Bayern-Wahl

Seehofer spielt Merkel den Ball vor das Tor

Es gibt im bayerischen Landtag tatsächlich noch größere Geister als Horst Seehofer. Sie stehen am Aufgang zum Steinernen Saal. In Marmor. Selbst am Sonntag, da die Fernsehteams und mehr als 1000 Journalisten jeden Winkel des Münchner Maximilianeums für die Landtagswahl untereinander aufgeteilt haben, bleiben sie respektvoll unverdeckt: Platon, Aristoteles, Sokrates. Daneben ein vierter, weniger bekannter Denker. Aber in Bayern orientiert man sich doch nur an den Großen.

Zumal in der CSU. Die hat im Wahljahr alles dafür getan, das Triumvirat der Großen zu ersinnen: eine heilige Dreifaltigkeit aus Franz Josef Strauß, Edmund Stoiber und Horst Seehofer. In Anbetracht des Ergebnisses, das sie eingefahren hat, wird die CSU nun weiter an dieser Legende stricken, als hätte es nie andere Ministerpräsidenten gegeben als den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Oder besser Ungeist. Denn Seehofer ist ja irgendwie recht brachial auf die CSU und Bayern herabgefahren. Partei und Land waren anfangs verwirrt und nicht begeistert. Seehofer, der Bundespolitiker, fremdelte seinerseits mit den Ämtern in München.

Das hat sich gründlich geändert. Das Wahlergebnis, die neuerliche absolute Mehrheit, hätte beim Antritt Seehofers als CSU-Chef und Ministerpräsident nach dem Absturz bei der Wahl 2008 kaum einer prophezeit. 43,4 Prozent der Stimmen, das war die Ausgangslage. Den Verlust der absoluten Mehrheit nach fast 50 Jahren gab es inklusive. Die Partei war in einem desolaten Zustand, ohne Moral, ohne Selbstwertgefühl.

Volle Konzentration auf Seehofer

Und die Talfahrt ging weiter. Mitte 2010 stellte eine Umfrage der Partei unter 40 Prozent in Aussicht. Die Apokalypse. Damals war Karl-Theodor zu Guttenberg auf dem Gipfel. Seehofer ein Vorsitzender auf Abruf. Doch dann berief sich Guttenberg ab und fortan konsolidierte sich Seehofer. Die Bayern fanden Gefallen an seinem Charakter, bei dem nur die Unkalkulierbarkeit kalkulierbar ist.

Das Wahlergebnis wird ihn nun auch noch mit seiner Partei versöhnen, in der viele doch bisher nur stillgehalten hatten. Selbst der Verlierer von 2008 strahlt bei der Verkündung des Ergebnisses im Fraktionssaal: „Es sind mehr Prozent, als ich dachte“, sagt Ex-CSU-Chef Erwin Huber, einer der Verdrängten. Und lobt seinen Nachfolger: „Das ist ein Ergebnis der Geschlossenheit und des neuen guten Stils.“ Auch die Oberbayern-Chefin Ilse Aigner lobt den Vorsitzenden: „Das ist ein Verdienst von Horst Seehofer.“ Seehofer selbst trat strahlend vor seine Anhänger und rief: „Das ist ein großartiger Wahlerfolg.“ Die CSU lebe die Volkspartei und sei in Bayern tief verankert. „Jede zweite Bayerin und jeder zweite Bayer hat uns gewählt. Damit ist das Jahr 2008 Geschichte.“

Vorausgegangen war eine mutige Kampagne, die seit zwei Jahren läuft. Was anfangs absurd erschien, hat Generalsekretär Alexander Dobrindt konsequent umgesetzt: die totale Fokussierung auf Seehofer. Die ging so weit, dass auf Plakaten, im TV-Spot sein Name nicht auftauchte. Nach dem Motto: Den kennt doch jeder.

Die CSU besorgte sich höchst dotierte Filmregisseure und warf alles auf den Ministerpräsidenten. Eine auffallende Parallele zur CDU, die nichts außer Angela Merkel Programm sein lässt. Ja, nicht mal den Gegner mit der Ehre der Namensnennung bedenkt. In Interviews antwortete Seehofer auf Fragen nach seinem Herausforderer Christian Ude (SPD), dass er diesen bisher nicht erwähnt habe und man sich nicht einbilden möge, er würde jetzt damit anfangen. Genauso hält es Angela Merkel mit Peer Steinbrück. Die Bayern-Wahl ist für die Union auch deshalb von so großer Bedeutung, nicht nur weil das Ergebnis eine steile Vorlage für die Bundestagswahl am kommenden Sonntag darstellt. Sondern auch weil sie zeigt, dass eine Kampagne verfängt, die auf Inhalte zugunsten totaler Personalisierung verzichtet. Der Wähler soll vertrauen, ohne sicher sagen zu können, welche Politik er in den nächsten Jahren erwarten darf.

Logisch, da gibt es den Bayernplan, in dem die CSU ihre Ziele auf 25 Seiten zusammengefasst hat. Eines von Seehofers Lieblingsthemen ist die Digitalisierung. Damit würde er sich gern unsterblich machen. Die Assoziationskette wäre: Strauß – Flughafen München, Stoiber – Hightech oder Laptop und Lederhose, Seehofer – digitales Bayern. Allein, geredet wurde im Wahlkampf darüber wenig, dafür umso mehr über die Pkw-Maut und den Länderfinanzausgleich. Beides provoziert Konflikte mit den anderen Bundesländern und dem Bund. Als Angela Merkel im TV-Duell die Pkw-Maut ausschloss, forderte sie Seehofer umso nachdrücklicher. Das kam an.

Seehofer hatte vor der Landtagswahl gesagt: „Die Bayern werden einen genauen Pass auf den Elfmeterpunkt spielen, den Du, liebe Angela, dann nur noch verwandeln musst.“ Nur noch. Jetzt liegt der Ball vor dem Tor. Merkel kennt sich mit Fußball aus und weiß, dass dem, der die Flanke schlägt, der halbe Tor-Ruhm gilt. Dass Seehofer abhebt, die CDU noch mehr quält, diese Angst wird bei der Schwesterpartei durchaus artikuliert. Unabhängig davon, ob man die absolute Mehrheit voraussetzte oder die Fortsetzung einer Koalition.

Seehofer selbst hatte nie die absolute Mehrheit in Aussicht gestellt. Er wollte sie nicht überhöhen, damit das Verpassen dieses Werts ihn nicht aus dem Amt fegt. Auch wollte er verhindern, dass zu viele Anhänger ihre CSU in Sicherheit wogen und zu Hause blieben. So mischt sich schon jetzt ein wenig Unwohlsein bei einigen in die Freude. JU-Chefin Katrin Albsteiger will über die Liste in den Bundestag in einer Woche. Das Ergebnis zeigt, dass die CSU vor allem von FDP-Stimmen profitiert. „Wenn die jetzt richtig Gas geben und eine Zweitstimmenkampagne machen, dann sind die Prozente schnell wieder weg“, sagt Albsteiger. „Wir müssen weiter kämpfen.“

Auf drei Personen ruhen die Augen nach der Wahl besonders: auf Ilse Aigner, der Noch-Verbraucherschutzministerin. Wirtschaft- oder Finanzressort sowie der Fraktionsvorsitz, das sind die Ämter, die für sie wohl infrage kommen. Damit konkurriert sie mit Markus Söder, dem bisherigen Finanzminister. Seehofer will Stimmen zählen. Da Söder im roten Nürnberg antritt, hätte Aigner mit ihrem ländlichen Wahlkreis Miesbach einen Vorteil. Die Bezirkschefin von Oberbayern hat schon mal vorgelegt. Im wichtigsten CSU-Bezirk konnte sie das Ergebnis von 39,3 Prozent 2008 auf 48 Prozent steigern.

Das Schicksal von Dobrindt entscheidet sich wohl erst nach der Bundestagswahl. Seehofer will ihn mit einem Posten in Berlin belohnen. Verkehr, das wäre das naheliegende Ressort. Dort könnte Dobrindt für die Pkw-Maut streiten.