Bundesfreiwilligendienst

„Eine Chance, sich nützlich zu machen“

Wartelisten für die Bewerber

Jede Woche bekommt Juliane Meinhold zehn Anrufe und E-Mails, die eins gemeinsam haben: Die Anrufer und Schreiber wollen sich ein Jahr freiwillig engagieren. Dabei spricht die 36-Jährige als Referentin für den Bundesfreiwilligendienst beim Paritätischen Gesamtverband – und damit als Ansprechpartnerin auf Bundesebene – nur mit einem Bruchteil der Bewerber. Viele melden sich direkt bei den Einrichtungen vor Ort. Rund 4500 „Bufdis“ hat der Paritätische. Hinzu kommen noch einmal 6600, die als Jugendfreiwillige Dienst leisten.

Zwei Jahre ist es her, dass der Bundesfreiwilligendienst (BFD) eingeführt wurde. Damals fiel mit der Abschaffung der Wehrpflicht auch der Zivildienst weg. Als Ersatz wurden die „Bufdi“-Stellen geschaffen. Mit Erfolg: Die rund 35.000 Plätze sind größtenteils ausgebucht. In einigen Städten gibt es wegen der doppelten Abiturjahrgänge so viele Bewerber, dass Wartelisten eingerichtet wurden. Und das, obwohl es nur wenig Geld für den Einsatz gibt, der in der Regel zwölf Monate dauert. Die Freiwilligen erhalten maximal 348 Euro Taschengeld monatlich. Im Gegensatz zum früheren Zivildienst werden die Fahrtkosten zur Dienststelle nicht immer übernommen. Dafür gibt es – anders als beim sozialen und ökologischen Jahr – keine Altersgrenze nach oben: Auch Rentner können noch Bufdis werden.

Auch ältere Erwerbslose dabei

Grund genug für Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU), deren Ministerium für den BFD zuständig ist, zum zweiten Jubiläum eine „überaus positive Bilanz zu ziehen“. „35.000 BFDler im ersten und zweiten Freiwilligenjahr sind ein großartiger Erfolg“, sagte Schröder jetzt. Inklusive der Aktiven im weiter bestehenden freiwilligen sozialen Jahr und im freiwilligen ökologischen Jahr seien es mehr als 85.000 Freiwillige – „ein historischer Rekord.“ Kritik kam von der Linken. Der BFD entwickele sich vor allem in Ostdeutschland immer mehr zum „Auffangbecken für vorher wegrationalisierte ältere, weibliche Arbeitskräfte“, so die Partei.

Doch nach wie vor sind es überwiegend junge Menschen, die sich für den Freiwilligendienst interessieren. Viele haben ihren Schulabschluss in der Tasche und wollen eine Auszeit nehmen, bevor es beruflich weitergeht. Andere warten noch auf einen Studienplatz. „Rund 60 Prozent der Bewerber sind unter 27“, sagt Juliane Meinhold vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Erkennbar sei ein deutliches Ost-West-Gefälle – insgesamt, aber auch bei den Bufdis, die beim Paritätischen im Einsatz sind. Von den unter 27-Jährigen, die sich bewerben, kommen rund 80 Prozent aus Westdeutschland. Bei den Bewerbern ab 27 stammen etwa 80 Prozent aus Ostdeutschland. Es sind viele Erwerbslose darunter. „Sie sehen das als Chance, sich fürs Gemeinwohl nützlich zu machen“, sagt Meinhold. „Manche sind sicherlich auch froh, eine Weile vor den Maßnahmen der Arbeitsagentur Ruhe zu haben.“

Denn wer als Bufdi im Einsatz ist, gilt für diese Zeit als „nicht vermittlungsbereit“. Für Langzeitarbeitslose könne der Freiwilligendienst aber schon eine „Herausforderung“ sein, hat Meinhold festgestellt. Denn er verpflichtet dazu, an zwölf Tagen im Jahr an einer Fortbildung teilzunehmen. Die Einrichtungen sind dabei bemüht, diese individuell zu gestalten. Wer als Bufdi in einem Altenheim arbeitet, bekommt zum Beispiel eine Schulung für die Betreuung von Demenzkranken angeboten. Trotzdem erleben die Mitarbeiter beim Paritätischen gelegentlich, wie schwer sich mancher damit tut, das Angebot wahrzunehmen: „Da kann es schon eine Hürde sein, wenn man seinen Wohnort verlassen muss, um zur Fortbildung in einen Nachbarort zu fahren“, sagt Meinhold.

Die Abbruchquote fällt mit zehn bis 15Prozent dennoch relativ gering aus (im Vergleich zu rund 30 Prozent bei der Bundeswehr). Sie liegt nicht höher als zuvor beim freiwilligen sozialen Jahr. Die Gründe für einen Abbruch seien vielfältig, sagt Meinhold: „Manchmal bekommt jemand kurzfristig einen Studienplatz, oder ein Familienmitglied wird zum Pflegefall.“ Ältere Bufdis brechen nicht häufiger ab als jüngere.

Dass immer mehr ältere Erwerbslose den Dienst als finanziell notwendigen Zuverdienst nutzen, kann die Vermittlerin Meinhold nicht bestätigen: „Natürlich freuen sie sich über das Extrageld, aber unsere Erfahrung ist, dass dieser Aspekt nicht ausschlaggebend ist.“ Der Mehrheit gehe es darum, etwas Sinnvolles zu tun. Anders als beim freiwilligen sozialen Jahr sind bei den Bufdis die jungen Männer in der Überzahl. Für Meinhold ist das „ganz klar eine Folge des Wechsels vom Zivildienst zum Bundesfreiwilligendienst“. Ihre Prognose: „Mittelfristig wird der BFD weiblicher werden, mit Freiwilligen mit höherem Bildungsniveau und eher aus der Mittelschicht kommend.“ Dies entspräche auch der Struktur beim freiwilligen sozialen Jahr. Die Vermittlerin plädiert deshalb dafür, künftig auch noch stärker gezielt in bildungsfernen Gruppen für den Dienst zu werben.

Den Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt, da dürfe man keine Illusionen haben, ermögliche der Freiwilligendienst aber in der Regel nicht, warnt Meinhold: „Das wäre eine zu hohe Erwartung.“ Sie stellt immer wieder fest, dass gerade bei den erwerbslosen Bufdis sich gegen Ende ihrer Einsatzzeit die Frage nach einer Perspektive stellt. Vielleicht werden sich einige von ihnen noch einmal für ein freiwilliges Jahr entscheiden. Denn Bufdi kann man im Abstand von fünf Jahren immer wieder werden.