Berliner Spaziergang

Der Helfer in der Not

Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen.Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Rudolf Seiters, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes

Er strahlt das aus, was man gemeinhin von einem Norddeutschen erwartet: Ruhe, Verlässlichkeit, Bescheidenheit und Zupacken, wenn nötig. Rudolf Seiters ist in Osnabrück aufgewachsen, wohnt in Papenburg an der Ems und ist nicht ganz unschuldig daran, dass auf der dortigen Meyer-Werft noch immer die größten Touristik-Schiffe der Welt gebaut werden. Er ist neunmal als Direktkandidat in den Bundestag gewählt worden, hat als Minister erst die Ausreise der Prager Botschaftsflüchtlinge mit ausgehandelt und dann den Einigungsvertrag. Heute hilft er als Präsident des Deutschen Roten Kreuzes Menschen in aller Welt. Während sich der Großeinsatz bei der Donau-Elbe-Havel-Flut dem Ende nähert, wird es in Syrien immer schwieriger zu helfen.

Ziemlich viel auf einmal. Deshalb der Reihe nach. Ich hole Rudolf Seiters im Hotel Maritim an der Stauffenbergstraße ab. Wir gehen die paar Schritte in den Tiergarten, der angenehme Kühlung verspricht. Mit dem Wetter, allerdings in seiner bösesten Ausprägung, beginnen wir auch unser Gespräch.

Großeinsatz für das Rote Kreuz

Mit 4000 Helferinnen und Helfern des Rettungs- und Sanitätsdienstes war das Deutsche Rotes Kreuz (DRK) an der Flutfront im Süden, Osten und Norden im Einsatz. „Sie können sich gar nicht vorstellen, mit welcher Motivation unsere Helfer dort im Einsatz waren und welche Dankbarkeit sie von den vom Wasser bedrohten Menschen erfahren haben“, schwärmt Seiters. Und bricht eine Lanze für die so oft gescholtene junge Generation. „Natürlich haben jüngere Menschen ein anderes Lebensgefühl als ältere. Und sie binden sich auch nicht wie früher lebenslang an eine Organisation wie das Rote Kreuz. Aber sie sind spontan von großer Hilfsbereitschaft, wenn Not am Mann ist. Das haben wir auch jetzt wieder zehntausendfach erlebt."

Er selbst war nicht an der Wasserfront, hat den Einsatz der größten deutschen Hilfsorganisation im Lage- und Führungszentrum der DRK-Zentrale in Lichterfelde mitkoordiniert. Und die Spenden, wie fließen die nach der zweiten „Jahrhundertflut“ binnen elf Jahren? „Bislang sind mehr als 18 Millionen Euro eingegangen. Generell gilt, dass Großkatastrophen wie der Tsunami Weihnachten 2004, das Erdbeben auf Haiti oder jetzt die Flut die Spendenbereitschaft stark ansteigen lassen. Für den Spender ist wichtig, dass er Bilder sieht, die sein Herz erwärmen. Bei Bürgerkriegen gleicht der Spendenfluss eher einem Rinnsal.“

Gilt das aktuell auch für Syrien? Seiters nickt, dabei verfinstert sich sein Blick ein wenig. „Aber dank ungebundener Spenden und finanzieller Unterstützung durch das Auswärtige Amt haben wir allein in Aleppo mehr als 5000 Familien mit Medikamenten und Lebensmitteln helfen können. Wir selbst sind aus Sicherheitsgründen bislang nur mit einem eigenen Mitarbeiter im Land, der die Hilfsaktionen koordiniert. Wir haben mit dem syrischen Roten Halbmond einen verlässlichen einheimischen Partner, der dafür sorgt, dass unsere Hilfe nicht in falsche Hände gerät. Als überkonfessionelle Hilfsorganisation mit langer Erfahrung in der Region genießen wir in den muslimischen Staates großes Vertrauen.“ Wie schätzt der DRK- Präsident die weitere Entwicklung Syriens ein? „Beim Besuch des Präsidenten des syrischen Halbmonds Ende letzten Jahres kündigte der ein schnelles Ende des Assad-Regimes an. Das hat sich leider nicht bewahrheitet. Die Situation jetzt ist außerordentlich traurig. Es werden noch sehr viele Menschen sterben.“

150 Jahre alt wird in diesem Jahr des Internationale Rote Kreuz, 1863 vom Schweizer Geschäftsmann Henry Dunant nach dem Erleben der Schlacht von Solferino und San Martino gegründet. Im Herbst desselben Jahres wurde der Württembergische Sanitätsverein als erste deutsche Sektion aus der Taufe gehoben. Nach regionalen Geburtstagsfeiern wie Anfang des Jahres im Berliner Konzerthaus lädt Präsident Seiters am 31. Oktober zum zentralen Festakt mit dem Bundespräsidenten ins Stammland nach Stuttgart.

Rudolf Seiters war 66 Jahre alt, als er vor zehn Jahren an des Spitze des DRK gewählt wurde. Was hat ihn in dieses Ehrenamt getrieben? Damit kommen wir bei fröhlichem Vogelgezwitscher unter dem grünen Dach des Tiergartens auf Seiters eigentliche Leidenschaft zu sprechen – die Politik. Nach langer politischer Karriere wollte er sich mit einem Ehrenamt für die Chancen im Leben bedanken, die ihm unsere freie Gesellschaft eröffnet hatte. „Dabei fiel mir mein Besuch zusammen mit Hans- Dietrich Genscher in der Prager Botschaft am 30. September 1989 ein. Ich sah in Gedanken auch die großen grauen Zelte mit den roten Kreuzen im Matsch des Botschaftsgartens wieder vor mir. In ihnen hatten die fluchtentschlossenen DDR-Bürger wochenlang Unterschlupf und Versorgung gefunden. Da wusste ich, welcher Organisation ich meine Dienste anbiete.“

Verhandlungen mit der DDR

Er war damals Helmut Kohls Kanzleramtsminister. In dieser Funktion hat er die entscheidenden Verhandlungen mit der DDR über die Ausreise für die Botschaftsflüchtlinge geführt. Doch dann war es Genscher, der vom Balkon die unvergessene Botschaft verkündete: „Liebe Landsleute, ich bin heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...“ Der Rest ging bekanntlich im Jubel unter, während Rudolf Seiters bescheiden in der zweiten Reihe fast unsichtbar hinter Genscher stand. Stört es ihn, dass diese Bilder allein mit Genschers Namen verbunden sind? Nach einer kurzen Pause sagt er: „Das war und ist für mich nicht wichtig. Dieses Erlebnis war unglaublich elementar. Entscheidend ist doch, dass wir die Botschaft verkünden konnten. Außerdem war Genscher Hausherr in der Botschaft, langjähriger Vizekanzler und ich gerade erst ein paar Monate Minister. Aber ich weiß, dass viele Menschen heute noch wissen, welche Rolle ich dabei gespielt habe.“

Es folgen die für ihn „prägendsten und bewegendsten“ politischen Jahre 1989/90. Im Dezember bereitet er Kohls ebenso unvergessenen Besuch in Dresden mit der Rede an der Ruine der Frauenkirche vor, dann ist er entscheidend an den Verhandlungen über die Verträge zur Einheit beteiligt. Aus heutiger Sicht damals alles richtig gemacht? Jetzt kommt die Antwort prompt: „Die Grundentscheidungen waren alle richtig. Die ökonomische und ökologische Hinterlassenschaft haben wir allerdings stark unterschätzt….“ Aber es gab doch einen westdeutschen Geheimdienst. War der blind? „Ich kann diese Fehleinschätzung bis heute auch nicht erklären. Übrigens auch die Dienste der USA, Großbritanniens und Frankreichs haben das Desaster der DDR-Wirtschaft nicht erkannt." Es bleibt die einzige propagandistische Meisterleistung der DDR.

Uns dürstet. Und so führt der Spaziergang ins Café am Neuen See. Den Berliner Biergarten, der jeden aufrechten Bayern neidisch stimmen muss. Während wir auf Bier und Apfelschorle warten, beginnt Rudolf Seiters ein bisschen aus dem politischen Nähkästchen zu plaudern. „Soll ich Ihnen mal erzählen, wie man bei Helmut Kohl Minister wird?“ Ich bin ganz Ohr. Er habe gerade zu Hause den Rasen gemäht, als der Bundeskanzler anrief. „Hallo Rudi Seiters, was machen Sie gerade?“ „Ich mähe meinen Rasen.“ „Das ist eine verdienstvolle Tätigkeit. Aber es gibt auch verdienstvolle Tätigkeiten in Bonn. Haben Sie einen schwarzen Anzug?“ Da sei ihm klar gewesen, was das bedeutet. So wurde im April 1989 aus dem Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion der Minister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramts Rudolf Seiters.

Der Tod von Wolfgang Grams

Zwei Jahre später beerbte er Wolfgang Schäuble als Bundesinnenminister. Doch nach nur 20 Monaten der Rücktritt. Allerdings ein nobler, die ministerielle Verantwortung anerkennend, was bis heute Freund und Gegner hohen Respekt abnötigt. Zumal sich am Ende herausstellte, dass Seiters gar nicht verantwortlich war. Das ist in diesen Tagen gerade 20 Jahre her. Das eigentliche Drama spielte sich im Bahnhof des mecklenburgischen Örtchens Bad Kleinen ab. Bei dem missglückten Einsatz der GSG-9 zur Festnahme der RAF-Mitglieder Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams wurden im Bahnhof Grams und ein Polizist erschossen.

Als „Der Spiegel“ und das ARD Magazin „Monitor“ behaupteten, Grams sei von der Polizei gezielt hingerichtet worden, gab es immer wildere Spekulationen, wurde der Rechtsstaat Bundesrepublik gar in Frage gestellt. Da zog Seiters die Notbremse. „Aus zwei Gründen. Ich wollte deutlich machen, dass bei den Untersuchungen nichts unter den Teppich gekehrt wird. Und ich wollte eine Belastung für die Koalition vermeiden. Denn der damalige Generalbundesanwalt Alexander von Stahl hatte wie die damalige und heutige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ein FDP-Parteibuch.“ Die angebliche Hinrichtung von Grams stellte sich als gezielte Falschmeldung heraus. Stahl wurde als eigentlich Verantwortlicher entlassen, Seiters dagegen voll rehabilitiert und später parteiübergreifend zum Vize-Präsidenten des Deutschen Bundestags gewählt.

Hat er den Rücktritt bereut? „Nie. Er hat meinem politischen Einfluss ja auch nicht geschadet.“ So ein tiefer Fall – ist das nicht der Gau für einen Politiker? „Zur Wahrheit gehört natürlich, dass es schmerzhaft war. Da sitzt man ein paar Tage später in einem kleinen Zimmer mit Blick auf den Rhein und sieht im Fernsehen, wie ein anderer, es war der Parteifreund Manfred Kanther, auf meinem Stuhl sitzt. Das war nicht einfach.“ Und lacht schon wieder, als er sagt: „Aber ich war ja nicht allein. Ich hatte aus Sicherheitsgründen weiter meine Bodyguards und damit einen Dienstwagen.“ Den Polizeicontainer zum Schutz für die Familie vor dem Eigenheim in Papenburg hat er sofort abtransportieren lassen. „Das wollte ich meiner Familie nicht länger zumuten.“

Papenburg. Da lebt er mit seiner Familie, da hat er seine Freunde, mit denen er einmal im Monat Doppelkopf spielt, da haben ihn die Wähler von 1969 bis 2002 neunmal als Direktkandidat in den Bundestag geschickt. So einer ist natürlich Ehrenbürger der Stadt. Aus vielen Gründen. Einer sorgt noch immer für Aufsehen und spektakuläre Fernsehbilder. Hätte sich nämlich Seiters in Bonn und Berlin nicht mit seinem ganzen Einfluss dafür stark gemacht, dass die Ems vertieft und ein Sperrwerk zur Regulierung des Wasserstands gebaut wird, wäre das für die Meyer-Werft in Papenburg ein riesiges Problem geworden. Die baut bekanntlich ziemlich weit im Hinterland immer größere und schönere Kreuzfahrtschiffe, ist aber von einer immer tieferen Ems abhängig, um die dicken Touristen-Pötte in die Nordsee zu bugsieren. Rudolf Seiters, der bewährte Helfer in der Not.

Der schönste Beruf

Abgeordneter zu sein, hat er einmal gesagt, sei der schönste Beruf für einen politisch interessierten Menschen. Darauf angesprochen meint er, vielleicht sei er ein bisschen verwöhnt worden. „Aber ich habe erfahren, dass man vielen Menschen helfen und Dinge anschieben kann. Und wenn man nur die richtige Tür öffnet. Das ist im Wahlkreis möglich und natürlich noch erfolgreicher in höherer politischer Verantwortung.“

„Tu, was du kannst.“ Ein Lebensmotto, dem Rudolf Seiters bis heute folgt. Das erfüllt ihn mit Genugtuung, auch mit Stolz. Er räumt ein, dass es die Abgeordneten heute angesichts der Überflutung mit Talkshows schwerer hätten, die Wähler für sich zu interessieren. Heute unvorstellbar die Anekdote, die Rudolf Seiters zum Abschied erzählt. „Ich hatte an einem Sonntag in meinem Wahlkreis zum politischen Frühschoppen eingeladen. Im Gottesdienst vorher verkündete der Pastor: Heute fällt die Predigt aus. Ich verweise auf den anschließenden Vortrag unseres Bundestagsabgeordneten in der Kneipe nebenan.“