Karaseks Woche

Das Wahlrecht, mein Kleinod

Verlogene Abstimmungen und meine Flucht aus der DDR

Die größte Wählergruppe, so hört man, so liest man, seien die Nichtwähler. Und daran knüpft sich dann gerne der Vorwurf einer Politikverdrossenheit. Die Wähler glauben den leeren Worthülsen des Wahlkampfs („Das Wir zählt“, „Wer Merkel will, muss FDP wählen“) nicht, sie wissen aus Erfahrung, dass nach der Wahl das oft zitierte Wort „versprochen, gebrochen“ gilt. Kurz: Sie zeigen in der relativ jungen deutschen Republik die Ermüdungs- und Abnutzungserscheinungen alter Demokratien.

Wie in langer Ehe die Leidenschaft so nutzt sich auch in stabilen Staaten die Wahlbegeisterung ab. Es scheint verständlich und ist doch völlig unverständlich, wenn wir in die Welt sehen, wo Menschen durch Diktaturen um das Recht des Wählens gebracht werden und dafür bereit sind, ihr Leben zu opfern. Denn das Recht des Wählens ist die einzige legitime Chance, jemanden abzuwählen, ohne Revolution auf der Straße, also ohne Blutvergießen. Deshalb fürchten Diktaturen Wahlen wie der Teufel das Weihwasser.

Aber wir wissen seit Orwells Bestsellerroman „1984“, dass totalitäre Regime den „Doppelsprech“ noch perfekter und ohne Korrekturmöglichkeiten einüben. Man nennt erzwungene Abstimmungen in solchen Systemen dann beschönigend „Volkswahlen“ und Scheindemokratien dann „Volksdemokratien“.

Ich möchte dazu aus eigener Erinnerung eine Geschichte erzählen, aus der Zeit, als Deutschland durch den Eisernen Vorhang geteilt war.

1948 kurbelten die USA zur Integration Westdeutschlands den Marshallplan an, eine umfassende Wirtschaftshilfe, die schließlich zum Wiederaufbau und Wirtschaftswunder und zu einer stabilen D-Mark führte. Die DDR wollte sich diesem Marshallplan natürlich nicht anschließen, weil sonst auf wirtschaftlichem Wege die sowjetisch gestützte SED-Diktatur beseitigt gewesen wäre. Also startete sie eine große Propaganda-Aktion unter dem Slogan „Wir brauchen keinen Marshallplan, wir kurbeln selbst die Wirtschaft an“. Eine Wirtschaft allerdings, die durch Kriegsfolgen, falsche Planwirtschaft und Demontage so völlig am Boden lag, dass es nur rationierte Lebensmittel gab.

Ich war damals Schüler in der DDR, als die SED über diesen Slogan eine „Volksabstimmung“ ansetzte. Und wie das so bei Volkswahlen im Ostblock war, übertrieb man das Resultat auch, das ohnehin wahrscheinlich schon fertig in der Schublade gelegen hatte. Mit 99,9 Prozent stimmten die Sowjetunion und ihre Satellitenländer für jede Regierung. Wahlen waren daher so zynisch, dass sie einen besonderen Widerwillen wegen ihrer Verlogenheit hervorriefen.

Wir Oberschüler mussten als Wahlschlepper agieren und alte Leute in die Wahllokale bringen, die dort offen abstimmen mussten. Offen, das hieß ohne Wahlgeheimnis, ohne Wahlkabine. Man vertraute der Regierung ja und brauchte keine Geheimnisse. Und es bestand statt Wahlrecht Wahlpflicht.

An die ohnmächtige Wut und an die Verzweiflung, die mich damals überkam und die mich schließlich zur Flucht animierte, erinnere ich mich wie an einen Schmerz. Deshalb halte ich das Wahlrecht für ein Kleinod und kann Wahlverweigerer kaum verstehen.