Verkehr

Der abgeklemmte Hauptbahnhof

In Mainz hält kein Zug, weil Personal fehlt. Das Problem droht auch anderen Regionen

Drei Feinde hat die Deutsche Bahn bekanntlich, die sie regelmäßig ausbremsen: Sommer (zu heiß), Winter (zu kalt), und Herbst (zu viel Laub auf den Schienen). Nun kommt ein vierter hinzu: Personalknappheit. Die ist inzwischen so brisant, dass der Großraum Mainz auf ein Schienenchaos zusteuert, weil nicht genug Mitarbeiter da sind, um den Verkehr auf den Trassen zu regeln. Das Eisenbahn-Bundesamt als Kontrollbehörde hat bereits ein Verfahren eingeleitet. Die Bahn-Tochter DB Netz AG könnte gegen die Betriebspflicht verstoßen haben.

Auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hat sich eingeschaltet und mit Bahn-Chef Rüdiger Grube telefoniert. Es müsse sichergestellt werden, dass die Situation in Mainz ein Einzelfall bleibe, hieß es aus dem Ministerium. Die Probleme werden auch den Bahn-Aufsichtsrat bei der nächsten Sitzung beschäftigen, wie Ramsauers Staatssekretär Michael Odenwald sagte. Odenwald gehört selbst dem Gremium an. Glaubt man der Bahngewerkschaft EVG können jederzeit weitere Regionen im Land flächendeckend vom Schienenverkehr abgekoppelt werden, weil der Konzern nicht genug Kräfte aufbieten kann. „Die Vorgänge in Mainz sind nicht die ersten ihrer Art und schon gar kein Einzelfall“, sagte Gewerkschaftschef Alexander Kirchner.

Weil das Stellwerk am Hauptbahnhof in Mainz derzeit nicht ausreichend besetzt ist, fallen in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt und Umgebung seit Tagen Züge aus, vor allem abends und nachts. Eigentlich sollte das Problem noch diese Woche erledigt sein, doch inzwischen ist klar, dass die 200.000-Einwohner-Stadt und große Teile der Rhein-Main-Region über Wochen mit Zugausfällen rechnen müssen.

Fern- und der Regionalverkehr seien zunächst bis Ende August eingeschränkt, weil der Personalmangel nicht kurzfristig behoben werden könne, sagte der neue Chef der Bahntochter DB Netz, Frank Sennhenn. Und die Zugausfälle verschärften sich nächste Woche: Die Einschränkungen würden dann auch tagsüber gelten. „Ja, es ist mir peinlich. Ich möchte mich ausdrücklich bei den Fahrgästen entschuldigen.“

In der Berliner Konzernzentrale reagiert die Führungsriege um Bahnchef Grube mit Fassungs- und Ratlosigkeit auf das Durcheinander am Rhein. „Wir ärgern uns hier schwarz über die Zustände. Aber zurzeit sehen wir uns nicht in der Lage, eine stabile Aussage darüber zu treffen, wie es jenseits des August weitergeht“, sagt ein Bahnmanager.

Und alles nur, weil von 15 Fahrdienstleitern und zwei Assistenten derzeit vier krank und drei im Urlaub sind – also nur acht im Dienst. Das Problem ist allerdings, dass die Bahn offenbar auch anderswo zu geringe Reserven hat. „Wir leiden schlicht unter Personalknappheit im Konzern – nicht überall, aber es gibt Bereiche, da sind wir chronisch unterbesetzt. Die Fahrdienstleiter gehören dazu“, sagt Gewerkchaftschef Kirchner. Auch Lokführern, Zugbegleiter oder Baubereichsleiter.

Pikant ist, dass die Personalknappheit führenden Managern bekannt war, ebenso die Probleme, die daraus entstehen können. Nach Informationen der Berliner Morgenpost hatte der Vorstand der DB Netz bereits im Oktober 2010 eine Vorlage erhalten, die das Defizit umriss. Nur es geschah nichts.