Rockerprozess

„Ihm sollte nur die Kniescheibe zertrümmert werden“

Es gibt Situationen, da schlägt die typisch deutsche Vereinsmeierei auch bei denen durch, die sich ansonsten nicht gerade durch gutbürgerliche Ordnungsliebe auszeichnen. Die Vereinskasse muss stimmen. Wenn nicht, drohen Konsequenzen. Das gilt für Rockergruppen wie für Kleingartenvereine. Bei den „Nomads“, einem Berliner Ableger der „Hells Angels“ stimmte die Kasse nicht. Holger B., der Chef, in diesen Kreisen Präsident genannt, soll unbefugt hineingegriffen haben. Die Konsequenzen in diesem Fall: B. wurde ausgeschlossen und später zudem noch überfallen und verprügelt. Aus Rache soll er den Mord an seinem Nachfolger Andre S. in Auftrag gegeben haben. Seit Freitag steht der 52-Jährige deswegen in Moabit vor Gericht.

Umtriebiger Geschäftsmann

Neben „Hokko“, wie B. zu Rockerzeiten genannt wurde, muss auch der 64-jährige Michael W. auf die Anklagebank. Der gebürtige Ukrainer mit deutschem Pass hat zwar nichts mit der Rockerszene zu tun, gilt aber als umtriebiger Geschäftsmann mit vielfältigen Kontakten. Er hat nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft die Durchführung des Mordauftrags organisiert. Der dritte im Bunde, Oleg C., fehlt. Der Ukrainer soll derjenige sein, der in der Nacht vom 9. auf den 10. Juni 2012 vor einem Lokal in Hohenschönhausen mehrere Schüsse auf Andre S. abgegeben hat. Nach der Tat tauchte C. unter, die internationale Fahndung nach ihm blieb bis heute vergeblich.

Obwohl er von mehreren Schüssen im Oberkörper, unter anderem in unmittelbarer Nähe des Herzens, getroffen wurde, überlebte Andre S., nachdem er tagelang in Lebensgefahr geschwebt hatte. Deshalb lauten die Anklagevorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen Holger B. und Michael W. „nur“ versuchter Mord und Anstiftung zum versuchten Mord. In den von ihren Verteidigern verlesenen Erklärungen äußern sich beide Männer zu den Vorwürfen. Die Attacke auf Andre S. räumen beide ein, von Mord oder auch nur der Benutzung einer Schusswaffe sei jedoch nie die Rede gewesen. Ihm sollte, so die Angeklagten, „nur“ eine Kniescheibe zertrümmert werden. Man habe ihn mittels einer Intrige aus seiner Rockergruppe ausgeschlossen und dann auch noch bei einem Überfall „wie ein Tier abgestochen“ danach sei er „von einer tiefsitzenden Bitterkeit erfüllt gewesen“, begründet Holger B. seinen Racheplan. Aber ein Mord? Auf keinen Fall, beteuert B. Oleg C. war es, „der hat es versaut“, heißt es übereinstimmend in beiden Erklärungen.

Was im Sommer vergangenen Jahres auf den Anschlag folgt, ist bekannt. Die für die organisierte Kriminalität (OK) zuständigen Ermittler des Landeskriminalamtes (LKA) sind alarmiert, befürchten eine neue Eskalation im bereits seit langem schwelenden Kleinkrieg zwischen den beiden großen Rockergruppen „Hells Angels“ und „Bandidos“. Schon Stunden nach dem Anschlag belagern Dutzende „Nomads“ das Virchow Klinikum in Wedding, in dem die Ärzte um das Leben von Andre S. kämpfen. Ein großes Polizeiaufgebot rückt ebenfalls an, um die Rocker in Schach zu halten. Die Ermittler glauben zunächst an den Anschlag einer verfeindeten Rockergruppe. Dann gerät zunächst Holger B. und nach weiteren Ermittlungen auch Michael W. in Verdacht. Die beiden Männer werden monatelang observiert. Im November vergangenen Jahres folgt schließlich die Festnahme.

Am ersten Verhandlungstag spielt die Rockerszene nur eine Nebenrolle. Dafür rückt ein anderes Milieu in den Mittelpunkt. In einer Sauna im Europacenter treffen sich seit Jahren regelmäßig Osteuropäer, vornehmlich Russen, Deutsche und Angehörige anderer Nationalitäten. Und das nicht nur zur Entspannung, sondern auch, um dort ihre vielschichtigen und zum Teil auch undurchsichtigen Geschäfte zu tätigen. In seiner Erklärung benutzt der Angeklagte Michael W. mehrfach den Begriff Russen-Mafia. Hier lernen sich auch die beiden Angeklagten kennen. W. kennt die meisten der Anwesenden. Bei den Geschäften gehe es darum, schnell und ohne großen Aufwand möglichst viel Geld zu verdienen, beschreibt W. die Sauna-Aktivitäten.

Bei den ganz großen Geschäften bleibt der 62-Jährige allerdings zumeist ausgeschlossen, ihm fehlt das ausreichende Eigenkapital. Es ist noch nicht ganz klar, ob B. seinen Mitangeklagten gebeten hat, die geeigneten Leute zur Durchführung seiner Rachepläne zu rekrutieren, oder ob W. das von sich aus angeboten hat. In jedem Fall ist der 62-Jährige bereit, die Aktion zu organisieren. Dafür will er allerdings 20.000 Euro. Die Summe sei nötig, schließlich müsse er Profis aus dem Ausland rekrutieren, erklärt W. dem Ex-Rocker. Die Profis, die W. zunächst engagiert, ein Russe und ein Lette, erweisen sich als wenig professionell. Der Lette kassiert den Vorschuss und verschwindet auf nimmer Wiedersehen. Auch dem Russen fehlt die Lust.

Für W. ist das kein Problem. Er hat noch seinen alten ukrainischen Bekannte, den Metallschrotthändler Oleg C. Das C. keineswegs nur auf seine Geschäftsbranche Fixiert ist, zeigt sich schnell, als W. ihm von den Problemen seines Freundes B. erzählt. C. erklärt sich offenbar spontan bereit, die Tat auszuführen und kommt dafür auch umgehend nach Deutschland. Doch das Vorhaben erweist sich schwieriger als erwartet. Wochenlang beobachtet C. seine Zielperson, deren Wohnung und diverse Lokale, in denen sich Andre S. regelmäßig aufhält. Doch der inzwischen zum Rockerpräsident aufgestiegene S. ist immer mit seiner Leibwache unterwegs.

Sieben Schüsse auf André S.

Also besorgt Oleg C. sich eine Waffe. Michael W. ist davon, wie er im Prozess beteuert, alles andere als begeistert, schließlich soll von der Benutzung von Schusswaffen zuvor nie die Rede gewesen sein. W. habe sich allerdings von C. beruhigen lassen, als der erklärt habe, man müsse eine Kniescheibe nicht wie zunächst geplant mit einer Eisenstange zertrümmern, man könne sie auch zerschießen. Am Tattag ist es aber nicht die Kniescheibe von Andre S. die zum Ziel der insgesamt sieben Schüsse wird, die C. abgibt. Gegenüber Michael W. rechtfertigt der Schütze die Schüsse damit, dass er Angst bekommen habe, als der hünenhafte S. ihn nach dem Verlassen des Lokals in Hohenschönhausen erkannt habe und auf ihn zugerannt sei.

Für den nächsten Verhandlungstag am kommenden Donnerstag ist Andre S. als Zeuge geladen. Sein Auftritt wird mit Spannung erwartet. Möglicherweise erscheint der Rockerboss mit großem Gefolge, dass würde dann schon eher dem Rockerprozess nahekommen, der in den Medien groß angekündigt wurde. Denn am ersten Verhandlungstag fehlen die Rocker-Entourage völlig. Die Polizei hatet zwar Vorkehrungen getroffen, ein halbes Dutzend Mannschaftswagen und weitere Einsatzfahrzeuge parkten vor dem Gerichtseingang an der Turmstraße, drinnen und draußen vor dem Gericht patroullierten Beamte, unter ihnen auch Angehörige eines mobilen Einsatzkommandos. Doch die Beamten verbringen ebenso wie die Justizbediensteten einen ruhigen Vormittag. Im Zuschauerraum des Schwurgerichtssaals 700 haben sie sogar die absolute Mehrheit. Neben fünf Polizisten mit Waffen und Schutzwesten finden sich gerade mal vier Zuhörer ein, keiner sieht aus, als würde er dem Rockermilieu angehören.

Unter den im Saal anwesenden Ermittlern und sonstigen OK-Experten wird das völlige Fernbleiben der Szene unterschiedlich gewertet. Das sei ein Zeichen, sagt ein szenekundiger Ermittler. Man wolle zeigen, der Angeklagte gehört nicht mehr dazu, er interessiert uns nicht mehr, ebenso wenig wie der Prozess. Ein Kollegen hingegen sieht eine immer geringer werdende Bereitschaft der Rocker zu demonstrativen Großauftritten in Berlin. Das bis dato von Kameradschaft und Solidarität geprägte Gefüge des Rockermilieus habe Risse bekommen, glaubt der Beamte und führt dies auf den immer stärker werdenden Druck zurück, den die Polizei aufbaut.

In der Tat ist die Szene in Berlin in Aufruhr. Ganze Gruppen, sogenannte Chapter, wechseln die Seiten. Das galt früher einmal als Verrat, als im wahrsten Sinne des Wortes todeswürdiges Verbrechen. Heute wird es in vielfach teilnahmslos zur Kenntnis genommen. Einige Berliner Gruppen wurden inzwischen vom Innensenator verboten, andere sind einem Verbot zuvorgekommen, in dem sie sich selbst auflösten, auch nicht gerade ein Zeichen von Stärke.

Kronzeugen aus dem Milieu

Zudem verfügt die Polizei inzwischen auch über einen Kronzeugen, einen Aussteiger, der schon einiges über die Interna des Milieus ausgeplaudert hat. Auch der Angeklagte Ex-Rocker Holger B. hat bereits angekündigt, er wolle „Aufklärungshilfe“ zu anderen Straftaten im Rockermilieu leisten.

Auch aktive Rocker brechen inzwischen immer häufiger das einstmals eherne Gesetz, nicht mit der Polizei oder der Justiz zu reden. In mehreren Prozessen in den vergangenen Monaten haben Angeklagte bereitwillig Geständnisse abgelegt. Der letzte Rest der Rockerehre wurde nur noch dadurch gewahrt, dass alle ihre Delikte auf die eigene Kappe nahmen und angaben, ihre Brüder in den jeweiligen Rockergruppen hätten damit nichts zu tun.