay. Demnach schafft es nur ein kleiner, einstelliger Prozentsatz der krankhaft Übergewichtigen auf Dauer, das Gewicht deutlich zu senken. Wenn nichts geschehe, dann wögen die 150 Kilogramm schweren 15-Jährigen mit 20 Jahren 200 Kilo, so Szavay.

Atemaussetzer im Schlaf

Ein Automatismus macht den Erfolg der Nahrungsumstellung leicht zunichte, sagt Thomas H. Inge, Kinderchirurg am Kinderhospital Cincinnati (Ohio) und Professor an der dortigen Universität. „Der Körper stellt sich auf den Nahrungsüberfluss ein, nimmt ihn als Norm und versucht, stets wieder diesen Überfluss zu erreichen.“ Das physiologisch-neurologische System aus Appetit, Nahrungsaufnahme und Sättigung gerate in einen neuen Zustand, der es dem Betroffenen schwer macht, sich zu zügeln.

Folgeerkrankungen sind programmiert – was für moderates Übergewicht schon gilt, gilt erst recht für 150-Kilogramm-Menschen: Gelenkschäden, Haltungsstörungen, Diabetes, Schlafstörungen durch Atemstillstände (Schlaf-Apnoe), Bluthochdruck und weitere Herz-Kreislauf-Krankheiten mit der Aussicht auf eine geringe Lebenserwartung. „Diese Menschen bedürfen unter Umständen der operativen Behandlung, um Folgeschäden zu vermeiden“, sagt der Kinderchirurg. Bei Erwachsenen ist das bereits etabliert: Wenn gar nichts „Sanfteres“ hilft, wird der Magen operativ verkleinert. Rund 22.000 Mal wurde die Adipositas-Chirurgie („bariatrische Chirurgie“) zwischen 2005 und 2012 in Deutschland bereits angewandt – Tendenz steigend. Die Krankenkasse DAK sieht bei ihren Versicherten seit 2008 einen Anstieg der Eingriffe um 60 Prozent. Das Problem des massiven Übergewichts gewinne rasant an Bedeutung, sagt Inge, und habe wegen der Folgeerkrankungen große ökonomische Relevanz.

Vor allem drei Varianten der Adipositas-Chirurgie wenden Mediziner an: Entweder sie legen ein Band um den oberen Teil des Magens, das das Volumen des Organs verringert und früher Sättigung einkehren lässt. Oder sie schneiden einen Großteil des Magens längs weg, sodass die Nahrung schlechter verwertet wird (Schlauchmagen). Oder sie installieren eine „Umleitung“, die die Nahrung aus der Speiseröhre mehr oder weniger direkt in den Dünndarm leitet, also einen Magen-Bypass. Nach einer norwegischen Studie verschwinden viele Fettsuchtsymptome wie Rücken- und Gelenkschmerzen oder starkes Schwitzen. Viele Patienten fühlten sich nicht nur körperlich, sondern auch mental und emotional besser.

Auch einige Hundert bis Tausend Jugendliche wurden in Deutschland heute schon auf die eine oder andere Weise mit dem Skalpell therapiert. So genau ist das nicht bekannt, und die Fachgesellschaften der Pädiater und Kinderchirurgen haben auch noch nicht grundsätzlich Position bezogen, in welchen Fällen und ob überhaupt Kinder und Jugendliche chirurgisch gegen krankhaftes Übergewicht therapiert werden sollen. Doch das müsse man jetzt schleunigst klären, sagt Szavay. In den Vereinigten Staaten gibt es mehr Probleme mit Übergewicht – und mehr Adipositas-Chirurgie. Auf insgesamt etwa 10.000 schätzt Thomas Inge die Zahl der dort durchgeführten Operationen bei Jugendlichen. 230 davon hat der Kinderchirurg selbst vorgenommen.

Wunder wirken kann auch die Adipositas-Chirurgie nicht, sagt er. „Die Chirurg kann die Entwicklung nicht komplett umkehren. Wenn ein Jugendlicher dreimal so viel wiegt, wie es normal wäre, dann bringt ihn die Operation nicht zum Normalgewicht zurück.“ Studien zeigen, dass der chirurgisch behandelte Jugendliche nach einem Jahr im Durchschnitt 35 Prozent seines Gewichts verloren hat, längerfristig (nach fünf Jahren) 25 bis 30 Prozent. Dennoch sei der Weg des Skalpells effizient. „Unter Umständen muss man früher ansetzen und nicht erst bei einem Body-Mass-Index von 40 oder 45.“ Ein BMI von 18,5 bis 25 gilt als normalgewichtig.

Doch es gibt medizinische und ethische Einwände gegen die operative Gewichtskorrektur. Zum einen handelt es sich um einen schweren Eingriff. Der birgt – wie jede OP im Bauchraum – das Risiko einer Komplikation bis hin zum Tod. Insgesamt gebe es bei 15 bis 20 Prozent der Eingriffe ein Problem, in sieben Prozent der Fälle ein gravierendes.

Mineralienmangel als OP-Folge

Auch langfristige Nebenwirkungen kennen die Mediziner: Weil die Nahrung nicht mehr so gut verwertet wird wie vor der Magenverkleinerung, besteht – gerade bei Jugendlichen – die Gefahr von Mangelerscheinungen wie Eisen- und Kalziummangel mit Blutarmut beziehungsweise Wachstumsstörungen. Nach einer Magenverkleinerung muss der Patient lebenslang Vitamine, Mineralien und Eiweiße einnehmen, also Nahrungsergänzungsmittel. Zudem gibt es, gerade was Jugendliche betrifft, kaum Langzeiterfahrungen. Bisher unbekannte negative Effekte könnten sich bei ihnen besonders stark auswirken.

Ein Magenband anzulegen ist deshalb naheliegend, denn das Band kann der Chirurg auch wieder entfernen. Doch es ist weniger wirkungsvoll als die anderen Methoden. Es bleiben zudem die OP-Risiken, in der Folgezeit kann das Band auch verrutschen oder sich in den Magen einschneiden.

Die deutschen Fachgesellschaften werden wohl in den kommenden Jahren Leitlinien entwerfen, die klären, in welchen Fällen der Nutzen einer Magen-OP so groß ist, dass die Risiken eingegangen werden können. Wenn sich die Betroffenen, ihre Eltern und Ärzte schon heute dazu entschließen, sollten sie für den Eingriff, so Philipp Szavay, ein spezialisiertes Zentrum auswählen, wo alle medizinischen Disziplinen von der Kinderheilkunde bis zur Psychologie vereint sind. Solche pädiatrisch-chirurgischen Zentren gibt es unter anderem in Berlin, Essen, Leipzig und Ulm. Auf eines müssen sich die behandelnden Ärzte aber schon einstellen, wie Professor Jörg Fuchs vom Uniklinikum Tübingen sagt: „Das ist keine Standardtherapie, sie muss aufwendig bei der Krankenkasse beantragt werden.“ Der Antrag beschäftige einen Arzt heute tagelang.

Allemal sinnvoller wäre es, Teenager erst gar nicht übergewichtig werden zu lassen. Doch der Trend zeigt in eine andere Richtung. Schuld sind in den seltensten Fällen die ungünstigen Gene, sagt US-Mediziner Inge. Es seien der falsche Lebensstil in der Familie mit wenig Wissen über Ernährung und zu wenig Bewegung sowie die Verfügbarkeit von Essen und Trinken an jeder Ecke – und das in ungesund großen Portionen und mit einem Übermaß an Zucker und Fett. „Heute kann man sich für drei bis vier Euro eine Zwischenmahlzeit kaufen, die den Kalorienbedarf eines ganzen Tages deckt.“