Ägypten

„So geht das nicht – Der Mann muss weg“

2008 fand in al-Mahalla al-Kubra die erste Demonstration gegen Mubarak statt. Jetzt gibt es Proteste gegen seinen Nachfolger

Großes Geschrei an der Tankstelle bei der Ortseinfahrt von al-Mahalla al-Kubra. Etwa 100Autos stehen in Zweierreihen vor den Zapfsäulen und blockieren den Verkehr. Die Fahrer brüllen sich an. Einige gehen mit Fäusten aufeinander los. Polizisten versuchen zu schlichten. Mit nur mäßigem Erfolg. „Seit Mursi die Macht in unserem Land übernommen hat, verschlechtert sich die Situation von Tag zu Tag“, sagt Ismail, der bereits seit sieben Stunden wartet, um seinen Tank mit Diesel zu füllen. „Allah sollte sein Haus zerstören“, kommentiert ein LKW-Fahrer, der neben Ismail in der Schlange steht.

Das haben Demonstranten inzwischen getan. Am frühen Montagmorgen setzten Gegner des ägyptischen Präsidenten den zentralen Sitz der Muslimbruderschaft, aus deren Reihen Mohammed Mursi stammt, mit Molotowcocktails in Brand, stürmten das Gebäude, warfen Gegenstände aus den Fenstern. Auch in al-Mahalla haben wütende Mursi-Gegner schon im Vorfeld der Großdemonstration das lokale Parteibüro der regierenden Islamisten mit Brandbomben beworfen. „Wir werden jeden Tag auf die Straße gehen und demonstrieren, bis er weg ist“, sagen die aufgebrachten Autofahrer an der Tankstelle.

Als die Arbeiter in Ägyptens größter Industriestadt al-Mahalla al-Kubra im Herzen des Nildeltas am 6. April 2008 das erste Mal auf die Straße gingen und für bessere Lebensbedingungen demonstrierten, hatte es keiner von ihnen für möglich gehalten, dass dies der Anfang vom Ende einer Ära sein würde. Doch der Geist von Mahalla zog weitere Kreise. Drei Jahre später waren Millionen Ägypter auf der Straße. Die Jugendbewegung gab sich den Namen 6. April in Erinnerung an Mahalla. Langzeitmachthaber Husni Mubarak wurde gestürzt. Jetzt gilt es, Mohammed Mursi aus dem Amt zu jagen. Die Stimmung in Mahalla ist gedrückt, obwohl am Sonntag mehr Menschen auf die Straße gingen als je zuvor in der Geschichte Ägyptens. In 23 der insgesamt 27 Provinzen wurde demonstriert. Militärische Kreise beziffern die Zahl der Demonstranten mit bis zu zwölf Millionen. Während vor zwei Jahren, als es um den Sturz Husni Mubaraks ging, die Proteste sich auf Kairo, Alexandria und Suez beschränkten, sind sie jetzt nahezu überall im Land.

Gegen die „Muslimbruderisierung“

Bis jetzt gibt es keine Reaktion des Präsidenten. Schon die Rede Mursis Mitte letzter Woche, in der er Bilanz seiner einjährigen Amtsführung zog, war mager ausgefallen. Er gab zwar Fehler zu, gelobte Besserung, schob aber die Schuld für die Missstände in der Gesellschaft entweder auf ausländische Kräfte oder Anhänger des vorigen Regimes. Keine Zugeständnisse an die Forderungen der Protestbewegung, keine konkreten Vorschläge für Veränderungen, kein Programm. Nur vier seiner Minister sind gestern Mittag zurückgetreten, von denen man ohnehin wusste, dass sie den Kurs nicht weiter mittragen wollten.

„So geht das nicht – der Mann muss weg“, sagt Tamer, der vor dem Werkstor der staatlichen Baumwollspinnerei sitzt. Seine Kollegen um ihn herum nicken zustimmend. Schon im vergangenen Dezember sind Tausende von Fabrikarbeitern in Mahalla gegen Mursi und seine Regierung auf die Straße gegangen. Falls nichts geschehe, werde es eine zweite Revolution geben, die den Sturz des Präsidenten zum Ziel hat, prophezeiten die Arbeiter aus dem Nildelta schon damals. Nicht umsonst wird Mahalla mittlerweile die Wiege der ägyptischen Revolution genannt. „Es ist nichts geschehen seitdem“, sagt Tamer. Das Land sei nur weiter im Abwärtstrend. Stromausfälle, nicht genügend Benzin, kaum Gas zum Kochen, ins Uferlose steigende Lebensmittelpreise, und das Wasser wird auch langsam knapp.

Hinzu kommt eine „Muslimbruderisierung“ des Landes, indem alle wichtigen Posten mit Mursis Truppe besetzt würden. Auch in der Provinz Gharbija, in der Mahalla liegt, setzte der Präsident einen Muslimbruder als neuen Gouverneur ein. Die Bevölkerung lief Sturm gegen diese Entscheidung. Es kam zu Zusammenstößen mit Dutzenden Verletzten. „Das wollen wir nicht“, ereifert sich Tamers Kollege Fausi. Im ganzen Nildelta kam es bereits im Vorfeld der Großdemonstration vom Sonntag zu Zusammenstößen zwischen Befürwortern und Gegnern des Präsidenten. Fünf Menschen wurden dabei getötet. Insgesamt sind schon 16 Todesopfer zu beklagen. Die Männer vor der Baumwollspinnerei befürchten, dass es noch mehr werden.