Bundestagswahl 2013

Werben um jede Stimme

Zum Endspurt im Wahlkampf geben die Parteien alles

Zehn Uhr am Sonnabendmorgen: Im Tempodrom ist fast kein Platz mehr frei. Völlig aufgekratzte Wahlkämpfer der Jungen Union, Berliner CDU-Prominenz (angeführt von Innensenator Frank Henkel) und ziemlich viel Orange bestimmen die Szene. Sollte da einer in der CDU befürchtet haben, dass die Kanzlerin bei ihrer Abschlusskundgebung in der Hauptstadt zu dieser Uhrzeit vor halb leeren Rängen reden muss, dann wussten es die Wahlkampfstrategen um Generalsekretär Hermann Gröhe besser.

Die CDU-Party vor 4000 Anhängern funktioniert als Kulisse für den Endspurt im Kampf um „jede einzelne Stimme“, der hier ausgerufen wird. Gröhe spricht vom „Patt“, aus dem in den nächsten Stunden nun ein Vorsprung gemacht werden soll, bevor die Kanzlerin wenige Minuten später unter dem Jubel der „Angie“-Plakate schwingenden Zuschauer den Saal betritt. Es geht um letzte schöne TV-Bilder und um eine Motivationsspritze für die eigenen Leute, die im Kampf um die Unentschiedenen alles geben sollen.

Angela Merkel präsentiert sich zu diesem Zweck als Parteivorsitzende zum Anfassen. Sie macht Scherze beim Talk auf Bühne, als sie auf den Regensturm in Hannover am Abend zuvor zu sprechen kommt, der doch fast ihre „gut gesicherte“ Frisur zum Einsturz gebracht habe. Und sie prophezeit, dass es am Wahlsonntag mit dem Ausschlafen wohl nichts wird – schließlich sei man ja schon „ein bisschen nervös“. Deshalb erinnert die Kanzlerin noch einmal daran, dass die Zweitstimme die Merkel-Stimme sei, auch wenn sie „nicht auf dem Wahlzettel“ steht. Keine Leihstimmen an die FDP, heißt das übersetzt. 40 Prozent sind drin für die CDU, wenn nur nicht zu viele Anhänger aus Liebe zu Schwarz-Gelb ihr Kreuz bei den Liberalen machen.

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück verbrachte den Sonnabendnachmittag in seinem Wahlkreis Mettmann, nachdem er Merkel zuvor bei einem letzten Auftritt in Frankfurt eine richtungslose Politik ohne Konzept vorgeworfen hatte: „Ich möchte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden, weil ich eine Idee von diesem Land habe“, sagte er vor 7000 Anhängern. Für die FDP appellierte Außenminister Guido Westerwelle bei der Kundgebung in Düsseldorf an die Bürger, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Nicht zu wählen sei ein Schlag ins Gesicht all derer, die wählen wollten und nicht dürften.

Die Grünen hatten schon Freitag zum „Wahlkampfhöhepunkt“ in das zum Biergarten umgestaltete frühere Reichsbahn-Ausbesserungswerk (RAW) in Friedrichshain geladen. „Wer, wenn nicht wir, ist es gewohnt, mit Gegenwind umzugehen“, rief dort Fraktionschefin Renate Künast mit Blick auf den Einbruch der Partei in den Umfragen aus. Zum gleichen Zeitpunkt war auch die Linke zusammengekommen – bei der Abschlusskundgebung auf dem Alexanderplatz hatte Fraktionschef Gregor Gysi die SPD scharf angegriffen: Eine Partei, die sich nicht gegen Kriege und prekäre Beschäftigung wende, sei „nicht sozialdemokratisch“, sagte er.