Berliner Spaziergang

Noch einmal in Neukölln, wo alles begann

Da steht er wieder. Das letzte Mal, als David Kross auf dem Mittelstreifen in der Karl-Marx-Straße entlanglief, war er mit den Nerven fertig. Den Tränen nahe. Und taumelte zur Polizei. Um sich schuldig zu bekennen. Er war damals 15. Es war aber alles nur Film. Die Eröffnungsszene zu Detlev Bucks Neukölln-Drama „Knallhart“. Als wir uns zum Spazierengehen verabreden, schlägt der Schauspieler spontan Neukölln vor. Keine gutbürgerlich-idyllische Parktour, sondern mitten rein in den Kiez. Und „back to the roots“. In Neukölln war er seither öfter, allerdings eher in Kreuzkölln, also in den angesagten Ecken und Kneipen. Wie er jetzt aber wieder hier steht, auf dem Mittelstreifen neben dem Hermannplatz, wird der 23-Jährige sichtlich von seiner Vergangenheit eingeholt.

Es ist acht Jahre her, dass „Knallhart“ gedreht wurde. David Kross kam aus Bargteheide, einem idyllischen Städtchen im Schleswig-Holsteinischen. Der Kontrast zu Neukölln muss für ihn noch krasser gewesen sein als für seine Filmfigur Polischka, die aus Zehlendorf hierherkatapultiert wurde. „Das war“, sagt David Kross jetzt, auf dem Mittelstreifen, „natürlich sehr clever von Detlev Buck, mich zu besetzen. Ich hatte diesen Blick von jemandem, der aus einem behüteten Ort kommt und dann hier reingeschmissen wird, ohne Vorwarnung. Er hat das auf Film gepackt, wie ich in diese Welt gespuckt wurde.“ Das sagt er wirklich so: gespuckt. „Alles, was man benutzen kann, hat er benutzt.“

Seine erste große Filmrolle hat David Kross seiner Mutter zu verdanken. Weil die mit Detlev Bucks Frau befreundet ist. Und er hat es auch Frau Buck zu verdanken: weil sie so hart zugeschlagen hat. Bei ersten Proben noch in Bargteheide, wo auch die Bucks wohnen, spielte sie die Mutter (was im Film dann Jenny Elvers-Elbertzhagen übernahm). „Und sie hat mir so doll eine runtergehauen, dass es für mich ziemlich einfach war zu heulen. Das hat vermutlich überzeugt.“ Da untertreibt David Kross wohl. Ein wenig wird auch mitgespielt haben, dass er noch so kindlich ausgesehen hat, aber schon so eine tiefe Stimme hatte. Noch so ein Kontrast, den Buck benutzt hat.

Bei „Knallhart“ war er in einem Alter, das man gemeinhin ein schwieriges nennt und in dem kein Elternteil seinen Spross allein in die Großstadt gehen ließe. Noch dazu in einen solchen Kiez. Für den Teenager war das dagegen ein großes Abenteuer. Plötzlich eine eigene Wohnung haben. Und dann noch in Berlin. Und keiner am Set hat ihn wie ein Kind behandelt, sondern als Gleichwertigen. Na gut, räumt er ein: „Die Wohnung habe ich mit der Tochter von Detlev Buck geteilt.“ Sie hat das Making-of zum Film gedreht. Sie war vier Jahre älter. Und: „Sie hat wohl auch ein bisschen auf mich aufgepasst.“

Die Wohnung lag in Charlottenburg, eine ruhige, verschlafene Ecke. Hier aber hat er eigentlich nur übernachtet. Frühmorgens ging’s dann einmal quer durch die Stadt. Dahin, wo es nicht ganz so gemütlich ist. Krasser Kontrast. Als die Szene am Hermannplatz gedreht wurde, war David Kross auch wirklich fertig. Nach einem Nachtdreh musste er gleich um fünf Uhr morgens wieder ran. „Da war hier keine Menschenseele, alles leer.“ Völlig anders als das Gewusel, jetzt, am Sonnabendnachmittag. Kross staunt auch sonst, wie sehr sich die Gegend in den acht Jahren verändert hat.

Erste Erfahrungen in Berlin

Als „Knallhart“ damals in die Kinos kam, wurde heiß diskutiert über Gewalt an den Schulen und Jugendkriminalität. Als dann noch die Diskussion um die Rütli-Schule aufkam, war es der Film der Stunde. David Kross hat damals allerdings ein ganz anderes Berlin kennengelernt: „Wir haben viel auf offener Straße gedreht, ohne Absperrung, die Kamera war oft versteckt. Als ich da etwa in einem Hausflur verprügelt wurde, kamen Leute, die wollten helfen, wollten das verhindern. Wir mussten immer wieder erklären, dass alles nur Film ist.“

Wir sind ein Stück die Hasenheide hinuntergelaufen und biegen jetzt links in den Volkspark ein. Da wurden auch Szenen gedreht, wie er als Polischka zum blutjungen Drogendealer wird und bei einer Razzia davonkommt, weil er seine „Ware“ in einem aufgeschlitzten Fußball versteckt. Haben die Leute nicht komisch geguckt, als die Dealer-Szenen hier gedreht wurden? „Nee“, grinst er, „für die war das ja ganz normal. Das passiert doch ständig hier.“ Wie zum Beweis stehen hier drei dunkelhäutige Männer, die uns mit erwartungsfrohen Augen anschauen, aber, als David Kross von „Razzia“ spricht, sehr schnell in verschiedene Richtungen entschwinden. Der Park war nur eine kleine Schlaufe, über die Wissmannstraße kommen wir wieder auf den Hermannplatz. Jetzt könnten wir die Karl-Marx-Straße hinunter, auch dort wurde viel gedreht. David Kross möchte aber lieber Richtung Kottbusser Tor. Das ist ein weites Stück Weg, geben wir zu bedenken, er hat aber Zeit mitgebracht.

In Berlin war er schon mit zwölf Lenzen das erste Mal. Mit seinem ersten Film gleich auf der Berlinale. Der hieß „Hilfe, ich bin ein Junge!“ und lief auf dem Kinderfilmfest. Kross hatte da aber nur eine ganz kleine Rolle, an das Festival hat er fast keine Erinnerung mehr. Und von Berlin hat er schon gar nichts mitbekommen. Die Stadt lernte er wirklich erst durch „Knallhart“ kennen. Und das gleich doppelt. „Knallhart“ kam dann ja auch auf die Berlinale. „Ich hab mir das recht blauäugig so vorgestellt, dass wir da an einem Abend den Film präsentieren und sonst viel Zeit haben, die Stadt zu erkunden. Ich hatte keine Ahnung, was für ein Rummel das wird.“ Als er dann von zu Hause auszog, war für ihn klar: Es konnte nur Berlin sein. Hier wohnt er jetzt seit zwei Jahren in Mitte. In Neukölln ist er dagegen eher selten. Richtig auskennen tut er sich in dieser Gegend nicht. Er hat wohl auch unterschätzt, wie lange sich der Kottbusser Damm hinzieht.

Aber das ist ein guter Anlass, von seinem weiteren Werdegang zu sprechen. Im Making-of von „Knallhart“ gibt es ein kurzes Interview, in dem der 15-Jährige während des Drehs ein wenig verdruckst sagt: „Weißt du, worauf ich überhaupt keinen Bock hab? So bisschen berühmt zu werden.“ Und auf die Frage, warum denn, meint er knapp: „Das nervt.“ Berühmt ist er seither geworden. Er kann zwar nach wie vor durch die Straßen laufen, ohne erkannt oder dumm angequatscht zu werden. Unser Spaziergang ist der beste Beweis. Aber wie kein zweiter deutscher Schauspieler, Schweiger und Schweighöfer inbegriffen, hat er in kürzester Zeit eine Riesenkarriere hingelegt. Hat nicht nur in deutschen Spielfilmen wie „Krabat“ die Hauptrolle gespielt, sondern auch in Hollywoodproduktionen wie „Der Vorleser“ neben Kate Winslet oder in Steven Spielbergs Epos über den Ersten Weltkrieg, „Gefährten“. Am 12.September startet bei uns eine französische Adaption des ur-deutschen kleistschen Stoffes „Michael Kohlhaas“, wo er an der Seite des Bond-Bösewichts Mads Mikkelsen zu sehen ist. Und zu Weihnachten läuft in Frankreich eine Neuverfilmung von „Angelique“ an – mit ihm als Louis XIV. Halt, da muss er kurz stehen bleiben und sein Smartphone aus der Tasche ziehen. Im Nu zeigt er mir Fotos von sich als Sonnenkönig, in barockem Kostüm, mit Puder und Perücke. „Irre, oder?“ In dieser Aufmachung wäre man bei jedem Kostümfest die Hauptattraktion.

David Kross war schon öfter in Cannes. Und auch einmal bei der Oscar-Verleihung, neben Kate Winslet, als die für „Der Vorleser“ ausgezeichnet wurde. David Kross ist bei alledem ganz „normal“ geblieben. Nicht abgehoben wie so mancher Jungstar. Und ohne jedes divenhafte Gebaren. Ein Star, der eigentlich gar keiner sein will. Muss er sich nicht manchmal selber zwicken, wie weit er mit 23 schon gekommen ist? Und mit wem er so alles dreht? „Nee“, sagt er und schüttelt energisch den Kopf. „Da hab ich einen Schutzmechanismus. Solange wir drehen, gibt es andere Probleme. Wie pack ich die Rolle? Wie leg ich diese Szene an?“ Und: „Ein Spielberg ist auch nur ein Regisseur, auch wenn der Set natürlich viel riesiger ist als bei deutschen Produktionen.“ Das Zwicken, das komme erst später, wenn er in der Premiere sitzt und den fertigen Film sieht. „Erst dann verarbeite ich das. Das ist vielleicht auch ganz gut.“ So eine Kamera ist auch ein großer Gleichmacher. „Michael Kohlhaas“ etwa wurde komplett auf Französisch gedreht. Eine Sprache, die Kross nicht so gut beherrscht. Aber auch mit dem großen Dänen Mikkelsen spricht es sich leichter, wenn beide in einer fremden Sprache sprechen.

Jetzt müssen wir natürlich auf Kate Winslet kommen. Und die Frage stellen, die er immer wieder zu hören kriegt. Wie das so war mit ihr im Bett? Er hat schon geahnt, dass er nicht daran vorbeikommen würde. Und druckst ein wenig herum. Natürlich, gibt er zu, habe er anfangs „Fracksausen“ gehabt. Und dass jeder neidisch auf ihn war, habe es nicht unbedingt besser gemacht. „Aber sie hat gleich die Arme ausgebreitet, ‚Hallo‘ gesagt und mich umarmt.“

Im Bett mit Kate Winslet

Das Problem mit den Sexszenen hat er lange verdrängt. Dafür hatte er auch genug Zeit. „Wir mussten warten, bis ich meinen 18. Geburtstag hatte. Es gibt da so ein Gesetz in den USA, das Minderjährige vor Missbrauch schützt, aber das wird da gleich so überzogen, dass das auch bei Dreharbeiten greift.“ Da kann er sich richtig aufregen: „Es ist so typisch für die USA: Du darfst legal Waffen besitzen, aber keinen Sex vor deinem 18. haben.“ Alle am Set warteten dann auf seinen Geburtstag. Der wurde denn auch groß begangen, eine Party auf einem Parkhausdach, Strandbar inklusive. „Aber dann wurden in den letzten zwei Drehtagen alle Sexszenen gebündelt gedreht.“ Da blieb fürs Genieren gar keine Zeit. Es scheint, als sei David Kross mit seinen Filmen erwachsen geworden.

Wir sind inzwischen am Kotti-Tor angelangt. Stehen jetzt vor der Adalbertstraße 3-4, jenes bekannte hässliche Haus, das quer über die Straße gebaut wurde. Hier hatte David Kross seine allererste Stunt-Szene, als er in „Knallhart“ von hinten zu Boden geworfen wurde. Irgendwie spricht auch er lieber über solche Gewalt- als über Bettszenen. Aber er findet nicht auf Anhieb den richtigen Durchgang, in dem das gedreht wurde. Ist ja auch acht Jahre her. Wieder zückt Kross, ganz Kind seiner Zeit, sein Smartphone, googelt sich den Stadtplan. Er muss es von oben sehen. Dann ist klar: „Ah, auf der anderen Seite!“ Wir sind Richtung Skalitzer Straße statt Richtung Reichenberger gelaufen. Vor Möbel-Olfe, da haben sie ihn zu Boden geworfen. Auf eine Matte. Mit Knieschonern unter der Hose. Hat man natürlich nicht gesehen. Der Dreh blieb ihm dennoch nachhaltig in Erinnerung. Er ist hier auch im übertragenen Sinn in ein neues Leben geschubst worden.

Wir sind am Ziel. Jetzt überlegen wir kurz, ob wir irgendwo gepflegt einen Kaffee trinken oder etwas beim Türken essen. David Kross entscheidet sich für Letzteres. Das passt besser zu unserer Geschichte. Aber hier hat er auch, trotz Film-Catering, während der Drehpausen gern gegessen. Und den Imbiss findet er auch auf Anhieb: den „Konak Grill“ in der Reichenberger Straße. Wir bestellen zwei mal Köfte im Brot, die volle Ladung, mit Zwiebeln und Knoblauchsoße. Das schmeckt, wie sich herausstellen wird, wirklich gut. Und wird auch frisch zubereitet. Weshalb man allerdings ein bisschen warten muss.

Wir kriegen die Bestellnummer 36, gerade bekommt aber erst Nummer 31 sein Essen. Der, ein Türke um die 30, guckt kurz zu uns herüber, überlegt. Und dann kommt er doch, der Moment des Erkennens: „Ey, bist du nicht der Typ aus ‚Knallhart‘? Hab dich doch gleich erkannt. Hammerharte Rolle.“ Der Mann freut sich sichtlich. „Ein Kumpel von mir hat da auch mitgespielt, Hassan. Kannste dich an den erinnern?“ Er will schon weg mit seinem Essen, muss dann aber noch mal nachhaken: „Hast du seitdem wieder was gemacht?“ David Kross grinst leise in sich hinein. Kate Winslet hat ihn in die Liebe eingeführt, Steven Spielberg hat ihn in den Krieg geschickt. Für manche Berliner aber wird er immer der Junge aus dem Neukölln-Film bleiben. Gut möglich, dass ihm das ganz lieb ist.