Bürgerkrieg in Syrien

„Alle haben Angst vor den beiden Seiten“

Die Weltmächte sind über einen militärischen Einsatz in dem zerrissenen Land uneins. Die in Berlin lebenden Syrer auch

Die Lage in Syrien ist äußerst angespannt. Vieles deutet auf einen schnellen Luftschlag des Westens hin, der die Regierung von Präsident Baschar al-Assad schwächen soll. Das Land scheint unwiederbringlich zerrissen. Und bei den Exil-Syrern in Deutschland ist das nicht anders.

Samed El-Hamid ist Vorsitzender der Deutsch-Syrischen Gesellschaft. Der 62-Jährige kam 1976 nach Deutschland, um sich fortzubilden, der Liebe wegen blieb er. Der Chefarzt einer Kinderklinik in Gummersbach ist ein ausgesprochener Gegner eines etwaigen Militärschlags des Westens: „Bei einem Angriff würden Millionen fliehen, Hunderttausende würden nach Europa kommen. Und bringen würde es nichts.“ Er glaubt, dass „chirurgische Luftschläge“ eine Illusion seien, dass viele Zivilisten sterben würden. Und er vermutet unter den Rebellen überwiegend Dschihadisten und Salafisten. „Assad ist sicherlich kein Demokrat in unserem Sinne, aber er ist immer noch besser als diese Leute.“ El-Hamid hofft deshalb, dass der syrische Staat sich militärisch durchsetzt.

Hoffen auf deutsche Vermittlung

Den Einsatz von Chemiewaffen hält El-Hamid für eine Inszenierung der Aufständischen. „Das waren die Rebellen selbst. Assad würde niemals diese rote Linie der Amerikaner überschreiten. Wenn er das gemacht hätte, wäre er verrückt“, sagt El-Hamid. Er hofft auf die Vermittlung der Deutschen – „die werden von allen geschätzt“ –, um zu einer friedlichen Lösung des Konflikts zu kommen, nach der dann ein neues Syrien aufgebaut werden könnte. Dennoch sieht El-Hamid die Wahrscheinlichkeit für einen Angriff bei 60 Prozent.

Auf der Berliner Sonnenallee, wo viele Araber ihre Geschäfte haben, herrscht indes eine ganz andere Stimmung als beim Chef der Deutsch-Syrischen Gesellschaft. Lutfi Alhabbal sitzt im Hinterzimmer seines Ladens für Wasserpfeifen und orientalische Musik. Der 38-Jährige kam bereits 1989 nach Deutschland, sein Vater hat noch für die syrische Botschaft in der DDR gearbeitet.

Alhabbal zeigt auf seinem Computer schreckliche Bilder von Kindern, denen das halbe Gesicht von Regierungstruppen weggeschossen worden sein soll. „Wir wollen ein freies und demokratisches Land“, sagt er. „Alles fing an mit sechs Schülern in Südsyrien, die etwas von Freiheit an die Wand gekritzelt haben. Denen wurden dann die Fingernägel rausgezogen!“ Alhabbal erzählt, was Assads Schergen den Verwandten gesagt haben sollen, als diese ihre Kinder wiederholen wollten. „Man sagte ihnen: ‚Vergesst eure Kinder. Bringt eure Frauen, wir machen ihnen neue.‘ Das hat ein Feuer entfacht.“

Alhabbal hofft und glaubt, dass der Westen angreifen wird. Eigentlich hätte das schon vor zwei Jahren geschehen sollen, meint er. „90 Prozent der Syrer sind dafür, nur die Alawiten sind dagegen und alle, die etwas von Assad haben“, sagt er. Für ihn ist Assad ein Nichtsnutz wie Kim Jong-un, der Diktator von Nordkorea: „Sie haben beide das Land von ihren Vätern bekommen. In einem normalen Staat wäre Assad nicht mal Tierarzt!“ Dabei kann sich Alhabbal nicht vorstellen, dass es noch einmal ein Zurück zur alten Situation gibt. Zu viel sei schon geschehen.

Dass ein Großteil der Rebellen gefährliche Islamisten seien, hält er für eine Lüge. „Assad sagt: ‚Ich kämpfe gegen Terroristen.‘ Aber er kämpft gegen sein Volk.“ Dabei gab es, so will Alhabbal glauben machen, die ersten sieben Monate der Aufstände gar keine Waffen bei der Opposition. „Erst dann haben wir angefangen, uns zu wehren.“ Die Al-Qaida-Kämpfer aufseiten der Rebellen gefallen ihm nicht. Aber sie haben die modernsten Waffen und kämpfen an der Seite der Freien Syrischen Armee, die ihrerseits oft noch mit Maschinengewehren aus den 60er-Jahren schießt. „Sollen wir die wegschicken, wenn sie uns helfen? Das können wir uns nicht leisten. Wir werden uns später darum kümmern. Wir wollen friedlich und demokratisch leben, und das werden wir auch erreichen.“

Dann zeigt Alhabbal ein Bild einer älteren, schwer misshandelten Frau aus Syrien. Ihr Verbrechen: „Sie ist die Mutter eines syrischen Musikers, der in New York lebt. Er hatte bei Facebook etwas Schlechtes über Assad geschrieben. Da wurde seine Mutter von Assads Leuten abgeholt.“ Mit solchen Gewaltakten wolle die Regierung die Opposition einschüchtern. „Aber das schreckt uns nicht ab. Das gibt uns noch mehr Mut!“

Alhabbal glaubt, dass es bei einem Luftschlag des Westens natürlich zivile Opfer geben wird. „Assad positioniert seine Waffen in Wohngebieten. Denn die zivilen Opfer werden ihn freuen, er wird sie für seine Propaganda nutzen.“ Trotzdem will der Händler den Angriff. „Assad tötet jeden Tag, es sind schon weit über 100.000 Opfer. Das muss ein Ende haben.“

Ein paar Meter weiter liegt das Wasserpfeifen-Café „Umkalthum“, benannt nach der berühmtesten ägyptischen Sängerin aller Zeiten. Hier sitzen arabische Männer jeden Alters und rauchen. Es liegt Freude in der Luft. Faruk, ein etwa 60-jähriger Libanese, spricht gepflegtes Oxford-Englisch.

In Beirut Englisch gelernt

Er stimmt mit Lutfi Alhabbal überein: „Wir alle freuen uns, wenn die Amerikaner endlich losschlagen. Der einzige Fehler ist, dass sie es nicht schon längst getan haben. Die Einzigen, die dagegen sind, sind die Schiiten aus dem Iran.“ Faruk hat den Libanon schon vor 40 Jahren verlassen, 20 Jahre lebte er in den Golfstaaten, seit 20 Jahren in Deutschland. Er spricht aber immer noch lieber das geschliffene Englisch, das er in Beirut gelernt hat. Auch Mohammed, ein 25-jähriger Syrer, der gerade vor zwei Monaten über die Türkei und Griechenland nach Deutschland entkommen ist, will, dass „Assad weggebombt wird“. Er sitzt in einem irakischen Handyladen neben dem Wasserpfeifen-Café, ein libanesischer Palästinenser übersetzt für ihn. Zumindest in diesem kleinen Kosmos scheint die panarabische Freundschaft zu funktionieren. Mohammed kommt aus Hama, 45 Kilometer nördlich der vom Krieg zerstörten Stadt Homs. „Meine ganze Familie ist noch da, vor zwei Tagen gab es in der Stadt wieder schwere Kämpfe, ich mache mir große Sorgen“, erzählt er. Er hat in Deutschland Asyl erhalten und glaubt, dass immer mehr Syrer versuchen werden, seinen Weg zu gehen. Assad sei ein Diktator und ein Krimineller. „Drei Millionen Syrer sind für ihn, 18 Millionen gegen ihn.“ Mohammed will nicht mehr nach Syrien zurück, ihm gefällt es in Berlin: „Da unten ist alles kaputt!“

In einem Hummus-Restaurant an der nächsten Straßenecke arbeitet Hossam als Koch. Die Mutter des 27-Jährigen, der im Jahr 2000 aus dem Libanon nach Deutschland kam, stammt aus Damaskus. „Der Westen soll eingreifen. Der Gebrauch der chemischen Waffen muss unbedingt bestraft werden, sonst machen das irgendwann alle“, sagt er.

Er erzählt von den schrecklichen Zuständen in der abgeriegelten, von Rebellen und Regierungstruppen umkämpften Hauptstadt. Seine Verwandten, von denen die meisten dort festsitzen, können seinen Angaben zufolge nur etwa einmal alle zwei Wochen telefonisch erreicht werden. Die Männer harren in den Häusern aus. „Alle fürchten sich rauszugehen, alle haben Angst vor den beiden Seiten. Es ist sehr gefährlich, keiner weiß, wer zu wem gehört. Viele werden einfach erschossen, auch Kinder“, erzählt Hossam. Nur die Frauen gingen manchmal auf die Straße, um Brot zu holen, das schon knapp geworden sei. Hossam hofft, dass nach einem Angriff des Westens Ruhe einkehrt. „Die wollen dort auch leben wie hier in Europa. Hier gibt es Rechte und Regeln. Assad hat sein ganzes Land kaputt gemacht, er hätte einfach abtreten sollen.“