Interview

„Neue Mediendienste erleichtern es, mit der Trennung fertig zu werden“

Sozialpsychologin Prof. Dr. Andrea E. Abele-Brehm forscht und lehrt an der Universität Erlangen-Nürnberg. Christin Bohmann sprach mit ihr darüber, wie Beziehungen trotz großer Entfernungen funktionieren können – auch dank neuer Mediendienste wie Skype.

Berliner Morgenpost: Welche Schwierigkeiten bringen Fernbeziehungen in der Regel mit sich?

Andrea E. Abele-Brehm:

Es fehlt das alltägliche Miteinander, zum Beispiel der abendliche Bericht, was so alles am Tag geschehen ist, und auch die gemeinsame Organisation des Alltags. Jedes Treffen ist etwas Besonderes – das ist einerseits schön, weil man sich auf den anderen freut, andererseits potenziell belastend, weil ja auch die Erwartungen sehr hoch sind, weil man sich so selten sieht.

Beeinflussen neue Mediendienste wie Skype die Bereitschaft der Menschen, sich auf eine Fernbeziehung einzulassen?

Das scheint mir eher umgekehrt: Neue Mediendienste erleichtern es, mit der Trennung fertig zu werden; aber es ist sicherlich nicht so, dass Personen aufgrund des Vorhandenseins dieser Dienste sich eher zu einer Fernbeziehung entscheiden.

Warum nehmen so viele Menschen die ewigen Abschiede auf sich?

Weil die heutige Arbeitswelt ein extrem hohes Maß an sowohl zeitlicher als auch räumlicher Flexibilität erfordert; gerade Personen, die beruflich aufsteigen wollen, müssen häufig den Arbeitsort wechseln. Aber auch andere können gezwungen sein, ihren Arbeitsort zu wechseln, zum Beispiel wenn eine Firma Insolvenz anmeldet, Arbeitsplätze abbaut. Auch kann es sein, dass man den Partner am Studien- oder Ausbildungsort kennengelernt hat und sich dann anschließend Beschäftigungen an unterschiedlichen Orten ergeben. Im Lebenslauf macht es sich gut, wenn man im Ausland war. Es gibt viele Faktoren, die es heute nahezu zwingend erscheinen lassen, Trennungen auf Zeit auf sich zu nehmen.

Sind Fernbeziehungen pragmatischer als „Nahlieben“?

Nein, das kommt immer auf die Partner an, wie pragmatisch eine Beziehung ist. Allerdings braucht man schon Pragmatismus, wenn man eine Fernbeziehung über eine längere Zeit hinweg aufrechterhalten möchte.

Welche persönlichen Eigenschaften sind wichtig, damit eine Fernbeziehung funktioniert?

Man braucht ein gehöriges Maß an „Frustrationstoleranz“, die Fähigkeit, Bedürfnisse aufzuschieben, aber auch, nicht enttäuscht zu sein, wenn das heiß ersehnte Wochenende zu zweit doch nicht so himmelhochjauchzend ist wie erhofft. Planung und klare Zielsetzungen sind wichtig, aber auch eine gewisse Unabhängigkeit und Selbstständigkeit.

Welche Tricks gibt es generell für Fernbeziehungen?

Paare sollten auch bei Fernbeziehungen versuchen, Regelmäßigkeiten und Gewohnheiten zu entwickeln, zum Beispiel wie häufig man sich mindestens treffen möchte, wann und wie häufig Kontakt via Internet besteht, welche Routinen man an den gemeinsamen Wochenenden entwickelt, wie viel Zeit man sich wirklich für den Partner am gemeinsamen Wochenende nimmt – die Selbstverständlichkeiten, die sich beim alltäglichen Zusammenleben ergeben, sollten ein Stück weit auch in Fernbeziehungen entwickelt werden. Ganz wichtig ist auch, dass man einen gemeinsamen Freundeskreis aufbaut. Es ist eher ungünstig für die Beziehung, wenn sich im Laufe der Zeit völlig getrennte Freundeskreise an den beiden Wohn- beziehungsweise Arbeitsorten entwickeln.