Asyl

Eiszeit zwischen Moskau und Washington

Zwölf Jahre und eine politische Ewigkeit liegt das Bekenntnis von George W. Bush zurück, er habe Wladimir Putin in die Augen geschaut, und er habe sich „einen Eindruck von seiner Seele“ verschaffen können.

Im Juni 2001, drei Monate vor der Zeitenwende von „9/11“, wollte der damalige US-Präsident dem durchaus als Autokraten verdächtigen Ex-KGB-Mann Putin vor ihrem Gipfel etwas schmeicheln.

Am Donnerstag dieser Woche bekannte das Weiße Haus in offenem Zorn „extreme Enttäuschung“ über Präsident Putins Russland und zweifelte an „der Nützlichkeit eines Gipfels“ zwischen Barack Obama und Putin nach dem G-20-Meeting in Petersburg im September. Niemand in Washington glaubt für eine Minute, dass Russlands Gewährung von Asyl für Edward Snowden ohne Zustimmung Wladimir Putins zustande kommen konnte.

Noch beleidigter über den Affront als das US-Präsidialamt geben sich Senatoren beider Parteien. Charles Schumer, Demokrat aus New York, nannte die Entscheidung Moskaus „einen Dolchstoß in den Rücken: jeder Tag, den Mister Snowden in Freiheit verbringen kann, bedeutet eine weitere Drehung des Dolches“. Weniger blutig, nicht weniger wütend fiel John McCains Klage über Russlands „Schlag ins Gesicht aller Amerikaner“ aus. Der Republikaner aus Arizona verlangte von der Regierung Obamas Vergeltungsmaßnahmen. Man müsse über die Instrumente der Nato-Erweiterung und des neuen Raketenabwehrsystems in Europa Druck auszuüben: „Jetzt ist die Zeit, unsere Beziehungen zu Putins Russland fundamental zu überdenken“, erklärte McCain, „wir müssen uns mit dem Russland auseinandersetzen, das ist, nicht mit dem, das wir uns wünschen.“

In Wahrheit war das amerikanisch-russische Verhältnis lange vor dem Auftauchen Edward Snowdens auf dem Moskauer Flughafen zerrüttet. Nach Erkenntnissen der „New York Times“ bietet der Fall Snowden nur eine von „einer Unzahl von Gründen (für Barack Obama), auf den anberaumten Gipfel mit Wladimir Putin zu verzichten“. Der Streit über Snowden ist Symptom, nicht Grund für das kalte, gespannte Verhältnis. Weder im syrischen Bürgerkrieg, noch gegenüber der neuen Regierung im Iran ist es zu einer Annäherung der Standpunkte gekommen.