Pro und Contra

Neue Mittel, altes Ziel

Michael Stürmer über das zweitälteste Gewerbe

Verräter oder Freiheitskämpfer? Der Fall Edward Snowden, ungetreuer Angestellter der amerikanischen NSA – National Security Agency –, gegenwärtig unterwegs von Hongkong via Moskau zu einem lateinamerikanischen Asyl, wahrscheinlich Ecuador, gibt Anlass, die alte Frage neu zu stellen.

Spionage, nach einem zynischen Wort, ist das zweitälteste Gewerbe der Weltgeschichte. Man braucht nur an die Geschichte der Kundschafter zu erinnern, die Moses aussandte, um sicherzugehen, dass das Gelobte Land den Kindern Israels eine Wohnstätte bieten würde. Der Geheimdienst arbeitete der Armee vor – aber wenn man an den Fall der Stadt Jericho denkt, war auch das älteste Gewerbe beteiligt.

Dass Wikileaks im Spiel ist, der notorische Spielverderber, der die Papierkörbe der amerikanischen Diplomatie vor aller Welt ausgebreitet hat und nun den Gesinnungsgenossen mit rechtskundigem Rat und diplomatischer Begleitung ausstattet, legt den Schluss nahe, dass der Fall Snowden schwerlich der letzte in der Reihe spektakulärer Enthüllungen sein dürfte, die Regierungen und Militärs, von Geheimdiensten gar nicht zu reden, Ärger und Mühe machen, beim Publikum aber Schadenfreude und die Frage wecken, was wohl sonst noch alles im Verborgenen geschieht.

Die Informationsrevolution der vergangenen drei Jahrzehnte erlaubt heute im globalen Maßstab, was bis vor einigen Jahren eher in den Bereich diskreter Feinarbeit gehörte. Regierungen, die selber CDs aus krimineller Quelle ankaufen, weil der finanzpolitische Zweck die verschwiegenen Mittel heiligt, tragen auf ihre Weise, unwillig zwar, aber ohne nachhaltige Skrupel, zum großen Monopoly der Information bei.

Spionage im technischen Zeitalter ist nichts Neues. Die Mittel ändern sich, die Ziele nicht: Fotokopien und Richtmikrofone sind altmodisch, aber immer noch wirksam, dito Mikrokameras. Gleiches gilt für die Abschöpfung Verdacht erregender Stichworte oder den „voiceprint“ – die Stimmenerkennung. Auch dass Verbindungsdaten und Handystandorte festgehalten werden und manchmal noch nach Jahren in Gerichtsverfahren Beschuldigten zum Schicksal werden. Hat nicht schon vor bald zwei Jahrzehnten das Europäische Parlament eine Untersuchungskommission eingesetzt, um Echelon auf die Spur zu kommen? Da ging und geht es um das von den USA, Großbritanniens GCHQ (Government Communications Head Quarters), Kanada, Australien und Neuseeland betriebene weltweite Abhörnetz.

Dennoch: Wie für alle Technik gilt natürlich auch für die Informationstechnologie, dass das Mögliche früher oder später das Wirkliche wird. Hier müssen Machtapparate aus sittlichen, moralischen, aber auch aus Gründen der Effizienz Mäßigung und Selbstdisziplin üben.