Düfte

So riecht Berlin

Mit aufmerksamen Augen streicht die beige-braune Katze um die Beine des Besuchers, reckt den Kopf nach vorn und schnüffelt an der entgegengestreckten Hand. Kenne ich dich schon? Nein, aber ich merke mir deine biometrischen Daten – sprich: deinen Geruch. Das Raubtier erkundet die Welt instinktiv – seiner Natur gemäß. Seine Nase sortiert die Umwelt nach bekannt oder unbekannt, gefährlich oder ungefährlich, nützlich oder unnütz.

Mehr reflektierend als instinktiv befasst sich Sissel Tolaas, die Besitzerin der Katze, mit Gerüchen. Die sind ihre Passion und ihre Profession. Es ist schwer, der gebürtigen Norwegerin eine griffige Berufsbezeichnung zuzuordnen. Sie ist vieles zugleich: Forscherin, Künstlerin, Dienstleisterin, Pädagogin. Sie erkundet die Gerüche von Orten und was sie über deren Charakter der Lokalitäten aussagen, wie sie vielleicht sogar identitätsstiftend wirken.

Sie entwickelt Düfte und gibt Workshops zur Geruchswahrnehmung, unter anderem für Kinder. So, wie sie diese Kinderprojekte beschreibt, scheint es sich um eine Art Abenteuerspielplatz für Nase und Gehirn zu handeln. So vielfältig sind die Betätigungsfelder, dass sie sich konsequenterweise „professional in-betweener“ nennt. Sie ist also eine, die sich professionell zwischen den Disziplinen bewegt.

Sissel Tolaas, 1965 in Stavanger geboren, empfängt den Gast in ihrem weitläufigen Labor und Studio in einem Schöneberger Altbau. Sie hat gebeten, sich auf Englisch zu unterhalten. Das falle ihr leichter als Deutsch, „weil ich Englisch denke“. Sie lebt seit Anfang der 90er-Jahre in Berlin, aber ihre Aktivitäten führen sie rund um den Globus: Peking, New York, Liverpool, Kuwait, Venedig, Nuuk auf Grönland, um nur einige Städte zu nennen. An der Stanford University in Kalifornien ist sie Professorin für unsichtbare Kommunikation und Rhetorik.

Immer geht es um Gerüche, auch solche, die landläufig negativ besetzt sind. Zwar gehören Mode- und Duftlabels, Kosmetikfirmen und Autohersteller zu ihren Partnern, doch Sissel Tolaas unterscheidet nicht zwischen Wohlgeruch und Ekelmief – alle sind interessant. Meist missachteten ihre Mitmenschen die Welt der Aromen, beklagt sie. „Kaum jemand hat ein Bewusstsein für Gerüche, kaum jemand reflektiert sie“, sagt die Wahlberlinerin. Und auf der anderen Seite: „Heute sind alle parfümiert. Aber so verdrängen wir eine Menge Informationen.“

Sammlerin von Gerüchen

Sissel Tolaas sammelt Gerüche, analysiert und reproduziert sie. Und vor allem macht sie mit ihnen das, was sie „decontextualization“ nennt – aus dem Kontext oder Umfeld heben. Die Gerüche werden gewissermaßen auf dem Tablett serviert, dann dürfen die Menschen daran schnuppern und assoziieren. Ohne dass sie zunächst wissen, woher das Aroma stammt, um welche „Geruchslandschaften“ es sich handelt.

Geruchslandschaft, Riechland: Solche Begriffe tauchen in ihren Projekten immer wieder auf. Auf Englisch spricht sie von „Smellscape“ und „Smell land“. Gerade nimmt sie teil am Kunstprojekt „A Space called public – Hoffentlich öffentlich“ der Stadt München. 17 Künstler thematisieren mit Skulpturen, Installationen und Performances den öffentlichen Stadtraum als Ort der Arbeit, Freizeit, Begegnung und Identität. Was ist die Geruchsidentität von München?, fragten die Projektplaner des Münchner Kulturreferats.

Sissel Tolaas machte sich schnuppernd und Duftproben nehmend auf den Weg durch die bayerische Metropole. „Ich habe ein Geruchsporträt entworfen und dabei versucht, München unvoreingenommen und ohne Klischee-Gedanken zu erfassen.“ Die Stadt gehorchte dann aber doch dem Klischee: „München riecht nach teuren Parfüms, aber vor allem nach Bier und Fleisch. Man stößt überall auf Brauereien, Biergärten und Bierhallen. Es gibt verschiedene ‚Fleischkontexte‘: Metzgereien, Verkauf von Schweinshaxen und Bratwürsten.“ Dass München seinem erwartbaren Bild entspricht, sei keineswegs schlimm. Ganz nach ihrer Sichtweise, wonach kein Geruch gut oder schlecht sei.

In den Jahren 2003 und 2004 hat Sissel Tolaas auch in Teilen der deutschen Hauptstadt Geruchsexpeditionen unternommen und herausgefunden, dass es den einen Berliner Duft nicht gibt. „Berlin ist vielseitig. Hier gibt es Viertel, die vielleicht nicht schön aussehen, aber toll riechen.“ Einen kompletten Geruchsstadtplan hat sie zwar nicht erstellt, aber diese Vielfalt zeigte sich schon in den vier erkundeten Stadtteilen. An der Karl-Marx-Straße in Neukölln herrscht der Geruch der „Polyester-Läden“, wie sie es auf den Punkt bringt. Will sagen: Synthetik-Kleidung. Dazwischen wabert der Dunst vieler chemischer Reinigungen und Waschsalons. Warum gibt es die gerade hier so zahlreich? Die gebürtige Norwegerin kann nur rätseln: Eine Branche hat hier einen Schwerpunkt gefunden? Viele kleine Wohnungen ohne Stellmöglichkeiten für Waschmaschinen? Die allgegenwärtigen Düfte von türkischem Essen ergänzen den Geruch der Reinlichkeit.

Das Märkische Viertel: eine sehr spezielle Mikrowelt, eine geruchlich komplexe Insel. „Dort habe ich Familien kennengelernt, die als Ersatz für den Mallorca-Urlaub gemeinsam ins Solarium gehen.“ Das dominierte auch geruchlich, sagt Sissel Tolaas: Sonnenöl, Haut und Schweiß, dazu Ozon und Stickoxide – die technischen Gerüche der UV-strahlenden Sonnenbanken. Schließlich der Geruch der Schnellrestaurants – Fast Food und Cola.

Das noble Charlottenburg – die Seitenstraßen des Kurfürstendamms, die Mommsen- und Bleibtreustraße – ist eher langweilig. Nein, korrigiert sie, „nicht langweilig, ich würde sagen: statisch, gesetzt, etabliert.“ Nichts Extremes hat ihre Nase detektiert, aber den Geruch feinen Essens, den edler Möbel und Kleidung. Auch in Mitte, rund um den Hackeschen Markt, riecht es wohlhabend, die Straßen werden beherrscht von Schuhgeschäften und „Starbucks“. Gemessen an ihren leuchtenden Augen und der erhobenen Stimme, scheint indes der S-Bahnhof Jannowitzbrücke ihr Lieblingsplatz und ein Paradies für unvoreingenommene Geruchs-Enthusiasten. Dorthin geht, wer sich nach mehr Abenteuer sehnt als am Hackeschen Markt oder Kudamm.

Denn dort riecht es noch nach dem alten Osteuropa, wie sie es auf Reisen in Vorwendezeiten erlebt hat. „Es ist unglaublich, wie konzentriert es dort nach dem damaligen Osten riecht, vor allem nach dem typischen, allgegenwärtigen Reinigungsmittel.“ Von den Mitropa-Zügen der DDR bis nach Moskau hat sie ihn damals wahrgenommen. Hinzu kam der eigenartige Geruch des Klopapiers und der des Rauchs aus den mit Braunkohle beheizten Öfen.

Ein Hauch dieser sozialistischen Reinlichkeit habe noch überlebt, aber man müsse bis in die hintersten Winkel der untersten Etage des Bahnhofs Jannowitzbrücke vordringen. Dort hat sie ihn erschnuppert. Man meint fast, sie wolle in die Ritzen, Ecken und Fugen kriechen, um noch einmal das Déjà-vu erleben, oder genauer: das Déjà-senti. Ihre „sentimental journey“ – die gefühlsduselige Zeitreise in die ostdeutsche Vergangenheit – führt zu den Kacheln im Tiefgeschoss des Bahnhofs Jannowitzbrücke. Da sagt Sissel Tolaas die Sätze, die aus ihrer Sicht den Kern der Geruchserforschung ausmachen – etwas pathetische Sätze, die man ihr aber sofort abnimmt: „Wenn man Gerüche bewusst wahrnimmt und schätzt, wird das Leben interessanter, voller, komplexer. Man hat einfach mehr Spaß, versteht mehr und gibt Vorurteile und Intoleranz auf.“

Auch in Kansas ging es um Vorurteile – und um Identitätsfindung. Dazu muss man wissen: Kansas City, das sind zwei Städte an den beiden Ufern des Missouri River: das größere Kansas City im Staat Missouri (KCMO) und das kleinere Kansas City im Staat Kansas (KCK). Beide sind nicht nur durch den Fluss zweigeteilt, sondern auch wirtschaftlich. „Die eine Stadt Kansas City in Kansas ist arm, das andere Kansas City in Missouri ist reich. Die Brücke wird von den Bewohnern der beiden Städte nur selten überschritten.“

Im Auftrag der Kommunen erkundete sie die beiden Regionen und entwickelte ein „Wie-riecht-die-Stadt-Spiel“. Die Teilnehmer sollten verschiedene Stadtteile erkunden und 20 Karten sammeln, auf denen durch Rubbeln mit dem Finger stadtteiltypische Geruchsstoffe freigesetzt wurden. Mit einer Smartphone-App konnten die Spieler eine Geruchskarte erstellen und ergänzen. Je mehr Gerüche sie gesammelt hatten, desto mehr Punkte konnten die Teilnehmer erringen und einen Preis gewinnen – sich eine „goldene Nase“ verdienen. „Alle hatten so viel Spaß dabei und wurden wie Kinder. Es ist mir gelungen, beide Gemeinden interessant zu machen und die Einwohner zum Besuch der anderen zu bewegen.“

Sehr, sehr viel Toleranz forderte die Künstlerin vom Riechneuling im Jahr 2011 in einem Projekt für das Militärhistorische Museum Dresden: der Geruch des Ersten Weltkriegs. „Das war meine schwierigste Arbeit, ich habe lange daran gearbeitet, aber ich habe das Projekt geliebt.“ Da Zeitzeugen nicht mehr lebten, erkundete sie durch Literaturrecherchen und im Gespräch mit zahlreichen Militärexperten und Historikern die olfaktorische Seite des Schlachtfeldes.

Die Besucher des Museums, die sich in der Kriegsausstellung dem Brodem von Granaten und Wunden, Tod und Verfall aussetzten, packte das Grauen. Eimer standen bereit für jene, die sich spontan übergeben mussten. Wie riechen Senfgas, Geschützqualm, Pferdeschweiß, schwärende Wunden und die verwesenden Soldaten, die nicht geborgen und beerdigt werden können? „Der Tod ist süßlich, verwesende Menschen riechen ein wenig wie gekochter Kohlrabi“, so die überraschende Antwort von Sissel Tolaas. Klingt gar nicht so dramatisch, aber der Gesamteindruck ist grauenhaft. „Man drückte auf einen Knopf, roch – und rannte zur Toilette.“ Das sprach sich herum, es wurden Warnhinweise angebracht. Wie auch immer: Die Ausstellung im Gebäude des Architekten Daniel Libeskind sei eine fantastische Erfahrung für alle Sinne.

Die Künstlerin ist voll Begeisterung für das Sujet Gerüche. Oft fallen die Adjektive „unglaublich“, „verblüffend“ und „fantastisch“. Die anfangs eher distanzierte Künstlerin lebt auf, wird quecksilbrig. Ihre lebhafte Begeisterung korrespondiert mit ihrem Äußeren. Sissel Tolaas fällt auf, auch in einer großen Menschenmenge würde sie die Blicke auf sich ziehen. Die roten hochhackigen Schuhe, das Rot des Nagellacks und ihres Shirts kontrastieren zum Weißblond der Haare. Ihr Gesicht ist sonnengebräunt, die lange silbergraue Strickjacke betont die schlanke Figur, wenn sie in der großen Zimmerflucht ihres Ateliers steht. Vier hohe, weiße Räume, im kleinsten das Labor, dann ein vollgepacktes Zimmer mit großem Tisch, viel Literatur und Ausstellungsplakaten. Ein dritter Raum, so kann man durch die Tür erspähen, ist eher sparsam möbliert mit einem großen Fernsehgerät, am Ende ist ein vierter Raum mit einem breiten Sofa.

Wie sammelt und speichert sie hier so etwas Flüchtiges wie Gerüche? Sie nutzt die Naturwissenschaften. Sissel Tolaas hat neben Linguistik und Kunst auch Mathematik und Chemie studiert. Ihre Werkzeuge sind Geräte, die eine interessante Umgebungsluft mit ihren Billiarden von Duftmolekülen ansaugen und durch einen Filter leiten. Der sammelt und bindet die Substanzen. Dann schickt ihn die Wissenschaftskünstlerin an ein chemisch-analytisches Labor.

Hilfe durch chemische Analytik

Das Labor befreit die Duftstoffe aus dem Filter, sortiert und identifiziert sie mit einem sogenannten Massenspektrometer. Die Analyse steht als zackige Kurve ausgedruckt auf großen Papierbögen. Jeder Zacken steht für einen konkreten Stoff, seine Höhe gibt die Menge an. Mit diesen Informationen kann Sissel Tolaas anschließend im Chemikalienhandel die dokumentierten Substanzen bestellen und nahezu jede Geruchssituation erneut aufleben lassen.

Doch sie muss nicht mehr alles bestellen, ihr Geruchsarchiv umfasst mittlerweile Hunderte, Tausende riechende synthetische Substanzen und Naturstoffe. Die lagern in kleinen Fläschchen in großen Regalen. Gerade ist sie aus Kapstadt zurückgekehrt und hat eine noch nicht identifizierte Baumrinde mitgebracht. Der Fotograf möchte sie damit porträtieren. Kein Problem, aber Nahaufnahmen von den Fläschchen und ihren Etiketten möge er bitte unterlassen, macht sie deutlich. „Das ist Betriebsgeheimnis, darin steckt mein Kapital.“ Darin lagern die Zutaten, die verheißen: „Wenn wir Gerüche bewusst wahrnehmen, dann erleben wir das ganze Bild der Welt. Wir können so glücklichere Menschen werden.“

Die Geruchskünstlerin will Anleitung geben zum bewussten Umgang mit einem vernachlässigten Sinn, den der moderne Mensch im Vergleich zum Hören und Sehen wenig würdigt. Der vernachlässigte Sinn wirkt nichtsdestotrotz subtil auf ihn ein. Die Moleküle, die an die Rezeptoren in der Riechschleimhaut der Nase andocken, lösen Nervensignale aus. Die wandern über Nervenbahnen zu Hirnarealen, die für Gefühle und Erinnerungen zuständig sind. Spontan entsteigen den Gehirnwindungen Gefühle und Assoziationsketten wie dieser: Lösemittel-Klebstoff-Basteln-Kinderladen-Erzieherin-Geborgenheit. Weitgehend ohne Kontrollmechanismen greifen Gerüche in die Gehirnphysiologie ein und beeinflussen uns. „Mit jedem Atemzug lassen wir Millionen von riechenden Molekülen ein, die auf unser Unterbewusstsein wirken. Gerüche bleiben in Erinnerung, später sind sie dann Erinnerungsschalter.“

Die Marketingexperten machen sich das zunutze. Sissel Tolaas sieht das durchaus kritisch, lehnt die kommerziellen Absichten aber nicht ab. Die Firmen gehören auch zu den Sponsoren ihrer Projekte. „Aber das darf nicht alles sein“, sagt sie, „ich sehe meinen künstlerischen Umgang als Ergänzung. Es gibt so viel mehr Gerüche auf dem Planeten als die der Parfüms.“

Schalte deine Nase ein, gibt sie dem Besucher mit auf den Weg.

Die Katze hat sich verzogen, vielleicht liegt sie auf dem Sofa des stillen hintersten Raums. Den Geruch des Gastes hat sie gespeichert. Vielleicht träumt sie jetzt von aufregenderen Odeurs, etwa vom Angstschweiß einer gefangenen Maus und den Ausdünstungen ihres blutigen Fleischs. Was für ein Raubtier eben besonders interessant ist.