Internet

Grenzenlos verbunden

Internet-Telefonie: Kostenlose Videoanrufe bringen 300 Millionen Menschen weltweit zusammen. Skype feiert sein zehnjähriges Bestehen

Friedrich Hölderlin wusste, wie er seinem Trennungsschmerz am besten Weg bereiteten konnte: „Dank! tausend Dank, liebe Louise, für Deinen zärtlichen tröstenden Brief! Er hat mich wieder froh gemacht. (…) wenigstens als Andenken jener seeligen Tage, wo wir so ganz für uns lebten (…). “ Diese Zeilen schrieb der werdende Dichter 1790 an seine Jugendliebe Louise Nast. Damals dauerte es noch Tage, oft gar Wochen, bis seine Zeilen die Adressatin erreichten. Keine schöne Zeit für die Liebenden, ohne ein Wort des Anderen.

Wie einfach Fernbeziehungen dagegen heute erscheinen. Wissenschaftler konstatieren seit Jahren eine leichte Zunahme dieser Lieben auf Distanz, die emotionale Kehrseite der globalisierten Welt. Doch tausende Kilometer, unterschiedliche Kontinente und Zeitzonen sind mit ein paar Mausklicks am Computer vergessen, wenn plötzlich ein Klingeln ertönt und der Anrufer vom anderen Ende der Welt via Skype live und in Farbe auf dem Bildschirm erscheint.

Vor zehn Jahren registrierten der Schwede Niklas Zennström und sein dänischer Partner Janus Friis die Internet-Adressen skype.com und skype.net und legten damit den Grundstein für eine dieser vielen Erfolgsgeschichten im Internet. Im August des Jahres geht es richtig los: Friis und Zennström stellen ihr Gratisprogramm ins Netz. Markenzeichen wird ein weißes „S“ auf blauem Grund.

Medienberichte damals zeigen sich skeptisch, die Tester empfehlen Skype-Nutzern den noch nicht sehr verbreiteten Breitbandanschluss DSL. Doch obwohl die Übertragungsqualität vorerst zu wünschen übrig lässt und die Videotelefonie erst im Januar 2006 eingeführt wird, trifft das Programm den Nerv der Zeit – besonders bei jenen, die auf Entfernung lieben. Skype bedeutet für viele Fernbeziehungen und -freundschaften eine kleine Erlösung vom ewigen Trennungsschmerz. Mit dem Lieblingsmenschen reden, lachen, kochen oder einschlafen. Der Internettelefondienst macht all dies möglich.

Zwei Milliarden Minuten täglich wird Skype zum Chatten und Telefonieren genutzt, wie Unternehmenschef Tony Bates kürzlich auf dem Firmenblog mitteilte. Ein Nutzungsrekord, schrieb Bates. Damit habe man bewiesen, dass sich Skype als tägliches Kommunikationsmedium etabliert habe. Tatsächlich ist das Programm simpel zu handhaben: Es ist binnen weniger Minuten auf dem Rechner installiert. Lediglich eine Kamera und ein Mikrofon sind noch notwendig, die mittlerweile in fast jedem Rechner standardmäßig eingebaut sind.

Besonders Akademiker chatten

Für viele Menschen ist Skype tatsächlich schon lange Alltag. Für Studenten, die ein paar Semester im Ausland verbringen und die Daheimgebliebenen teilhaben lassen wollen, für viele Pendler, die ihren eigentlichen Lebensmittelpunkt nicht am Arbeitsort haben, und für all diejenigen, die es in die Ferne zieht und die Zuhause trotzdem nicht missen wollen. „Insbesondere die Zielgruppe der jungen, die Welt bereisenden Akademiker ging den klassischen Telefonanbietern an Skype verloren“, sagt Torsten Gerpott, Forscher für Telekommunikationswirtschaft an der Mercator School of Management in Duisburg.

Stephanie erging es so, als sie 2008 in ihr Auslandssemester nach Dublin aufbrach. Zwei Flugstunden, 1800 Kilometer Entfernung, von ihrem Heimatort Pulsnitz ins Sachsen. „Die erste Zeit hatte ich nicht das Bedürfnis zu skypen, einfach weil ich so viel Neues erlebte. Aber nach und nach war ich so froh, meine Familie durch Skype bei mir haben zu können.“ Zum Beispiel, als ihr Opa am Herz operiert werden musste. „Das Gesicht meiner Mutter auf dem Bildschirm zu sehen und zu wissen, dass es ihm gut ging. Das war wirklich unbezahlbar.“

Dabei zu sein, obwohl man nicht da ist. Eine Geschäftsidee, deren Potenzial noch nicht einmal die Väter von Skype in allen Konsequenzen hätten ermessen können. Zu verwegen die Idee, Menschen künftig über das Internet telefonieren zu lassen. Zehn Jahre später machen fast 300 Millionen Menschen jeden Monat genau das: Sie telefonieren, teilweise stundenlang – und das gratis. In Spitzenzeiten sind 50 Millionen Nutzer gleichzeitig verbunden. Mittlerweile steht Skype in jedem Ratgeber für Fernbeziehungen. Der Reiz besteht freilich darin, das Gegenüber bei den Ferngesprächen auch zu sehen. Skype schafft das, was Fernbeziehungen qua definitionem vermissen lassen: Die Präsenz des anderen.

Auch Stephanie wusste Skype besonders in dem Moment zu schätzen, als sie den Sommer 2011 in Melbourne verbrachte. Kurz vorher war die heute 27-Jährige mit ihrem Freund Roland zusammengekommen. „Ich hatte die Zusage für ein Praktikum am Goethe-Institut bekommen, für das ich mich lange vorher beworben hatte.“ Als ihre Telefonrechnung im ersten Monat bei über 150 Euro lag, verlegten die beiden ihre täglichen Gespräche auf Skype – auch wenn die lahme Internetverbindung beide oftmals Nerven kostete. „So konnten wir wenigstens ein bisschen gemeinsamen Alltag haben.“

„In Fernbeziehungen erzählen sich die Partner häufig nicht von kleineren Problemen oder Entscheidungen, weil sie diese als zu banal empfinden oder den anderen damit nicht belasten wollen“, weiß Jens B. Asendorpf von der Humboldt-Universität Berlin. Ein Fehler, sagt der Psychologe. „Gerade dieses Einbeziehen hilft bei einer räumlichen Trennung“, so Asendorpf. Der Partner spielt auch in alltäglichen Situationen eine Rolle. Skype kann helfen: „Da gibt es keinen Stress, so schnell wie möglich alle wichtigen Dinge zu erzählen, weil der Münzzähler des Fernsprechers rattert.“

Auch für Roberto ist Skype zum Beziehungshelfer geworden. Der 26-jährige Student absolvierte 2012 in Izmir an der türkischen Ägäisküste ein Praktikum bei einem Hersteller für Unterwasserpumpen, während seine Freundin in Dresden weiterstudierte. „Sarah und ich haben abends stundenlang gesprochen. Nachts sind wir manchmal zusammen eingeschlafen, jeder mit dem Laptop im Bett.“ Nun, ein Dreivierteljahr später führen die beiden wieder eine Fernbeziehung, diesmal zwischen Berlin und Dresden. Zwar greifen die sie nun öfter zum Telefon, doch auch Skype ist noch im Rennen, weil das kostenlose Videotelefon mehr Nähe schafft.

Wie eine persönliche Verabredung

Denn im Gegensatz zum normalen Telefongespräch gleicht ein Skype-Gespräch eher einer persönlichen Verabredung. Den Hörer mal eben zwischen Ohr und Schultern klemmen und nebenbei den Abwasch erledigen. Keine Chance. „Für Skype nimmt man sich Zeit, man investiert etwas“, sagte Stephanie. „Das ist immer etwas Besonderes. Man überlegt sich, was man anzieht, und kämmt sich vorher noch mal die Haare, um in der Kamera gut auszusehen. Wie bei einem echten Date.“

Nichts scheint unmöglich, auch Sex nicht. Selbst Hochzeiten werden mittlerweile via Skype vollzogen – mit den Trauzeugen auf dem Bildschirm statt neben dem Altar. Nach Angaben von Skype nutzen den Dienst immer mehr Brautpaare, um ihre Hochzeitsgäste an der wichtigsten Zeremonie ihres Lebens teilhaben zu lassen: In einer von Skype durchgeführten Studie gaben 51 Prozent der Befragten an, sie könnten sich vorstellen über Skype mitzufeiern, sollten sie aufgrund von Distanz, Zeitmangel oder Krankheit verhindert sein.

Wenn es nach Firmenchef Tony Bates geht, ist Skype zum Kommunikationsmittel der globalen Gesellschaft geworden. „Aber wir sind noch nicht am Ende“, so Bates. „Stets sind wir auf der Suche nach noch mehr Möglichkeiten zum Verbindung und Teilhabenlassen.“ Dichter Hölderlin hätte das mit Sicherheit gefreut.