Krise

Ägypten ruft den Notstand aus

Nahost: Hunderte Tote bei Räumung der Lager der Mursi-Anhänger. Nächtliche Ausgangssperre. Auftakt der Friedensgespräche in Jerusalem

Nächtliche Ausgangssperre in Kairo und zehn anderen Provinzen. Ägypten im Ausnahmezustand. Zunächst für einen Monat. Verlängerung nicht ausgeschlossen. Es wird geschlagen. Es werden Autos und Kirchen in Brand gesetzt. Und es wird geschossen. Seit sechs Uhr Mittwochmorgen liefern sich Armee und Polizei mit den Muslimbrüdern Straßenschlachten. Tote und Verletzte werden im Minutentakt in Krankenhäuser eingeliefert. Das Gesundheitsministerium gibt am späten Abend 278 Tote an – darunter 43 Polizisten. Auch ein Kameramann des britischen Senders Sky News wurde erschossen. Und mehr als 2000Verletzte nennt das Ministerium. Tendenz steigend.

Die Gründe für das Chaos sind vielfältig, der Auslöser ist eindeutig: Polizei und Armee lösen mit Gewalt die Protestlager der Muslimbrüder am Nahda-Platz und an der Rabaa-al-Adawija-Moschee in Kairo auf. Ägyptens Vizepräsident Mohamed al-Baradei trat am Abend aus Protest gegen die gewaltsame Räumung der Camps zurück. Die Demonstranten haben haben gelobt, so lange zu bleiben, bis „ihr“ Präsident Mohammed Mursi wieder in sein Amt zurückkehrt. Der Islamist wurde am 3. Juli auf Weisung von Generalstabschef Abdel Fatah al-Sisi und nach Rücktrittsforderungen von Millionen Ägyptern aus dem Reformerlager vom Militär gestürzt und ist in Haft.

Gespräche sind gescheitert

Dass er je zurückkommen wird, ist unwahrscheinlich. Wochenlang haben ägyptische Unterhändler versucht, den Muslimbrüdern eine Plattform für Gespräche zu bieten. Doch sie scheiterten. Auch internationale Bemühungen der USA und der EU, den Konflikt friedlich zu lösen, sind fehlgeschlagen. Es musste wohl zum Äußersten kommen.

Die Armee umzingelte zunächst die beiden Lager der Mursi-Anhänger mit Panzern und Polizeifahrzeugen. Auf dem Nahda-Platz gingen einige Demonstranten tatsächlich nach Hause, doch die meisten blieben. Schließlich kämpfte sich die Polizei ihren Weg in das Lager mit Tränengas und Gummigeschossen frei. Die meisten Protestierenden flohen in die umliegenden Straßen und Gebäude. Einige wurden festgenommen, wenige verletzt. Zurück blieben verbrannte Zelte, Müll und – Waffen.

Bei Rabaa ging es nicht so glimpflich aus. Barrikaden, Rauch und Panzer trennten dort die Polizei von den Protestierenden. „Wir haben die Bäume und Zelte in Brand gesetzt, damit die Polizei uns im Rauch nicht sehen kann“, sagt Mohammed Ismail ruhig und gefasst. Der 37-Jährige steht inmitten der Protestmenge, kann allerdings selbst nicht genau sehen, was passiert. Aber hören kann er es: Es wird scharf geschossen. Nach dem Morgengebet ist er gegen fünf Uhr morgens in das Lager bei Rabaa gezogen, um gemeinsam mit seinen Muslimbrüdern gegen die ägyptische Armee und für den vermeintlichen Willen Allahs zu kämpfen. „Wir sind bereit zu sterben.“ Mohammed ist verheiratet und hat einen zwei Jahre alten Sohn und eine sechs Monate alte Tochter. Er spricht sehr gut Deutsch, denn er hat in Paderborn drei Jahre lang Maschinenbau studiert.

Auch Mustafa Mounir, ein Bekannter Mohammeds, hat keine Angst. Der 35-jährige Single ist mit einem Protestmarsch in der Nähe von Nasr City in Richtung der Rabaa-Moschee unterwegs. „Es ist unser Recht zu demonstrieren. Warum sollen wir uns nach denen richten? Es ist ungerecht, uns zu vertreiben“, sagt er. „Wir demonstrieren so lange, bis Allahs Willen durchgesetzt ist. Jeder, der nicht daran glaubt, dass Mursi zurück ins Amt kehrt, glaubt auch nicht daran, dass Allah überhaupt existiert.“

Am Rabaa-Platz hängen große Mursi-Plakate, von denen er mit Zitaten wie „Ich werde euer Leben verbessern“ herablächelt. Ein Jahr lang hatte er Zeit, sein Versprechen umzusetzen. Stattdessen ist das Land nun noch tiefer verschuldet, die Wirtschaft ist beinahe zum Stillstand gekommen, Inflation und Arbeitslosigkeit sind dramatisch gestiegen. „Seine“ Verfassung ist deutlich nach islamistischen Prinzipien und weniger nach den demokratischen Ideen der ersten Revolution ausgerichtet. Für seine vielen Millionen Gegner hat er versagt, weil Ideologie ihm wichtiger war als das Wohl der Ägypter, aller Ägypter.

Bis zum Mittag gelang es Polizei und Armee nicht, in die dichte Menge in Rabaa einzudringen. Immer wieder wurde aus der Menge heraus mit scharfer Munition geschossen. „Die Muslimbrüder sind gefährlich. Wenn sie friedlich wären, dann wäre nie Gewalt ausgebrochen“, sagt Magda Zuher. „Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sie das Ministerium für Religion stürmen wollten. Gott sei Dank kam die Polizei rechtzeitig und hat sie vertrieben und festgenommen.“ Die 47-Jährige lebt gemeinsam mit ihrem Neffen und ihrer Nichte in Kairos Innenstadt und blickt direkt auf das Gebäude des Ministeriums.

Muslimbrüder schlagen zurück

Die internationale Organisation der Muslimbrüder hat angeblich ihre Anhänger aufgefordert, im Falle einer Räumung der Protestlager das gesamte Land in Brand zu stecken. Zeitgleich mit dem Vordringen der Polizei und Armee überfielen die Muslimbrüder Kirchen und Polizeibüros in Provinzstädten. Im Kairoer Viertel Mohandessin stürmten und belagerten sie die große Mustafa-Mahmoud-Moschee und errichteten Barrikaden aus Bordsteinen. Polizeiwagen gingen in Flammen auf, ihre Fahrer wurden teilweise misshandelt. Drei Hauptbrücken über den Nil sind gesperrt, weil sich dort Horden von jungen Männern aufhalten, die alles und jeden attackieren. „Es sind ungebildete Männer, die von den Muslimbrüdern engagiert und bezahlt werden, um zu randalieren“, sagt Magda. „Für ein paar Pfund tun sie alles.“

Mohammed und seine Muslimbrüder allerdings wissen, was sie tun, und sie tun es aus religiöser, dogmatischer Überzeugung – oder Verblendung? Ihr Ziel ist klar markiert, und sie setzen sich mit allen Mitteln dafür ein. Jeden Abend warten Mohammeds Ehefrau und die Kinder in einer Mischung aus Angst und Verzweiflung darauf, ihn in der Wohnung in Dokki empfangen zu können. Wenn er einmal nicht zurückkommen sollte, werden sie ihn im Paradies wiedersehen.