Bäderschließung

„Unsere Kinder müssen jetzt schon mit dem Bus zur Schwimmhalle fahren“

Geplantes Aus für Hallen stellt die Hauptstadt-Schulen vor große Probleme

In Berlin ist der Schwimmunterricht zwar verbindlich, doch für die Schulen ist es schon jetzt nicht leicht, diesen Unterricht auch anzubieten. Es gibt nicht genügend Schwimmhallen. Oft sind weite Wege zu überbrücken, nicht selten müssen geeignete Zeiten für den Unterricht regelrecht erkämpft werden. Nun wollen die Bäderbetriebe auch noch 14 Schwimmhallen und Sommerbäder schließen. Das wird die Situation verschärfen.

Laut Berliner Schulgesetz müssen alle Kinder am Schwimmunterricht teilnehmen, der im dritten Schuljahr stattfindet. Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), sagt, dass der Schwimmunterricht erfolgreich ist. „Zu Beginn des dritten Schuljahres können lediglich 44,6 Prozent der Kinder schwimmen. Am Ende dieses Schuljahres beträgt die Quote der Schwimmer dann 81 Prozent.“

Diese Zahlen zeigen allerdings auch, dass noch immer knapp 20 Prozent der Drittklässler Nichtschwimmer sind. Rita Templina, Schulleiterin der Hermann-Sander-Grundschule in Nord-Neukölln, sagt, dass ein Schuljahr zu kurz sei, um schwimmen zu lernen. „Viele unserer Schüler waren noch nie in einem Schwimmbad. Sie müssen sich erst einmal an das Wasser gewöhnen.“ Ihre Kollegen würden deshalb versuchen, bereits in der zweiten Klasse öfter mit den Kindern in ein Schwimmbad zu gehen. „Am Ende des dritten Schuljahres schaffen aber trotzdem die meisten Kinder nur das Seepferdchenabzeichen, das heißt, sie können sich irgendwie über Wasser halten.“ Mindestens 20 Prozent könnten nicht einmal das.

Die Schulleiterin der Heinrich-Zille-Grundschule in Kreuzberg, Inge Hirschmann, sagt, dass man davon ausgehen muss, dass Kinder, die noch nie mit ihren Eltern schwimmen waren, erst einmal Erfahrungen mit dem Wasser machen müssten. Entsprechend länger brauchten viele, um schwimmen zu lernen. Ihre Schüler seien bisher ins Spreewald-Bad gegangen, und zwar zu Fuß. „Wird dieses Bad geschlossen, haben wir ein großes Problem.“

An der Hermann-Sander-Grundschule lernen viele muslimische Kinder. Schulleiterin Templina sagt, dass fast alle am Schwimmunterricht teilnehmen. „Wir sind da sehr konsequent und diskutieren nicht.“ Die Teilnahme am Schwimmunterricht sei verpflichtend. Es habe deshalb auch schon Schulversäumnisanzeigen gegeben, weil Eltern mit fadenscheinigen Entschuldigungen versucht hätten, ihr Kind vom Schwimmunterricht zu befreien. „Das sind aber Einzelfälle“, so Templina.

In der Handreichung „Islam und Schule“, die die Bildungsverwaltung vor zwei Jahren als Hilfestellung für alle Berliner Lehrer entwickelt hat, wird ebenfalls betont, dass Sport- und Schwimmunterricht fester Bestandteil der schulischen Ausbildung sind. Den Eltern könne klargemacht werden, dass das Schwimmenlernen eine Chance für ihre Kinder darstellt, die sie selbst nicht hatten, heißt es weiter. Und: „Im Fall von islamisch begründeter Ablehnung kann auch ein Ausspruch des Propheten Mohammed weiterhelfen: ‚Bringt euren Kindern Schwimmen, Reiten und Bogenschießen bei.‘“

Schulleiterin Rita Templina hält mögliche Schließungen von Bädern für katastrophal. „Unsere Kinder müssen jetzt schon mit dem Bus zur Schwimmhalle fahren, weil das nahe gelegene Bad an der Lipschitzallee wegen Sanierungsarbeiten geschlossen ist.“ Generell seien die Schwimmhallen überfüllt, freie Zeiten für den Schwimmunterricht nur noch schwer zu finden.

Auch die Kinder der Grundschule am Planetarium in Prenzlauer Berg werden inzwischen mit dem Bus zum Schwimmunterricht gefahren. Ursprünglich lernten sie in der Thomas-Mann-Schwimmhalle an der Greifswalder Straße, etwa 800 Meter von der Schule entfernt – die Kinder gingen zu Fuß. Jetzt hat die Schule Unterrichtszeiten in der Schwimmhalle am Europasportpark an der Landsberger Allee, zwei S-Bahn-Stationen entfernt – deshalb der Bustransfer. Schräg gegenüber der Schule befindet sich übrigens die Ernst-Thälmann-Schwimmhalle, knappe 150 Meter entfernt. Die ist aber für Schulunterricht nicht freigegeben.

Auch die Vereine mussten nach der Schließung auf andere Schwimmhallen ausweichen. So trainieren die Berliner Haie jetzt einmal die Woche im Europasportpark und einmal die Woche in der Anton-Saefkow-Schwimmhalle an der Landsberger Allee. Letztere Halle ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln eher schlecht zu erreichen. Von der Straßenbahnhaltestelle aus geht es durch einen Park, durch den die Kinder vor allem in den dunkleren Monaten meist nicht allein gehen möchten.