Kommentar

Verhandeln statt kämpfen

Jacques Schuster zur eskalierenden Gewalt in Ägypten

Es hat so kommen müssen, wie es kam. Leider. In Ägypten sind die verfeindeten Lager – hier das Militär, da die Muslimbrüder – aufeinandergestoßen. Wie viele Tote es gibt, ist zur Stunde nicht klar. Die Armee spricht von Dutzenden, die Islamisten von Hunderten. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte. Geht es um die Opfer, neigen die Muslimbrüder zur Übertreibung.

Unter Protestbewegungen überall auf der Welt mag diese Überzeichnung typisch sein. In Ägypten aber kommt eine Besonderheit hinzu. Bis heute setzt die Muslimbruderschaft auf den Mythos des Märtyrers, der auf Erden für die gerechte Sache streitet und dafür im Paradies entlohnt wird. Mit anderen Worten: Die derzeitige Führung der Muslimbrüder hält nicht viel von Gesprächen und friedlichem Protest.

Verdenken kann man es ihnen nicht. Die Islamisten sehen keine Grundlage für ein Gespräch, nachdem Mohammed Mursi, ihr frei gewählter Präsident, gestürzt wurde. Zudem beherrschen die alten Kämpen nichts anderes als die Sprache des Untergrunds. Unter Mubarak, Sadat und Nasser sind sie Opfer steter Verfolgung gewesen.

Klug ist ihre Neigung nicht. Unter der Herrschaft des Militärs kann der Kampf gegen die Verhältnisse nur in der Niederlage enden. Weiser wäre es, das Gespräch zu suchen. Zu ihm sind die Generäle und die Übergangsregierung bereit. Im „nationalen Dialog“ könnten die Islamisten nicht nur einen Bürgerkrieg verhindern, sondern auch einen Teil ihrer Interessen durchfechten. Die Bedingung dafür ist der Kompromiss.

Sind die Muslimbrüder dazu in der Lage? Unter den jüngeren Mitgliedern gibt es zahlreiche Köpfe, die weniger radikal sind als die gegenwärtigen Führer. Viele der Jüngeren halten es für falsch, die Menschen zur Frömmigkeit und zum Gebet zu zwingen.

In dieser Offenheit könnte die Lösung liegen. Die bürgerkriegsähnliche Stimmung in Kairo mag sich beruhigen, wenn sich Säkulare und moderate Muslimbrüder zusammensetzten und eine Verfassung ausarbeiteten, die rechtsstaatlich ist, ohne den Islam zu verleugnen. Sie zu entwerfen, wäre dringlicher als möglichst schnell Neuwahlen anzusetzen.