Wehrdienst

Ein rauer Umgangston

„Behandelt sie so, als wären sie unsere eigenen Kinder!“ Das trichtert Ulrich Karsch, 53, seinen Mitarbeitern immer wieder ein.

„Die eigenen Kinder verlangen auch nicht, dass man sie ständig in Watte packt.“ Mit „sie“ meint er die jungen Menschen, die seit zwei Jahren nicht mehr vom Gesetzgeber zur Bundeswehr geschickt werden; jene, die jetzt von sich aus kommen, um Deutschland zu dienen. „Die erwarten, dass wir partnerschaftlich mit ihnen umgehen, gradlinig und ehrlich“, sagt Karsch.

Der Marine-Offizier leitet seit einem halben Jahr das Karrierecenter der Bundeswehr in Berlin. Es ist eins von 16 bundesweit, die zusammen mindestens 5000 und höchstens 15.000 freiwillig Wehrdienstleistende pro Jahr einstellen müssen. Dieses Ziel hat Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) ausgegeben, als im Juli 2011 die Wehrpflicht ausgesetzt worden ist. Bis dahin standen die jungen Männer noch automatisch vor dem Kasernentor, mit ihrem Einberufungsbescheid. Heute kann die Bundeswehr nicht mehr vorladen, nur noch einladen.

110 Anwerbebüros der Truppe

„Dadurch, dass wir nicht mehr flächendeckend präsent sind, müssen wir die jungen Menschen erst mal auf uns aufmerksam machen“, sagt Karsch. Zu seinem Karrierecenter mit 230 extra geschulten Mitarbeitern gehören zehn Außenstellen, von diesen Beratungsbüros gibt es 110 bundesweit. Zwei liegen in Berlin, vier in Brandenburg, vier in Mecklenburg-Vorpommern. Zusätzlich sind in Potsdam und Rostock „Karriereberatungsmobile“ unterwegs, die auf Einladung an Schulen halten. Das neue Motto lautet: Raus aus der Kaserne, rein in die Städte und Dörfer. Zum Beispiel sucht Karsch gerade Räume für ein „Hauptstadtbüro“, möglichst in der Berliner Innenstadt – und möglichst „zu normalen Geschäftszeiten“ geöffnet, also auch sonnabends.

Künftig kommt es auf jede Frau und jeden Mann an. Denn der demografische Wandel macht es der Bundeswehr zusätzlich schwer. „Gerade im Osten Deutschlands haben wir Sorgen“, sagt Karsch. Zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern, wo nur noch 70 Einwohner pro Quadratkilometer leben, „da müssen wir schon gucken, wo wir überhaupt noch Nachwuchs finden.“ Da bekommt Werbung für die Armee eine ganz neue Qualität. Und Qualität hat ihren Preis. Deswegen hat das Verteidigungsministerium den Werbeetat seit 2011 fast verdoppelt: von 16 Millionen Euro für 2011 auf 30 Millionen für dieses Jahr. Jetzt schickt die Bundeswehr nicht mehr nur Info-Trucks durchs Land oder Offiziere auf Berufsmessen, sie schaltet auch Anzeigen in Jugendheften, bestückt einen eigenen YouTube-Kanal, zeigt sogar Spots in Kino und Fernsehen.

In Berlin und Umgebung bemüht sich Karsch auch um Kooperationen mit Sportvereinen wie Hertha oder mit Radiosendern wie 98.8 Kiss FM. Der veranstaltete Mitte Mai das Fußball-Spektakel „Kiss Cup“, und die Bundeswehr war dabei. In der Halle trat das Drillteam des Wachbataillons auf, die Vorzeige-Soldaten schlechthin. „Da gaben 9000 junge Menschen Standing Ovations“, erzählt Karsch begeistert. „Wir sind natürlich froh, wenn dann auch Beratungen und letztlich Bewerbungen zustande kommen“, sagt er. „Der erste Kontakt ist das Entscheidende.“ Das klingt optimistisch, aber noch nicht richtig zufrieden. „Wir müssen am Ball bleiben.“

Bisher haben die Personalwerber der Bundeswehr ihr Minimalziel zwar erreicht. Insgesamt sind bis April 2013 rund 20.000 freiwillig Wehrdienstleistende (FWD) angetreten, davon acht bis neun Prozent Frauen. So viele Bewerber wie in den ersten Quartalen kommen aber offenbar nicht mehr: Der Bestwert von 4458 (Oktober 2011) bleibt unerreicht. Im zweiten Quartal 2013 sank die Zahl der FWD auf ein Rekordtief von 615. Zum 1. Juli melden sich nun 1884 junge Frauen und Männer zum Dienst. Die meisten verpflichten sich für 13 bis 15 Monate. Das Problem ist nur: Fast jeder Dritte hört wieder auf. Im Schnitt verlassen 25 Prozent der Freiwilligen die Armee in der Probezeit. Vier bis fünf Prozent der Kandidaten schickt die Bundeswehr wieder nach Hause, meist wegen gesundheitlicher Probleme.

„Mit dieser Abbrecherquote stehen wir nicht schlechter da als der zivile Arbeitsmarkt“, sagt Karsch. Oft sei der freiwillige Wehrdienst auch nur als Überbrückung gedacht. Den Abiturienten habe vielleicht der zugewiesene Studienplatz zum Gehen bewegt oder die plötzlich angebotene Ausbildungsstelle. „Dem anderen gefällt es nicht, morgens um halb fünf aufzustehen – in einer Mehrbettstube statt im Jugendzimmer mit Einzelbelegung“, sagt Karsch. „Es mag auch am Umgangston liegen.“ Das System von Befehl und Gehorsam liegt eben nicht jedem. Fest steht, so drückt es Karschs militärischer Vorgesetzter im Ministerium, Generalleutnant Norbert Finster, aus: „Wir haben einen völlig neuen Dienst geschaffen und wir lernen erst, damit umzugehen.“

Nebenbei steckt die Bundeswehr mitten in der größten Reform ihrer Geschichte. Karschs Beitrag dazu war und ist, zwei Organisationen zu fusionieren: Früher gab es die Kreiswehrersatzämter, die Wehrpflichtige musterten, und die Zentren für Nachwuchsgewinnung, für Berufs- und Zeitsoldaten. „Jetzt bieten wir den Arbeitsmarkt Bundeswehr als Gesamtpaket an“, erklärt Kapitän zur See Karsch – und klingt dabei tatsächlich wie ein Werbefachmann.

Ein halbes Jahr nach Aufstellung der neuen Personalorganisationen laufen nun die ersten Evaluationen. „Wir schauen, ob alle Abläufe funktionieren, und was wir aus der Praxis lernen können“, sagt Karsch. Auch die Einheiten, die Freiwillige aufnehmen, müssten auf ihre neue Klientel eingehen. Zum Beispiel habe kürzlich ein Kommandeur die Regel abgeschafft, das freiwillig Wehrdienstleistende am ersten Wochenende nicht nach Hause dürfen. „Die haben nach ihrem ersten Kontakt mit der Bundeswehr ein unheimliches Sendebewusstsein“, sagt Karsch. „Darauf muss man eingehen.“

Kein Handyempfang auf dem Schiff

Dass Bewerber mit „anderen Vorstellungen von der Armee“ in die Armee gehen, will der Marine-Offizier verhindern: mit Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Verbindlichkeit. „Wir müssen die jungen Leute so klar und offen informieren, dass sie wissen, was auf sie zukommt, auch an Einschränkungen.“ Dass zum Beispiel ab zwölf Monaten Dienstzeit ein Auslandseinsatz infrage kommt und jederzeit eine bundesweite Versetzung. „Um das realistisch zu vermitteln, brauchen wir die Truppe, zum Anfassen“, sagt Karsch. Sein 16-jähriger Sohn etwa mache gerade ein Praktikum bei der Marine. „Für ihn ist das schon eine andere Welt, wenn er auf dem Schnellboot mal einen Tag keinen Handy-Empfang hat.“ Auch darauf müsste man junge Menschen hinweisen, die es gewohnt seien, ständig Kontakt zu sozialen Netzwerken zu halten. „Jemandem einen Auslandseinsatz auf einer deutschen Fregatte schmackhaft zu machen, ist schon nicht leicht.“