Bäderschließung

Der Untergang des Badelandes

Berliner Politiker sind empört über den Alleingang des Bäderchefs. Schulen und Vereine sehen Schwimmausbildung bedroht.

Florian Graf fühlt sich missbraucht. Der Fraktionschef der Berliner CDU war am Mittwoch mit dem neuen Chef der Bäderbetriebe, Ole Bested Hensing, auf Tour. Und während der dänische Manager im großen Kreis von fünf Standorten sprach, an denen es zwei oder mehr marode Bäder gebe, von denen man jeweils einen zugunsten einer Erweiterung des anderen aufgeben könnte, sprach Hensing gegenüber den mitgefahrenen Journalisten dann Klartext.

14 Standorte wolle er schließen, dafür an fünf zentralen Orten Spaß- und Kombibäder errichten, Kostenpunkt pro Standort zwischen 18 und 35 Millionen Euro. Diese radikale Kehrtwende in der Berliner Bäderpolitik hatte Hensing, der frühere Chef des Spaßbades Tropical Island, offenbar mit niemandem abgesprochen. Auch Sportstaatssekretär Andreas Statzkowsi, der ebenfalls bei der Bäder-Fahrt dabei war, fiel aus allen Wolken. Die Zahl 14 hatte seine Behörde nie gehört. Sportsenator Frank Henkel (CDU) sagte am Donnerstag, er sei „erstaunt darüber, dass der neue Vorstandschef seine Vorstellungen über die künftige Strategie der Bäderbetriebe der Presse mitteilt, für die es keine Zustimmung des Aufsichtsrates gibt“.

Fraktionschef Graf, der tags zuvor noch durchaus unterstützend klang, ruderte zurück. Denn in Berlin politische PR damit zu machen, dass man fast jede dritte der noch 37 Berliner Schwimmhallen schließen möchte, schien dem jungen CDU-Fraktionschef dann doch keine so günstige Konstellation. „Es gibt keine Denkverbote, aber das heißt nicht, dass jede verrückte Idee unsere Zustimmung findet“, sagte Graf am Donnerstag. Das bedeutet wohl, dass die Gedankenspiele des neuen Bäderchefs es schwer haben werden, Realität zu werden. Am Tag nach seinem ersten großen öffentlichen Aufschlag war Ole Bested Hensing jedenfalls nicht mehr für Journalisten zu sprechen.

Kritik am Kommunikationsstil

Dabei geht es vor allem um den Kommunikationsstil des Dänen. In Unionskreisen wurde dem neuen Geschäftsführer die Lektüre des Berliner Bädergesetzes empfohlen. Darin wird der Versorgungsauftrag der Anstalt öffentlichen Rechts hervorgehoben. Demnach werden Schwimmbäder zur sportlichen Betätigung, Erholung und Entspannung für die Angehörigen aller Bevölkerungsgruppen angeboten, die Nutzung durch Schulen, Kindertagesstätten und förderungswürdige Sportorganisationen muss sichergestellt und Angebote für den Hochleistungssport gemacht werden.

Nun muss Hensing seinem Aufsichtsrat mit Senator Henkel an der Spitze nachweisen, dass er diesen Auftrag auch dann erfüllt, wenn er 14 Standorte aufgibt, selbst wenn er so das Defizit der Bäderbetriebe deutlich senken könnte. Das dürfte ihm schwerfallen. „Er ist mit einem Köpper vom Zehner gesprungen und im Nichtschwimmerbecken gelandet“, sagte ein verärgerter CDU-Mann.

Die SPD geht auch in der Sache auf Konfrontationskurs zum Bäderchef. Aufsichtsrätin und Jugendstaatssekretärin Sigrid Klebba sagte, sie habe „bei den jetzt bekannt gewordenen Plänen große Bedenken“. Aus familien-, jugend- und schulpolitischer Sicht müsse eindeutig gesichert sein, dass es in Berlin ausreichend Bäder für den Schulunterricht und für Familien gäbe, auch für Familien, die sich den Eintritt in ein teureres Vergnügungsbad nicht leisten können. „Wichtig ist uns, dass wir genug wohnortnahe Bäder haben, die auch für Familien und Kinder gut erreichbar sind“, fügte die Aufsichtsrätin hinzu.

Die SPD-Fraktion hatte sofort erkannt, dass sie auf Gegenkurs zu den vermeintlich von der CDU mitgetragenen Plänen des Bäderchefs gehen kann. „Die SPD-Fraktion erteilt der umfassenden Schließung von Kiezbädern eine Absage“, erklärte Fraktionschef Raed Saleh. Zuletzt war es so, dass der frühere rot-rote Senat, aber auch die rot-schwarze Koalition eher darauf setzten, die Bäder in der Fläche zu erhalten. Für den Haushalt 2012/2013 hatten SPD und CDU die Mittel zur Bädersanierung um jeweils fünf Millionen Euro erhöht, der Zuschuss an die Bäderbetriebe wuchs ebenfalls um sechs Millionen.

Auch im neuen Doppelhaushalt sei Geld für die Bäder vorgesehen. Seit 2007 seien 72 Millionen Euro in die Bäder investiert worden. „Wir haben uns entschieden, Schwimmbäder als eine Priorität der öffentlichen Daseinsfürsorge zu betrachten“, sagte Saleh. Der Fraktionsvorsitzende sieht in dem Vorstoß des Bäderchefs ein Phänomen, das er häufig bei den Managern landeseigenen Unternehmen beobachtet. „Sie sollen so gut wie möglich wirtschaften, aber es gibt übergeordnete Interessen“, sagte Saleh. Die Politik habe die Aufgabe, Vorgaben zu machen für die soziale Stadt.

Die Oppositionsfraktionen reagierten unterschiedlich. Piraten und Grüne signalisierten Offenheit, über ein neues Bäderkonzept zu diskutieren, legten aber Wert darauf, dass die Wasserflächen für Schulen und Vereine nicht reduziert werden. Die Linke warnte, die Pläne des Bäder-Chefs seien nicht nur „diskussionswürdig, sondern auch teuer“.

Bisher weigern sich die Bäderbetriebe, die Schwimmbäder zu nennen, die auf ihrer Schließungsliste stehen. Ein Kandidat könnte aber das Spreewaldbad am Görlitzer Park in Kreuzberg sein. Denn das Bad ist sanierungsbedürftig, hat keinen Außenbereich und verzeichnete nach Angaben der Bäderbetriebe in den vergangenen Jahren einen Besucherschwund. Die Anwohner wollen ihr Bad behalten. Nicole Gärtner, 41, und ihr etwa dreijähriger Sohn kommen oft ins Bad am Spreewaldplatz. Für sie tragen die Kiezbäder zur Wohnqualität in den Vierteln bei. Bei einer Bündelung der Besucherströme auf zentrale Badeanstalten und einer möglichen Schließung des Spreewaldbads würde „das Gesamtkonzept des Görlis“ in sich zusammenbrechen. Mit dem Bau des Parks war das Bad als wichtiges Element angelegt worden. Auch Bernd Rosin, 46, und Gudrun Herz, 38, lieben die Bädervielfalt der Stadt. Im Falle einer Zentralisierung wollten sie sich Alternativen in Form von „Seen und Privatbädern“ suchen.

Die Bäderbetriebe wollten eine Diskussion anschieben, die überfällig sei, sagte Sprecher Matthias Oloew. Mehr Wirtschaftlichkeit sei mit der Standortsicherung, die jetzt betrieben werde, nicht in dem Maße zu erreichen, wie sich das die Landespolitik wünsche. „Mehr Wirtschaftlichkeit können wir mit neuen, attraktiveren Standorten schaffen. Damit können wir Menschen in die Bäder locken, deren Bedürfnisse wir bisher überhaupt nicht bedienen.“ Einer der fünf künftigen großen Standorte könnte auch der Tierpark in Friedrichsfelde sein. „Man könnte auf dieser Liegenschaft ein großes Freizeitbad für Familien bauen und hätte eine neue Attraktion“, so Oloew. Die Abläufe für ein Freizeitbad von der Kasse bis zur Reinigung seien ähnlich wie beim Tierpark. „Dabei gibt es Synergien, die man nutzen kann.“ Und man hätte ein touristisches Alleinstellungsmerkmal. Denn ein Freizeitbad in einem Tierpark gebe es noch nicht, so der Sprecher der Bäderbetriebe.

Konkurrenz für Brandenburg

Dass fünf große Standorte in Berlin eine Konkurrenz für Brandenburger Spaßbäder werden, ist Teil des Konzepts. „Als kommunaler Bäderbetreiber in Berlin kann man es nicht dauerhaft hinnehmen, dass potenzielle Kunden in Berlin nicht das finden, was sie suchen, und dafür nach Brandenburg fahren müssen“, sagte Oloew. Es gehe im neuen Konzept nicht darum, den Vereinen Zeiten in den Bädern wegzunehmen. An allen fünf großen Standorten sei immer ein Bad für Schul- und Vereinsschwimmen vorgesehen. Außerdem könnte daneben ein Netz von Hallen gebildet werden, die ausschließlich für Schulen, Vereine und Kurse der Bäderbetriebe zur Verfügung stehen. „Auch darüber muss man diskutieren.“ Denn derzeit gebe es Bäder, in denen Schüler, Vereinssportler und Anwohner schwimmen. „Das ist für alle drei Nutzergruppen unbefriedigend.“