Berliner Spaziergang

Das Leben schreibt die besten Pointen

Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Wladimir Kaminer, Schriftsteller

Natürlich, ab und zu muss der heiße Atem der Weltpolitik auch Wladimir Kaminer streifen. In Moskau steht ein anscheinend ziemlich angesagter Nachtklub, das „Hungry Duck“. Nun wurde dem Geheimdienst-Enthüller Edward Snowden – der sich ja nun längere Zeit in der russischen Hauptstadt aufhalten wird – ein Besuch in dem Schuppen nahegelegt. Anfangs kam der witzig gemeinte Vorschlag über Twitter, amerikanische Zeitungen griffen ihn dann auf. Dummerweise hatte man übersehen, dass der Laden vor einigen Monaten dichtgemacht hat. Aber was hat Kaminer mit all dem zu tun? „Wissen Sie, dort, wo dieser Klub ist, war einmal das Krankenhaus, in dem ich geboren wurde.“

Es ist seine Kunst, das Große mit dem Kleinen so zu verknüpfen, dass eine Geschichte entsteht, eine Szene, eine Pointe. Wobei die Frage ist, was das Große ist – die Flucht Snowdens nach Moskau oder die Geburt Kaminers dort? Wenn man Kaminer über sich reden hört, dürfte es keinen Zweifel geben. Denn wer überdauert, das wird auf jeden Fall er sein. „Irgendwann in 200 Jahren wird es vielleicht ein Mittel geben, mit dem man Tote wiederauferstehen lassen kann. Und dann wird man gerade solche Menschen wiederbeleben, die lustige Geschichten erzählen können. Also mich zum Beispiel.“

Wir haben den Schriftsteller gerade von seiner Wohnung abgeholt. Es ist dort ein bisschen so, wie man sich das Zuhause einer russischen Durchschnittsfamilie in Berlin vorstellen mag. Nicht stylish, eher unaufgeräumt und plüschig mit vielen schrägen Einzelstücken, etwa einem versilberten Totenkopf oder einem alten Wandtelefon. Aber jetzt steht er in gelbem Hemd, verwaschenen Jeans und Schlappen auf der Gleimstraße und verspricht, auf diesem Spaziergang hier werde man alles finden, was die Geschichte Berlins in den vergangenen 20 Jahren ausmacht. Wo Kaminer ist, muss einfach Großes passieren.

Er ist – und das ist wirklich das Letzte, was zu seiner Größe in diesem Artikel geschrieben wird – einer der anerkanntesten Autoren unseres Landes. Das hängt nicht nur mit den Verkaufszahlen (2,9 Millionen) seiner mittlerweile fast zwei Dutzend Bücher zusammen; diesen Montag erscheint sein neues Buch „Diesseits von Eden“. Es hängt auch nicht nur mit seinem schier unerschöpflichen Vermögen zusammen, Geschichten zu finden. Es ist einfach so, dass er etwas erreicht hat, was nur sehr wenigen lebenden Autoren gelingt: Kaminer ist ein Exportschlager deutscher Gegenwartsliteratur. In den kommenden Wochen ist er nach Norwegen, Brasilien und Finnland eingeladen. Sicher auch, weil er Literatur plus bietet. Das Zusammenspiel von Lesung und Russendisko, die er erfunden hat, macht ihn attraktiv. Es zeigt: Was aus Deutschland kommt, muss nicht immer nur getragen und humorfrei weltkritisch sein, es kann auch witzig und lebhaft daherkommen.

Inder mit mexikanischer Küche

Und nun blinzelt er in die Sonne und erzählt, dass dort, wo er jetzt lebt, früher nur Stasi-Mitarbeiter wohnen durften. Was mit der Nähe zur Grenze zu tun hatte und damit, dass andere nicht aus den Fenstern sehen sollten, was es drüben in West-Berlin so alles gab. Mittlerweile habe sich aber die Mieterstruktur in seinem Haus entscheidend verändert: viele aus Bayern, eine griechische Familie und Franzosen. Lange habe man sie noch unterscheiden können, die Einheimischen und die Touristen. Aber inzwischen sprächen auch Einheimische alle möglichen Sprachen. Und sähen aus wie Touristen. „Immer haben sie ein Gepäckstück dabei.“

Was auffällt, ist die gastronomische Dichte in seiner Nachbarschaft. Lokal reiht sich an Lokal. Indisch, vietnamesisch, italienisch, amerikanisch, mexikanisch. Doch nicht hinter jedem Restaurant steht ein wahrer Vertreter der landestypischen Küche. So hat Kaminer herausgefunden, dass das mexikanische Restaurant von denselben Indern betrieben wird, die weiter unten schon „Goa 1“ und „Goa 2“ haben. Ein drittes „Goa“ habe ihnen der Vermieter verwehrt, weil es die kulinarische Vielfalt in der Gegend stören würde. Deshalb hätten sich die Inder, um einen dritten Standort zu besitzen, für ein mexikanisches Lokal entschieden. Nun sei es aber so, erklärt Kaminer, dass die indischen Lokale gut liefen, das mexikanische hingegen nicht so. „Die Leute, die zu den Indern sehr gern gehen, gehen nicht zu den gleichen Indern als Mexikaner.“

Fünfzig Meter rechts, am Falkplatz, liegt das erfolgreiche amerikanische Restaurant „The Bird“. Burger und Steaks werden hier angeboten. Daneben hätten Deutsche vor einiger Zeit versucht, die Küche zu kopieren. „Sie boten das Gleiche an, nur preiswerter. Komischerweise ist aber keiner zu denen gekommen.“ Nun ist ein vietnamesisches Restaurant neben den Amis eingezogen.

Wir laufen ein paar Schritte weiter, an einer neuen „Eismanufaktur“ vorbei. „Das war doch vor Kurzem noch ein Spielsalon“, staunt jetzt auch Kaminer. Dass er die letzten Veränderungen nicht mitbekommen hat, mag mit den Schulferien zu tun haben. Mit den beiden Kindern waren seine Frau und er in Kroatien, danach verbrachten sie ohne Kinder ein paar Tage in ihrem brandenburgischen Haus. Dort hat Kaminer einen großen Teil seiner neuen Geschichten angesiedelt. Der Vorläufer handelte noch davon, wie er in einem Berliner Schrebergarten zurechtkam. Oder nicht zurechtkam, denn letztlich scheiterte das Abenteuer an einem Interessenkonflikt mit der Prüfungskommission des Schrebergartenvereins.

So suchten und fanden die Kaminers ein neues Stück Eden außerhalb von Berlin. Es ist sehr komisch zu lesen, wie der Großstädter in einem fast menschenleeren Ort mit gefühlt drei Einwohnern sein Glück suchte. Erst einmal machte er den Führerschein, um das Haus draußen im Brandenburgischen überhaupt erreichen zu können. Mit 44 Jahren, in einer Fahrschule in seiner Straße. In Brandenburg versuchte er sich als Angler mit allerlei technischen Raffinessen, Fische zog er allerdings kaum an Land. Die dann doch nach einiger Zeit sichtbar werdende Bevölkerung des Ortes gewann er schließlich so, wie er alle rumkriegt – mit seiner Russendisko.

Nun bleiben wir in der Gleimstraße vor einem russischen Lokal stehen. Kaminer schaut kurz hinein, ein Frau drinnen schaut zurück. Es wirkt ein bisschen wie zwei Hunde, die sich anknurren. „Meine Mutter war hier schon mal essen. Das sind Tschetschenen.“ Aha. „Wo sie doch in Tschetschenien so schlecht auf die Russen zu sprechen sind, machen sie hier auf einmal auf russische Küche.“ Aha. „Hier backen sie Pelmenis und irgendwelche andere Teigtaschen, die sie bei sich in Tschetschenien nie essen würden.“ So viel zum russisch-tschetschenischen Verhältnis in Russland und in Berlin.

Es ist jetzt so etwas wie Halbzeit im Leben von Wladimir Kaminer. Er ist 46. Die ersten 23 Jahre davon hat er in Russland verbracht, die andere Hälfte in Berlin. Was ist Heimat für ihn? „Ich sehe das ganz pragmatisch: Heimat ist der Ort, an dem man auf die Welt gekommen ist. Wo man sozialisiert ist. Die Sowjetunion ist im Grunde genommen meine Heimat. Aber das Land ist vor einem Vierteljahrhundert untergegangen. Jetzt habe ich die Heimat nur in meinem Herzen, in der Erinnerung.“ Er möchte nicht, dass die Sowjetunion zurückkehrt. Bloß nicht. „Aber ich kann sie trotzdem lieben, die Heimat, auch die Sowjetunion. Es ist ja wie mit den Eltern, die kann man auch nicht auswählen.“

Das heutige Moskau habe mit seiner Heimatstadt Moskau wenig zu tun. Es gebe ein paar magische Orte, an denen sein Herz höher schlage. „Aber ich kann das niemandem, auch meiner Familie nicht, erklären, was an diesen Orten besonders ist. Für sie ist Moskau eine eklige, unökologische Stadt, eine Art Gotham City.“

Seine beiden Kinder sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. Während der Vater noch mit Akzent spricht, kommt der Tochter das Deutsche einwandfrei über die Lippen. Aber auch Russisch spricht sie sehr gut. „Für uns Larifari-Eltern, die nicht wirklich erziehen, ist es ein großes Plus, dass wir das geschafft haben.“ Im Juni hatte sich die Tochter für einen Russischkurs an der Schule angemeldet. Der Vater fragte sie: „Was soll das? Du kannst doch Russisch.“ Sie erklärte ihm daraufhin: „Papa, einmal in meinem Leben möchte ich die Beste sein.“ Mit ihren Eltern reden die Kinder nur Russisch in Anwesenheit von anderen Personen, die kein Russisch können. „Um anzugeben“, sagt Kaminer.

Er zeigt jetzt auf die andere Straßenseite. „Kraftkombinat – Fitness für alle“ ist dort am Eingang zu lesen. „Das Wort ,Kraftkombinat‘ klingt nach Osten. Es ist ein ganz kleiner Raum, aber es bleibt gegen die großen Ketten bestehen.“ Einmal im Winter hat er keine Lust gehabt zu joggen und ist in das Kraftkombinat gegangen. Die Betreiber einiger umliegenden Geschäfte haben dort schon trainiert. „Als sie mich sahen, sagten sie: ,Ah, jetzt bist du auch hier. Wenn du so trainierst wie wir, wirst du auch so gut aussehen wie wir.’“ Wird Kaminer nun zu einen Kombinat-Kraftpaket? Er schüttelt den Kopf: „Ich will gar nicht so aussehen.“

Steine fallen herunter

Wir nähern uns der Gethsemanekirche an der Stargarder Straße. In den 80er-Jahren trafen sich hier Oppositionelle gegen das DDR-Regime. Als Volkspolizei und Staatssicherheitsdienst in der Schönhauser Allee begannen, auf Demonstranten einzuprügeln, fanden viele dort Schutz. Jetzt bröckelt das Haus, Steine fallen herunter, und es ist kein Geld da für Renovierungen. Wir treten ein. Kaminer hat hier vor Kurzem gelesen, die Kirche war gerammelt voll. Das eingenommene Geld kam der Gemeinde zugute. „Das ist ein Stück deutscher Geschichte, die Wiege der Revolution. Für so was muss die Stadt doch Geld haben“, klagt er, als wir wieder hinausgehen.

Ihm fällt dazu eine andere Geschichte ein. Während des Urlaubs in Kroatien besuchte er ein Konzert, auch in einer Kirche. Die Tochter eines Freundes spielte mit. Es war aber etwas langweilig, und Kaminer betrachtete die Reliquien und Gemälde an den Wänden. An einem der Bilder blieb sein Blick hängen. Irgendwas stimmte nicht. Es zeigte das Abendmahl von Jesus und den Jüngern. Nachdem er es eine Weile angeschaut hatte, stellte Kaminer fest, dass statt der zwölf Jünger 13 mit Jesus zu Tisch saßen. Direkt neben Gottes Sohn saß ein Mann mit Locken und Halstuch, den er nicht kannte. Als das Konzert zu Ende war, fragte er den „Chef des Hauses“, was es damit auf sich habe. „Das ist der Geldgeber“, erklärte dieser, „er hat gesagt, dass er auch mit am Tisch sitzen will.“

Wir gehen langsam zurück. Ich frage Kaminer nach seinen Plänen. Er will nun ein Buch über die Pubertät seiner Kinder schreiben. „Meine Tochter wird 17, und das ist richtige Pubertät.“ Er erzählt von der plötzlich ausgebrochenen Liebe der Kinder zu Tieren. „Im Kreis meiner Tochter sind alle Vegetarier. Nur zwei Jungen nicht, und die sind totale Außenseiter. Früher haben sie die Tiere gegessen, heute lieben sie sie.“ Das jugendliche Vegetariertum hatte noch einige Zeit vor der Wurst haltgemacht: „Die Wurst war in ihren Augen kein Tier, weil sie in der freien Natur keine Würste gesehen haben. Inzwischen haben aber sehr viele Großstadtkinder herausgekriegt, dass Würste früher Tiere waren.“

Eigentlich kommt mir Kaminer selbst wie ein Wurstmacher alter Schule vor. Wie jener aus Tieren feine und grobe, runde und stracke, dicke und dünne Würste macht, alles von Hand, so macht er aus Leben Literatur. Feine und grobe Witze, runde und stracke Geschichten, dicke und dünne Bücher. Sein ganzes Lebensmaterial – Russland, Berlin, die Frau, die Kinder, der Schrebergarten, das Haus in Brandenburg – wird zu Büchern. Der Stapel seiner Erstausgaben dürfte ihm mittlerweile bis zur Hüfte reichen.

„Was bleibt, sind nur die Geschichten. Das habe ich mir eben zum Beruf gemacht, dass ich diese Geschichten aufschreibe, festhalte. Damit die nächsten Generationen auch was zum Lachen haben.“ Eigenartig, jetzt klingt Kaminer fast ein bisschen pathetisch.