Berliner Spaziergang

Der Horizont-Erweiterer

Grauer Herrenhaarschnitt, akkurater Anzug, Managerhändedruck. Hatte nicht mal Frank Elstner so ein Brillenmodell? Auf den ersten Blick wirkt Jörg Steinbach verwechselbar. Bank, Industrie, Deutsche Bahn? Man weiß nicht genau, wo man diesen Typ Mann einordnen würde. Alles wäre möglich. Eben auch, dass er der Präsident der Technischen Universität Berlins ist.

Der Präsident holt seine Gäste selbst aus dem Vorzimmer ab. Und ist überhaupt auffallend nett. Er hat versprochen, dem Besuch einen einzigartigen Blick auf den Campus zu gewähren. Vom Dach der Universitätsbibliothek aus. Damit wir seine Zukunftspläne sofort vor Augen haben. „Sollen wir gleich los?“ In dem Moment wird der Himmel vor dem Fenster schwarz. Das Berliner Juniwetter zwingt zur Planänderung. „Kein Problem, dann gehen wir doch solange in mein Büro.“ Es ist erst zehn Uhr, und doch ist dies schon der zweite Termin des Tages, bei dem Steinbach umdisponieren muss. Er wirkt nicht so, als würde ihm das etwas ausmachen. Der Kaffee steht auch noch bereit. Praktisch.

Professor Dr.-Ing. Jörg Steinbach ist seit April 2010 Präsident der Technischen Universität Berlin. 1996 kam er als Professor für Anlagen- und Sicherheitstechnik an die TU, schon bald darauf hat er größere Aufgaben übernommen. 1999 wurde er zum ersten Mal Dekan, 2001 Studien- und Prodekan. Von 2002 bis 2010 war er Erster Vizepräsident. Es kam zu einem Disziplinarverfahren gegen den damaligen Präsidenten Kurt Kutzler. Steinbach leitete es. Er war nicht unumstritten, als er sich in der Folge als neuer Präsident zur Wahl stellte. Aber er hat sich durchgesetzt. Jetzt ist er ganz oben. Das nächste Ziel: die zweite Amtszeit.

Im Zentrum der Macht

Vorbei an den Blicken der Vorzimmerdamen führt Steinbach ins auffallend große Zentrum der Macht der TU. An der Wand gegenüber prangt ein riesiges zeitgenössisches Gemälde. Straßengewirr am Strausberger Platz mit dem Titel „Goodbye Stalin“. Aufbruch zu neuen Zeiten, das passt ganz gut zum Bewohner dieses Büros. „Im ersten Moment war ich von dem Bild völlig erschlagen“, erklärt Steinbach. „Aber dann habe ich mir gesagt, nichts da, jetzt zwingst du dich dazu, das mal einen Augenblick auf dich wirken zu lassen.“ Nach drei Tagen stellte er dann fest: „Das Bild hängt da perfekt. Da darf man gar nichts Kleineres haben.“ Kleinteiliges ist ohnehin nicht das Ding von Jörg Steinbach. Er denkt lieber in größeren Dimensionen. Schon nach ein paar Minuten mit ihm ist der Eindruck vom Anfang verlogen. Tatsächlich könnte er sowohl in der Industrie wie auch in der Bildung arbeiten. Aber nicht, weil er verwechselbar ist. Sondern weil man ihm viel zutraut.

Von seinem Schreibtisch aus blickt Steinbach auf eine Luftaufnahme des Geländes zwischen Hardenbergstraße, Fasanenstraße, Salzufer, Fraunhofer und Marchstraße. Durch 3-D-Brillen bewundern wir die Aussicht: Hinten ragt das Telefunken-Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz hoch, der 17. Juni schneidet einmal durch das Gelände. Dieses Bild soll nach Steinbachs Wünschen so bald wie möglich an die Vergangenheit erinnern. Der Campus nämlich, den man hier dargestellt sieht, soll sich entscheidend verändern. Ein neuer Schwerpunkt soll geschaffen werden.

Wir wären nicht an einer Technischen Universität, wenn 3-D-Brillen das einzige Gadget blieben, das zum Einsatz kommt. Um zu verdeutlichen, was ihm vorschwebt, geht Jörg Steinbach jetzt rüber zum Konferenztisch und schaltet Apple TV an. Beamer war gestern. Auf dem Bildschirm an der Wand erscheint eine Aufnahme des Geländes, unterteilt in die verschiedenen Grundstücke. Im Nordosten liegt der Bahnhof Zoo, mit dem Busbahnhof der BVG davor, weiter westlich der Wirtschaftshof des Zoos, mehr im Norden das Gelände, das jetzt schon zur Universität gehört, aber umgebaut werden soll. Es gibt auch schon Modelle. „Hier kommt das neue Gebäude der Mathematik hin“, erklärt Steinach, „da der Maschinenbau, da möglichst die Fraunhofer-Gesellschaft.“ Ein Tagungshotel ist auch geplant. Und am liebsten noch Studentenappartements. „Damit der Campus noch Leben dazubekommt.“

Auf den Bildern, die da an der Wand entstehen, sieht alles schon sehr konkret aus. BVG-Chefin Marie-Luise Nikutta habe bereits ihre Bereitschaft erklärt, mit den Bussen zu rücken. Der „Misthaufen“ in der Mitte gehörte früher dem Zoo und heute dem Senator für Finanzen. Groß an der Gestaltung des Geländes zu hängen scheint er nicht. Die Umsetzung der Vision hakt jetzt vor allem an einer Fläche, die schon mal für eine Berliner Pleite gesorgt hat: das Gelände, auf dem längst das Riesenrad hätte stehen sollen. Wegen der erheblichen Grundschulden auf dem 1,3 Hektar großen Areal wird der Senat es wohl nicht vom jetzigen Eigentümer zurückkaufen. Zu groß sind die Risiken. „Herr Nussbaum weigert sich“, sagt Steinbach. Nach dem aktuellen Zensus dürfte es noch schwieriger sein. Und auch dass die Erweiterung wegen der Bezirksgrenze gleich zwei Bezirke beschäftigen wird, beschleunigt das Vorhaben nicht unbedingt. Aber Steinbach lässt sich so leicht nicht entmutigen. Für das Ersatzgebäude, in das die Mathematik ziehen soll, während ihre Gebäude abgerissen oder neu gebaut werden, ist das Geld bereits beantragt. Da sind die Besitzverhältnisse geklärt, da kann man anfangen.

Wer ein Haus baut, der will etwas festigen in seinem Leben. So ist das auch bei der Campuserweiterung. Für die TU soll jetzt eine neue Phase beginnen. Eine der Stabilisierung. So gesehen wären die neuen Gebäude das glückliche Ende einer langen Zeit der Unruhe, die kurz vor der Jahrtausendwende begonnen hat. Steinbach nennt es „die erste Sarrazin-Welle“. Damals drohte der Stadt noch, dass eine Uni ganz geschlossen werden könnte. In dieser Zeit begann die fieberhafte Suche nach großen Persönlichkeiten, die einst diese Uni besucht hatten und jetzt mit Geld und Stimme dafür einstünden, dass ihre Hochschule auf keinen Fall geschlossen würde. Die Alumni-Armeen wurden zusammengestellt. Die Alternative zur Schließung zwang die Universitäten, sich auf ‚Kernkompetenzen‘ zu fokussieren. Für die TU hieß das, sich von Teilen der Geisteswissenschaften zu verabschieden. Die Anglistik wurde geschlossen, das Frankreich-Institut ging an die FU, dann verschwand die Geschichte.

In dieser Zeit hat Steinbach schon an der Entwicklung des Hochschule mitgearbeitet. Er war Dekan, der damalige Präsident der TU, der Volkswirtschaftler Hans-Jürgen Ewers, hatte ihn in die Arbeitsgruppe eingeladen. „Der hatte einen Narren an mir gefressen und ich an ihm“, sagt Steinbach. Ewers ist bis heute sein großes Vorbild. „Ohne ihn würden wir heute längst nicht so weit sein mit der Universität.“ Als er bekannt gegeben hatte, dass er wegen seiner Erkrankung das Amt des Präsidenten abgeben müsste, habe er zu Steinbach gesagt: „So, jetzt musst du Verantwortung übernehmen.“ Daran halte er sich bis heute.

Über seinen direkten Vorgänger sagt er: „Wir wussten, dass aus der Mischung eines industriegeprägten und eines rein akademisch geprägten Leitungspaares immer gute Kompromisse für die Universität herauskommen würden.“

540 Lehrstühle und 26.000 Studierende hatte die TU im Jahr 2000. Jetzt sind es 273 Lehrstühle für 32.000 Studierende. Auch deswegen müssen neue Gebäude her. „Wir können gerne mal in den achten Stock der Mathematik gehen“, sagt Steinbach. „Da regnet es durchs Dach, die Wissenschaftler haben Eimer aufgestellt.“ Die Entwicklung des Ostgeländes sei längst keine Zukunftsperspektive mehr. „Wir müssten morgen anfangen.“

Zu Beginn der Sparkrise hat die Uni, um es mit Steinbachs Worten zu sagen, „Tafelsilber verkauft“. Die TU konzentrierte sich auf den Campus Charlottenburg, alles andere wurde aufgegeben. Dann galt es, immer mehr durch andere Quellen zu finanzieren. Auch das scheint gelungen zu sein. „2006 haben wir 60 Millionen Euro Forschungsmittel eingeworben, 2012 waren wir bei 160 Millionen.“ Der Jahresetat vom Land Berlin beträgt 287 Millionen Euro. Aus dem Vollen schöpfen kann die Uni aber deswegen noch lange nicht. Immerhin, bei den Hochschulverträgen haben die Präsidenten der Berliner Universitäten gerade einen Etappensieg errungen. Aber der Haushalt der TU hat ein strukturelles Defizit von zehn Millionen pro Jahr. Das dürfte erst mal bleiben.

„Eine fast krankhafte Liebe zur Universität“, das sei es, was ihn immer wieder motiviere, weiterzumachen. Trotz der Mangelwirtschaft. „Ich muss ja auch den Kollegen sagen, es wird schöner, es geht weiter, wir verbessern uns.“ Diese Liebe zur Uni ist fest verankert. Zwei seiner Söhne studieren hier. 1975 hat Jörg Steinbach selbst als Erstsemester der Chemie sich die ersten Löcher in den Kittel gebrannt, jetzt hat er die Gesamtverantwortung für die Universität.

Ist das der Professorentyp, den er auch selber anstrebt? Es gibt nämlich noch ein anderes Projekt, das Steinbach gerade verfolgt. Bislang sieht das deutsche System nämlich vor, dass Wissenschaftler die Einrichtungen wechseln. Man wird von der einen Universität promoviert, an eine andere wird man berufen. Die Münchner Unis haben dieses Gesetz aber für einen geringen Prozentsatz der Forscher bereits geändert, ebenso die TU Heidelberg. An der TU Berlin hat man jetzt konkret zwei Forscher vor Augen, die man unbedingt halten will. Das Pilotprojekt ist bereits gestartet.

Internationalste Uni Deutschlands

Jetzt ist die Sonne wieder rausgekommen. Wir können also aufs Dach steigen. Auf dem Weg dorthin dreht Steinbach noch ein paar Schleifen. So ganz ohne den Lichthof des Hauptgebäudes zu bewundern, darf hier anscheinend kein Besucher das Gebäude verlassen. Aber noch etwas anderes fällt auf: Die TU ist extrem international. Mit 20 Prozent hat sie den höchsten Ausländeranteile in der Studierendenschaft unter den deutschen Universitäten. Aus 130 Ländern kommen Studierende nach Berlin. Die meisten von ihnen aus China.

Es gibt übrigens auch eine Süderweiterung. Allerdings sieht die anders aus. Seit ein paar Jahren schon gibt es den Campus Charlottenburg, die Vernetzung von Künsten und Technikwissenschaften, also gemeinsame Projekte von der Universität der Künste (UdK) und der Technischen Universität. Das Design ist eben genauso wichtig wie die Funktionalität. Die Zusammenarbeit mit der UdK ermögliche noch einmal einen ganz neuen Blick auf die Entwicklung neuer Produkte. Erst jüngst habe man Neuköllner Schüler befragt, wie sie sich ihr Handy der Zukunft wünschten. Statt sich möglichst viel Funktion auf möglichst kleinem Raum zu erträumen, war das Ergebnis: ein Kuschelkissen. Damit man sich anschmiegen könne, wenn man mit seinen Freunden telefoniert. Und Steinbach denkt noch weiter. Auch mit der Charité sollen die Ingenieure bald forschen. Im Bereich Maschinenbau beispielsweise oder Biotechnologie.

Schmerzt es ihn, dass die Technische Universität nicht wie die anderen beiden großen Berlinerinnen eine Exzellenzuniversität geworden ist? Hat man da nicht manchmal das Gefühl, man sei die kleine Schwester? Nein, versichert Steinbach. Vielleicht habe man früher mal so gedacht. Aber das sei vorbei. Die TU habe genug Tanker in der Flotte. Die Chemie beispielsweise. Oder die Materialforschung mit fünf Sonderforschungsbereichen. Steinbach will sich an dem Modell Aachen orientieren. Da denkt auch jeder sofort an Maschinenbau. Wenn der Name Technische Universität Berlin fällt, dann sollen alle sofort denken: angewandte Mathematik. „Als Schlüsseltechnologie, die in alles andere reinragt. Mit den Forschungsgebieten im Bereich IT und Kommunikation.“

Steinbach ist übrigens ein lupenreiner Berliner. Geboren in Wilmersdorf, Grundschule Rüdesheimer Platz, dann Graues Kloster. Selbst sein Ausflug in die Industrie brachte ihn nicht weiter als nach Wedding. Elf Jahre lang arbeitete er für Schering. Er ist jetzt 57 Jahre alt. Vorausgesetzt, es gibt eine zweite Amtszeit, bleibt er bis 2018 Präsident der TU. Hat er schon Pläne für die Zeit danach? Steinbach lacht. „Meine Frau sagt, was auch immer du tun wirst, du wirst sicher Überstunden machen.“