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An Spree und Isar – Döner und Leberkäse

Geruchslandschaften Jeder Ort hat seinen spezifischen Geruch, sagt die gebürtige Norwegerin Sissel Tolaas. An vielen Orten hat sie erschnuppert, was die Aromen – gute, neutrale, üble – über die Örtlichkeiten aussagen. Gerüche sind identitätsstiftend, sagt sie. Neben einem Park riecht es eben anders als neben einem Industriegebiet. Die meisten nehmen das leider gar nicht wahr, sagt sie. Sissel Tolaas sind alle Gerüche recht: Schlechte gibt es nicht.

München Zurzeit nimmt sie an einem Kunstprojekt in München teil. Ihre Fragestellung, die sie bearbeitete: Gibt es einen typischen Münchner Geruch? Oder mehrere? Was ist die Geruchsidentität der Isar-Metropole? Das Ergebnis der Recherchen: München bestätigt die landläufigen Annahmen von einer reichen, schicken Stadt mit Brauereien und deftiger Biergartenkultur. München entspricht dem Klischee. Es riecht (oder duftet) nach teuren Parfüms, nach Bier, Fleisch und Leberkäse.

Berlin Auch Berlin hat Sissel Tolaas auf der Suche nach dem Typischen schon erkundet. Gut – es war nicht das ganze Berlin. Aber einige Orte, und ein Ergebnis kann man kurz umreißen: Berlin ist vielfältig. Auf Klischeegerüche wie die nach Döner und Haschisch lässt sich die Hauptstadt nicht festlegen. Oder vielleicht doch ein Klischee: Berlin ist Vielfalt.

Reinickendorf Ein geruchlich (olfaktorisch) spannender Stadtteil, den Sissel Tolaas für sich entdeckte und in dem sicherlich viele Ur-Berliner noch nie waren, ist das Märkische Viertel. Was ihr auffiel, waren die vielen Rollstuhlfahrer. Ihre Erklärung: Die vielen Hochhäuser mit Aufzügen eignen sich einfach gut für Rollis. Und der Geruch? Zum einen Fast Food und Cola. Sehr typisch ist das noch nicht. Doch dann spricht die Nasenexpertin über ihre Entdeckung: Das Märkische Viertel ist geruchlich die Insel der Sonnenbänke. Den vielen Solarien entströmt ein wundersames Bouquet von Sonnenschutzmittel, Schweiß und Hautaromen. Auch das energiereiche UV-Licht hinterlässt Spuren: Die Strahlung erzeugt aus der Luft die neuen chemischen Duftmarken von Ozon und Stickoxiden.

Charlottenburg Zu Charlottenburg äußert sich die Schöneberger Forscherin und Künstlerin eher knapp. Nichts wirklich Aufregendes sei da für die Nase zu entdecken: feines Essen, edle Möbel und teure Kleidung.

Neukölln An der Karl-Marx-Straße geht es bunter zu, mit unerwarteten Aromen. Viele Kleidungsgeschäfte für den schmalen Geldbeutel entlassen den Geruch von Synthetik-Kleidung auf die Gehwege. Hinzu kommen die chemischen Aromen von Reinigungen und Waschsalons. Versöhnt wird die Nase durch die Düfte von Köfte, Kebab und Pilav.

Mitte Am Hackeschen Markt hat Sissel Tolaas vor allem Schuhgeschäfte und Cafés detektiert. Ihr Berliner Favorit liegt etwas weiter im Osten, fast schon in Friedrichshain – und tief unten: der U-Bahnhof Jannowitzbrücke. Hier scheint ein Eldorado für Geruchshistoriker zu liegen. Hier riecht es auch viele Jahre nach der Wende noch nach Osten, nach dem Geruch der DDR schlechthin, nach dem zu DDR-Zeiten allgegenwärtigen Reinigungs- und Desinfektionsmittel „Wofasept“ aus dem Chemiekombinat Bitterfeld. Für chemisch Interessierte: Es enthielt 4-Chlor-m-Kresol und Pentachlorphenol. Die EU-Gefahrstoffverordnung listet Letzteres als „sehr giftig“. Für die Osteuropa-erfahrene Geruchsenthusiastin Sissel Tolaas ist es dennoch ein Fest, hier einmal schnuppern zu können.