Nahverkehr

Jeder achte Zug kommt zu spät

Verspätungen, Störungen, Ausfälle – Der VBB zieht für Berlin und Brandenburg eine Bilanz des vergangenen Jahres

„Absolut mangelhaft“, „erhebliche Probleme“, „zuverlässig zu spät“ – wenn Hans-Werner Franz, Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), über den Regionalverkehr spricht, dann fallen deutliche Worte. Jetzt stellte Franz die VBB-Qualitätsbilanz für das vergangene Jahr vor. Mit einer durchschnittlichen Pünktlichkeit von 88 Prozent lag der Regionalverkehr im Vorjahr etwa auf einem Niveau mit den Bussen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Während jene regelmäßig im Hauptstadtstau feststecken, sollten die Züge auf den Schienen der Region aber deutlich bessere Werte erreichen können. Doch auch in diesem Jahr zeichnet sich keine Verbesserung ab. Der Prognose des VBB zufolge wird die Pünktlichkeit auch 2013 unverändert bei 88 Prozent liegen.

Fälle von höherer Gewalt wie das Elbe-Hochwasser oder die Unwetter der vergangenen Tage tragen zur schlechten Bilanz bei. Doch sie sind laut VBB nicht die Hauptgründe. „Es kann nicht sein, dass jeder achte Zug in der Region verspätet ist“, sagte Franz und forderte vor allem, dass die DB Netz, eine Tochter der Deutschen Bahn, mehr investiert, Gleisanlagen und Signale vorbeugend wartet und die Bauarbeiten besser organisiert. 80 Prozent der Ausfälle im Regionalverkehr, so hat der VBB berechnet, entstehen durch Baustellen. „Das ist einfach zu viel“, sagte Franz. Offenbar seien die Arbeiten oft „nicht solide genug geplant“.

Mildere Töne findet der VBB-Chef inzwischen für die Berliner S-Bahn, die auch von seiner Seite zuletzt jahrelang harsche Kritik einstecken musste. Das Sorgenkind des Nahverkehrs sei „auf dem Weg aus der Krise“, sagte Franz. Stetig seien im vergangenen Jahr die Werte für Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Kundenzufriedenheit gesteigert worden. Und auch 2013 zeichne sich die positive Tendenz ab. Trotzdem bleibe noch einiges zu tun, sagte Franz. So seien von den vertraglich vereinbarten 562 Doppelwagen im Berufsverkehr zuletzt erst 93 Prozent gefahren. Trotz besserer Werte habe die S-Bahn 2012 zudem in keinem Monat den vertraglichen Mindestwert von 96 Prozent Pünktlichkeit erreicht. Das Fazit des VBB-Chefs lautet: „Der Schmerz mit der S-Bahn hat nachgelassen, aber es tut immer noch weh.“

Die S-Bahn, auch eine Tochter der Deutschen Bahn, geht in ihrem diese Woche veröffentlichten Quartalsbericht davon aus, dass wegen verschärfter Fristen für Sicherheitschecks auch dauerhaft nicht die geforderte Fahrzeugzahl zur Verfügung stehen kann. Ziel sei es aber, spätestens zur Eröffnung des Flughafens BER in Schönefeld wieder 546 Doppelwagen einsetzen zu können, so viele wie vor Ausbruch der S-Bahn-Krise im Sommer 2009. Zufrieden ist VBB-Chef Franz damit zwar nicht, doch „wir müssen uns damit abfinden, dass nur Wagen zum Einsatz kommen, die technisch in der Lage sind, einen sicheren Verkehr zu gewährleisten“, sagte er.

Die Fahrgäste der S-Bahn honorieren die erkennbaren Verbesserungen aber offenbar. In der jüngsten Befragung zur Kundenzufriedenheit im Mai 2013 erreichte die S-Bahn zum ersten Mal seit Jahren wieder den vertraglich vereinbarten Sollwert von 2,6 auf einer fünfstufigen Schulnotenskala.

Auch wenn viele Fahrgäste das immer noch anders wahrnehmen – vor allem bei den durch technische Pannen verursachten Ausfällen gibt es bei der S-Bahn deutliche Verbesserungen. Dem Quartalsbericht für April, Mai und Juni zufolge war die Quote der sogenannten störungsbedingten Ausfälle zuletzt so niedrig wie seit Langem nicht mehr. Fahrzeugschäden, Weichen- oder Signalstörungen werden beispielsweise in dieser Statistik erfasst, Probleme also, für die die S-Bahn selbst oder der Infrastrukturbetreiber DB Netz verantwortlich sind. Ausfälle durch geplante Baustellen, Unwetterschäden, Notarzt- oder Polizeieinsätze und andere Fälle „höherer Gewalt“ werden dabei nicht berücksichtigt.

Weniger technische Störungen

Die hausgemachten Ausfälle summierten sich laut dem Bericht im zweiten Quartal 2013 auf insgesamt 5201. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren 9620 Züge durch technische Störungen ausgefallen. Im Juni 2013 erzielte die S-Bahn sogar den besten Wert seit Jahren. Mit 1492 Ausfällen lag der Anteil an allen Fahrten wie im Mai bei 1,7 Prozent. Noch im März dieses Jahres waren es 2,8 Prozent, im Dezember 4,7 Prozent, im Februar 2012 sogar 8,1 Prozent. Die VBB-Bilanz bestätigt die Zahlen der S-Bahn. Vor allem die Störungen an der Infrastruktur, also Gleise und Signalanlagen, haben demnach deutlich abgenommen.

Für die S-Bahn ist die jüngste Entwicklung nach den Jahren der Krise ungeachtet der weiter bestehenden Probleme positiv. Zuverlässigkeitswerte jenseits der 98-Prozent-Marke sind auch im Vergleich mit anderen deutschen Eisenbahn- und Nahverkehrsunternehmen ein gutes Ergebnis. „Ein zu 100 Prozent störungsfreier Betrieb ist unrealistisch“, kommentierte ein S-Bahn-Sprecher die Zahlen. Zumal zumindest ein Teil der technisch bedingten Ausfälle auch durch gefährlichen Leichtsinn der Fahrgäste verursacht wird.

Zuletzt häuften sich nämlich bei der S-Bahn die Fälle, in denen Fahrgäste alle Warnsignale ignorierten und sich in letzter Sekunde noch durch die schließenden Türen quetschen wollten. Die Fahrgäste riskieren dabei Verletzungen oder schlimmstenfalls ihr Leben. In der Vorwoche wurden binnen weniger Stunden zwei Männer von anfahrenden S-Bahnen mitgeschleift. Für die S-Bahn ist der zunehmende Leichtsinn aber auch ein Problem, weil die Zahl der Türstörungen zunimmt und Züge deshalb in die Werkstatt müssen und im Linienbetrieb fehlen. Seit Monaten geht die S-Bahn schon verstärkt gegen die Unsitte vor. Mit Lautsprecheransagen auf den Bahnsteigen und zweisprachigen Aufklebern an den Türen. Nun will auch die Bundespolizei konsequenter reagieren. Wer erwischt wird, wie er mutwillig die Abfertigungssignale ignoriert, muss mit einer Anzeige rechnen. Außerdem verhängen die Beamten auch unmittelbar Bußgeld. Je nach Schwere des Falls können bis zu 35 Euro fällig werden.

Den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) stellte der VBB ein gutes Zeugnis aus. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit von U-Bahnen, Straßenbahnen und Bussen in Berlin lägen „auf einem hohen Niveau“, sagte Verbundchef Franz. Die Statistik zeigt, dass Ausfälle bei der BVG eine absolute Ausnahme sind. Von den im Fahrplan angegebenen Fahrten konnten die Verkehrsbetriebe bei der U-Bahn 99,7, bei der Straßenbahn 99,5 und auf den Buslinien 99,7 Prozent tatsächlich anbieten. Die im Vergleich geringen Pünktlichkeitswerte der BVG-Busse (85,7 Prozent im vergangenen Jahr) führte Franz vor allem auf den dichten Verkehr in der Innenstadt sowie häufige Straßensperrungen durch Baustellen oder Veranstaltungen zurück.

Kurzfristig seien diese Probleme nicht zu lösen, sagte der VBB-Chef. Denkbare Gegenmaßnahmen wie eine Verlegung der Busspuren in die Straßenmitte oder konsequentere Vorrangschaltungen für Busse und Straßenbahnen an Ampelkreuzungen bedürften einer stadtentwicklungspolitischen Debatte.