Berliner Spaziergang

Der Mann für Pferdestärken

Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Gerhard Schöningh, Rennbahn-Besitzer

Sie sind alle wieder da: die Adligen, die Reichen, die Schönen, die weniger Reichen, die weniger Schönen, die Gauner, die Süchtigen, die Verzweifelten, 70.000 sind es insgesamt. Wochen bevor das Rennen startete, haben die exklusiven Modehäuser passende Kleider, Hüte und Anzüge in ihre Schaufenster gehängt, und nicht nur sie werben mit dem Event. Die Reichen haben auf der Tribüne ein bisschen miteinander geplaudert und dabei vor allem die Hutmode erörtert. Tipps, Gerüchte, wahre und erlogene Hintergründe schwirren umher, man belauert sich in der Sommerluft, die Hoffnung auf schnellen Reichtum macht alles nur noch surrealer.

Das Klingeln zum Start ertönt – und der Moment, in dem die Pferde auf die Zielgerade einbiegen, macht alle Zuschauer gleich: Die einen schreien, die anderen bangen stumm, ob sie nun Zehntausende gewettet haben oder nur ein paar Kröten, ob ihr Favorit gerade untergeht oder ihr großer Außenseiter sich einmal wirklich als Sensation erweist, der Kick auf der Tribüne, der ist egalitär. Und deswegen ist das Ereignis so groß, deswegen berichten alle Medien darüber, deswegen ist es aus dem Leben der bedeutendsten Persönlichkeiten des ganzen Landes nicht wegzudenken.

Gerhard Schöningh kennt diesen Kick sehr genau. Er war schon häufig beim Royal-Ascot-Pferderennen, dem vermutlich berühmtesten weltweit. Er weiß deswegen präzise, wie viel oder wenig das, was auf seiner Galopprennbahn in Hoppegarten bei Berlin vor sich geht, mit dem britischen Vorbild zu tun hat. Vermutlich ist es eine Frage der Perspektive. Um die Perspektiven für Hoppegarten wiederum kämpft Gerhard Schöningh gerade höchst intensiv. Ein Geschäft, das mit vielen Mühen verbunden ist.

Reichtum durch Rennsport

Dies ist eine Serie über Menschen, die in Berlin etwas bewegen – und man darf wohl sagen: Da passt Schöningh hinein wie kaum ein Zweiter, obwohl er lediglich zwischen der deutschen Hauptstadt und London pendelt. Als die Galopprennbahn Hoppegarten im Jahr 2007 am Ende war, da stieg dieser Mann mit drei Millionen Euro seines persönlichen Kapitals ein, damit dieser so traditionelle Ort großen Sports fortleben könne. Inzwischen hat Schöningh – er muss sehr vermögend sein – jedes Jahr bis zu siebenstellige Summen in die Anlage investiert. In die Tribünen aus der Zeit der Weimarer Republik, in die Stallungen, in die Klub-Tribüne, die mit ihrer langen Bar, ihren weiß getünchten Wänden und den schweren Sitzmöbeln wieder schmuck aussieht. Gerechnet hat sich das für Schöningh nicht. Noch wirft die Anlage kein Geld ab, aber der Investor macht keine ernsthaften Anstalten, sein Engagement zu beenden oder auch nur zurückzufahren.

Weil er bei seinen Aufenthalten in Berlin tatsächlich immer sehr beschäftigt ist, hatte Schöningh gebeten, in Hoppegarten auf der Rennbahn spazieren zu gehen. Für ihn ist sie in Berlin das Zuhause. Schon die Anfahrt zeigt, wie sehr ganz Hoppegarten mit dem Pferdesport verwachsen ist: Wundervolle Villen sind da am Straßenrand zu sehen, mit Giebeln und Fachwerk, alles Residenzen früherer Trainer der Anlage, die Bismarck persönlich im Jahr 1868 eröffnete. Reichtum durch Rennsport, so lief das hier bis zum Zweiten Weltkrieg.

Sein Büro hat Schöningh im Waage-Gebäude, dort werden vor dem Rennen die Jockeys gewogen. Ein Ort wie aus dem Bilderbuch, selbst heute, wo alles still und bis auf einen Rennsportjournalisten in Weste und Tweedkappe niemand anwesend ist. Schöningh selbst empfängt in einem Büro, dem jeglicher Gestaltungswille fehlt. Ein Rechner auf dem Tisch, eine Schachtel Zigaretten der britischen Marke „Silk Cut“ daneben. Hier hat es jemand nicht nötig, den dicken Macker und Herren über Pferde und Wetten raushängen zu lassen. Die Begrüßung lässt erkennen, dass der Mann Umgang mit der englischen Oberschicht pflegt: Leise und höflich wird der Besucher empfangen, nach ein paar Floskeln über das wunderbare Wetter schlendert man aus dem Haus auf die großzügige Anlage. Schöningh ist in seinem braunen Sakko, Jeans und Wildlederstiefeln für Londoner Verhältnisse leger angezogen, im weitgehend dresscodefreien Berlin sieht man diesen Stil eher selten.

Es geht vorbei an den großen Tribünen, wir begeben uns auf die Rennbahn. Gras wächst hier, das wird zweimal die Woche gemäht. Die Gerade vor den Tribünen sei einzigartig in Deutschland, sagt Schöningh, mit genau 1400 Metern so lang wie nirgends sonst, dazu sanft ab- und ansteigend. Die nächsten Minuten nutzt Schöningh zu einer beiläufigen Demonstration: Worauf auch immer sein Besucher ihn anspricht, er kennt jede Anekdote, jedes Detail. An einer Tribüne prangt beispielsweise das Wappen Wilhelms II., obwohl sie 1922 eröffnet wurde, also rund vier Jahre nachdem der Kaiser ins Exil ging. Schöningh nutzt das, um einen Ausflug in die Historie zu unternehmen: Der Kaiser sei kein großer Freund des Pferdesports gewesen, aber die Herren vom Union-Klub, der Hoppegarten betrieb, waren trotzdem auch nach 1918 noch strenge Monarchisten.

Der greise Paul von Hindenburg hatte als Reichspräsident Ende der 20er-Jahre in Hoppegarten Auftritte als eine Art Ersatzkaiser. Pferderennen war Volkssport, populärer als Fußball, fast alle Renntage waren ausverkauft, 1000 Pferde wurden hier auf dem 207 Hektar großen Areal trainiert, heute sind es 130. Die Anfrage zu einer deutschen Teilnahme an den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit ging mangels eines anderen Ansprechpartners an den Union-Klub. Die Nationalsozialisten schließlich errichteten auf dem Gelände der Rennbahn Grunewald die Olympiastätten.

Die große Tradition hilft Schöningh ein wenig: Jüngst wurde die Bahn ins Denkmalpflegeprogramm für national wertvolle Kulturdenkmäler aufgenommen, „Maßnahmen zur Substanzerhaltung und Restaurierung von Gebäuden und Anlagen der Rennbahn“ können nun „mit Mitteln des Bundes und des Landes Brandenburg gefördert werden“, wie das dann im Beamtendeutsch so schön heißt. Dazu geben die Anekdoten dem Ort Kontur. Aber der Markt wird immer enger, die Umsätze sinken. Hamburg und Düsseldorf haben ebenfalls berühmte Bahnen und Rennen zu bieten, wie das Deutsche Derby in Hamburg-Horn. Vor allem aber hatte im zahlungskräftigen West-Berlin die Trabrennbahn Mariendorf vor dem Fall der Mauer den größten Zuspruch. Verwundern kann das nicht – obwohl sogar die DDR-Oberen sich der Faszination des ach so kapitalistischen Pferderennsports nicht entziehen konnte. Schöningh grinst jetzt, diese Ironie ist anscheinend nach seinem Geschmack. Regelmäßig fanden Rennen in Hoppegarten statt, beispielsweise Wilhelm Piecks Frau soll in den 50er-Jahren geradezu wettsüchtig gewesen sein. Trotzdem hatte das mit dem Betrieb im Westen nichts zu tun, sagt Schöningh, Trainern wurden Pferde zugeteilt, das sei alles streng nach Plan gegangen.

Schöningh hat vor seinem Engagement in Berlin äußerst erfolgreich in London als Fondsmanager gearbeitet. Da ergibt sich die Frage von allein, warum er ausgerechnet in eine Hinterlassenschaft der DDR investierte. Er stellt zunächst klar, dass alle unrecht hätten, die glaubten, er habe sich in Hoppegarten einen Lebenstraum erfüllt. Ja, er wuchs in Krefeld neben einer Rennbahn auf, ja, er besitzt in England Rennpferde, aber das bedeute nicht, dass der Kauf der Schritt eines verwöhnten Jungen auf der Suche nach einem Spielzeug war. „Als Fondsmanager“, sagt Schöningh und blickt kurz auf die uralten Eichen an der Bahn, „hat man ein übersichtliches Leben. Da kommen Firmen und Menschen zu einem, und man verwaltet ihr Geld. Das geht alles individuell: Wenn einem eine Firma, ein Mensch oder eine Aktie nicht gefällt, dann sagt man eben Nein.“

Und während der Besucher sich noch fragt, warum dann nicht noch viel mehr Menschen Fondsmanager werden, erzählt Schöningh die Geschichte von der Rennbahn und ihm: Ein wenig eintönig sei sein Leben geworden, als er sich aus der Firma, die er mit einem Kompagnon zusammen aufgebaut hatte, kurz vor Beginn der Finanzkrise zurückzog. Dann hörte er von der Offerte aus Berlin. Er kannte die Bahn ein wenig: 1989 war er kurz vor dem Fall der Mauer einmal hier gewesen, er erinnert sich noch sehr gut an die fingerdick mit Margarine bestrichenen Schrippen in den Gastrobereichen. Zu Beginn der 90er-Jahre kehrte er wieder, als er sich beim Workshop einer Bank ein wenig außer der Reihe freinahm. Der Reiz habe 2008 für ihn darin bestanden, dass es noch einmal etwas völlig anderes zu erleben geben würde als alles, was er vorher gewohnt war: „Macht das Sinn?“, fragt Schöningh seinen Besucher, er tut das an diesem Nachmittag häufiger. Schöningh interessiert die Meinung anderer, er analysiert und wägt während des Gesprächs ab, was er für einen Nutzen aus dem Austausch ziehen kann. Bleibt die Frage, wie genau er, der London, das Zentrum der Finanzwelt, als Arbeitsumfeld gewöhnt ist, sich nun in Berlin orientiert, diesem notorisch schwachen Wirtschaftsstandort? Vergleichbar sei das nicht, sagt Schöningh. London sei eine Stadt, in der sich die Eliten der ganzen Nation konzentrierten. Finanzen, Kunst, Wissenschaft, Mode, alle seien da, ein fast unerschöpflicher Kosmos sei das, der ihn ja auch die meiste Zeit im Stadtteil Knightsbridge halte. Viele Menschen arbeiteten dort auch härter als in Berlin.

Naturereignis Hoppegarten

Aber auch Berlin sei eine große Stadt, arm zwar, aber mit riesigem Potenzial, eben weil sich noch nicht alles so lange habe einspielen können. Beim Gesprächspartner kommt nun endgültig der Eindruck auf, hier jemanden vor sich zu haben, der Herausforderungen liebt. Wobei die an diesem Sommertag fast unwirklich schöne Umgebung suggeriert, dass diese Herausforderungen gar nicht so groß sein können. Aber das ist Quatsch, der erste Renntag 2013 fiel beispielsweise wegen Schnees aus.

Gerhard Schöningh hat Zahlen und Tabellen dabei, die den Aufstieg Hoppegartens eindrucksvoll belegen. Wir sind jetzt in die Klub-Tribüne spaziert, damit er sie seinem Besucher zeigen kann. Er bestellt einen Kaffee mit Milch und bedankt sich freundlich bei seiner Kellnerin. Zehn fest angestellte Mitarbeiter hat er in Hoppegarten. Die haben dafür gesorgt, dass sich die Bahn inzwischen, was die Wettumsätze angeht, als Nummer drei in Deutschland betrachten darf, auch die Preisgelder nehmen stark zu, die Zuschauerzahlen liegen im Schnitt bei 7500 pro Renntag. Was den eigentlichen Sport betrifft, lobt Schöningh namentlich den Trainer Roland Dzubasz, den Trainerchampion 2012. International erfolgreiche Superpferde wie Meandre, Pastorius, Overdose und Danedream sind in der Ära Schöningh in Hoppegarten gelaufen. Der Saisonhöhepunkt ist der Große Preis von Berlin am heutigen Sonntag, Deutschlands höchstdotiertes Listenrennen.

Aber über allem reicht es eben noch nicht, damit auch Gerhard Schöningh finanziell etwas davon hat. Wo er deswegen ansetzen möchte? Zunächst einmal, sagt Schöningh, sei ihm klar, dass er allein von den Reichen, die er an die Bahn locken könne, nicht leben könne. Er setze stark auf das Naturereignis Hoppegarten und schaffe mit seinem Team eine besondere Atmosphäre für Familien. Er könne sich auch vorstellen, Konzerte auf der Rennbahn auszurichten und so zu einem weiteren Standbein zu gelangen. Zehn Renntage finden derzeit statt, Schöningh sagt, nach seinen Begriffen wäre Hoppegarten angekommen, wenn sich die Zahl verdoppelt habe und statt 130 hier 300 Pferde trainiert würden.

Neulich musste sich Gerhard Schöningh bei einer Pressekonferenz fragen lassen, ob es stimme, dass ihm der Aufstieg Hoppegartens nicht schnell genug vorangehe, dass er ungeduldig werde. Schöningh antwortete höflich, dass seine gelegentliche Ungeduld nun einmal zu ihm gehöre. Beim Spaziergang war davon allerdings nichts mehr zu merken. So wäre es nicht nur Hoppegarten, sondern Berlin zu wünschen, dass der Mann noch eine ganze Weile bleibt. Erstens, weil es nicht schaden kann, wenn es hier möglichst viele Orte gibt, an denen sich Reiche, Arme und Gauner gemeinsam heiser schreien. Es muss ja nicht gleich wie beim Royal Ascot zugehen. Und zweitens, weil Berlin gerade von dieser Sorte Macher, die mit ihrem persönlichen Geld für ihr Projekt geradestehen, noch eine ganze Menge mehr gebrauchen könnte.