Jonny-K.-Prozess

Tina K.: „Keiner kann jetzt sagen: Ich war nicht dabei“

Schwester von Jonny K. im Interview über das Urteil

Berliner Morgenpost:

Der Prozess ist vorbei. Sind Sie erleichtert?

Tina K.:

Erleichtert ist der falsche Ausdruck. Ich hatte mich tatsächlich schon daran gewöhnt, ins Gericht zu gehen, die Puzzleteile zusammenzusetzen. Dass jetzt alles vorbei ist, wirkt nicht real, aber gut ist, dass ich mich jetzt wieder auf das Positive in meinem Leben konzentrieren kann. Und auf unseren Verein „I Am Jonny e. V.“, der sich für ein friedliches Miteinander einsetzt.

Entspricht das Urteil Ihren Erwartungen?

Ich habe gar nichts erwartet. Aber ich habe gehofft, dass alle sechs verurteilt werden. Dass keiner von ihnen am Ende sagen kann: Ich war nicht dabei. Denn sie waren alle dabei. Und ich finde, dass mit diesem Urteil ein eindeutiges Zeichen gesetzt wurde, dass, wenn du als Gruppe jemanden schlägst, dann bist du dafür verantwortlich, für das, was du getan hast.

Finden Sie das Strafmaß ausreichend?

Ich finde es gut, dass sie jetzt eingesperrt werden. Ob es jetzt zwei, drei oder vier Jahre sind. Ich hoffe, dass es eine Strafe ist, die die Jungs zum Nachdenken bringt. Weil sie es im Prozess anscheinend noch nicht so richtig verstanden hatten, warum wir alle versammelt waren. Denn Tatsache ist, wäre mein Bruder an diesem Abend nicht auf die gestoßen, hätte es auch keinen Prozess gegeben. Manchmal denke ich, sie geben sogar uns die Schuld daran, geben Jonny die Schuld daran, dass er jetzt tot ist.

Haben Sie den Eindruck, dass sie nun verstanden haben, was sie getan haben?

Ich wünschte, ich könnte in die Köpfe der Jungs schauen. Und das Problem in deren Sprache verstehen. Aber das einzige Mal, dass sie etwas zu begreifen schienen oder dass sie Gefühle zeigten, war, als der Staatsanwalt sein Strafmaß gefordert und der Richter gesagt hat, so sieht es aus. Da merkten sie: Es geht jetzt um mich.

Was haben Sie gedacht, als Sie die Angeklagten das erste Mal sahen?

Ich dachte zuerst, jetzt erst recht, weil sie alle so normal aussahen. Unauffällige 19- und 20-Jährige. Das hat mich irritiert. Ich dachte, ich könnte meiner Schwester später sagen, bedrohliche Typen sehen so oder so aus. Aber das kann man nicht, man sieht die Gewalt nicht.

Einige Verteidiger behaupteten, Sie hätten eine „Medienkampagne“ angeführt. Wie haben Sie das erlebt?

Das hat mich sehr verletzt. Denn ich habe die Jungs nie verurteilt, ich habe nie verallgemeinert, ich wollte nur die Wahrheit über den Abend wissen. Ich habe dann alle Aktivitäten eingestellt, kaum noch für unseren Verein gearbeitet, um den Prozess nicht zu stören. Ich wollte nicht, dass jemand sagen kann, dass macht sie nur für den Prozess. Es geht mir bei allen Auftritten nur darum, dass meine Schwester und vielleicht auch mal meine Kinder keine Angst haben müssen. Darum, dass wir in diesem tollen Land, in dem es so viele Möglichkeiten zur Entfaltung und auch Jobs gibt, dass wir hier in Frieden leben können.

Haben Sie nun die Wahrheit über den Abend herausfinden können?

Nur bis zu dem Moment, als Jonny fällt. Was dann passiert ist, weiß man nicht. Auch nicht, welcher Schlag ihn zum Fallen gebracht hat. Die Täter haben zugegeben, ihn angefasst zu haben, aber keiner will ihn am Boden berührt haben. Manchmal, wenn ich daran denke, ist alles wie ein dunkler Raum. Und die Aussagen sind wie das Licht einer Taschenlampe. Und wir wissen nur, was die Taschenlampe uns zeigt.

Wie gehen Sie damit um?

Ich kann es nur akzeptieren. Aber ich hoffe, dass vielleicht in zehn Jahren, wenn einer von ihnen selbst einen kleinen Sohn hat, einer doch die Wahrheit sagt. Und erkennt, was wir für Schmerzen gelitten haben, und sagt, dass es ihm leidtut. Sie haben sich zwar alle entschuldigt, aber wie ist das zu verstehen, wenn keiner zugibt, Anteil an seinem Tod gehabt zu haben?

Was machen Sie jetzt?

Ich hoffe, dass „I Am Jonny“ nach wie vor so viel Unterstützung erhält wie jetzt. Dass nicht alles umsonst war. Denn die Gewalt ist immer noch da.