Berliner Spaziergang

Der freundliche Ohrenmensch

Ruckartig fasst sich Ulrich Matthes an sein rechtes Ohr. Er reibt daran. Eigentlich ist sie kaum aufgefallen, die Frau, die uns soeben entgegenkam und laut in ihr Handy gesprochen hat. Aber Matthes sagt: „Einen Moment, bitte.“ Er müsse diese Stimme loswerden. Eine unangenehme Tonlage, da sei er empfindlich. Es klingt nicht pikiert, eher wie eine freundliche Erklärung.

Ich frage ihn, ob er meine Stimme besser ertrage. Matthes bleibt stehen, er schaut mich an. Diese tiefen, dunklen Augen. In vielen seiner Filme sehen sie düster aus und manchmal auch traurig. Aber an diesem Sommertag am U-Bahnhof Krumme Lanke ist keine Düsternis darin zu finden. Hellbraun sind sie im Tageslicht, wach und vergnügt. Matthes nickt, er merke bereits nach Sekunden, ob er mit einer Stimme klarkomme oder nicht. Für beides, Sympathie oder Erotik, sei die Stimme eine Bedingung. Wenn er nun aber Bedenken bezüglich meiner Stimme hätte, sagt er, so würde er mir das nicht gleich sagen. Wir seien ja schließlich zum Sonntagsspaziergang verabredet. Wieder ein hellbrauner Blick. Diesmal verschmitzt.

Seine Stimme kenne ich schon lange, nicht nur aus Filmen oder von der Bühne. Matthes hat auch das Buch „Mister Aufziehvogel“ von Haruki Murakami vorgelesen, auf 24 CDs. Ich habe sie vor Jahren gehört, diese Geschichte über einen jungen Japaner, der von seiner Frau verlassen wird und in ein rätselhaftes Leben fern aller Routinen abgleitet. Weil das Hörbuch sehr lang ist, bin ich manchmal eingeschlafen dabei, halb im Traum war es dann nicht mehr die Stimme von Matthes, die ich hörte, sondern die Charaktere selbst. Sie fingen an zu leben. Sie besuchten mich im Schlaf.

In dem Buch geht es auch um Einsamkeit. Eine Einsamkeit, die nicht unbedingt Unglück bedeutet, weil sie ein sehr empfindsamer Zustand ist. Intensiver, als wenn man sich in einer gewohnten Struktur bewegt. Man glaubt, dass Ulrich Matthes weiß, wie diese Art der Einsamkeit sich anfühlt. Aber vielleicht spielt er dieses Gefühl auch einfach nur gut. Sein Privatleben breitet er jedenfalls in Interviews nicht aus. Bilder auf dem roten Teppich zeigen ihn meist alleine oder mit Kollegen. Aber was heißt das schon.

Matthes schaut viel links und rechts beim Gehen, seine Spur ist nicht ganz gerade, er schlendert. Manchmal berühren sich unsere Schultern. Er wirkt wohltuend unbekümmert. Ausgerechnet im Jahrhundertsommer 2003, erzählt Matthes, habe er „Mister Aufziehvogel“ eingesprochen. Vier Wochen lang sei er bei 35 Grad tapfer ins Studio gegangen, während nahezu alle Menschen ins Freibad gingen. Er hätte das Buch lieber im November bei Nieselregen aufgenommen, sagt er, schließlich gehe er auch gerne schwimmen.

Ein freundlicher Tadel

Man kann sich Matthes gut vorstellen, damals in diesem heißen Sommer. Wie er ein paar Scherze beim Bäcker macht, dann draußen die Sonne betrachtet und die Menschen in Badeschlappen, keinesfalls missgünstig, eher neugierig. Und wie er dann über die helle Straße geht und im dunklen Studio verschwindet.

Es gibt da eine Szene, über die ich mit ihm sprechen muss. Die Hauptfigur aus „Mister Aufziehvogel“ sitzt tagelang in einem tiefen Brunnen. Nur einmal am Tag steht die Sonne so hoch, dass sie in die Tiefe scheint. Ein heller, wenn auch sehr kurzer Moment, der den Gefangenen am Leben hält. Frage: „Haben Sie sich schon mal gefühlt, als würden Sie in einem tiefen Brunnen sitzen, Herr Ulrich Matthes?“

Er schaut mich amüsiert an. „Mannomann! Jetzt geht es aber los. Ich dachte, das wird ein Sonntagsspaziergang“, sagt er. Gut, er wolle die Frage beantworten und sich nicht nur lustig machen. Natürlich gebe es in seinem Leben auch Situationen, in denen es ihm nicht so gut gehe wie jetzt gerade. Wie in jedem Menschenleben. Aber Momente, in denen er sich gefühlt habe wie in einem tiefen Brunnen hockend? „Die werde ich Ihnen nun gerade auf die Nase binden“, sagt er. Es ist ein freundlicher Tadel. Aber dafür antwortet er umso sorgfältiger aus beruflicher Sicht. Es überrascht mich, was er über die Brunnenszene sagt, die mich so nachhaltig beeindruckt hat.

Matthes sagt nämlich, er erinnere sich eigentlich nicht an diese Szene. Er behalte ohnehin oft weniger den bedeutsamen Inhalt einer Arbeit im Kopf, sondern merkwürdige Details oder handwerkliche Aspekte. Die unterschiedlichen Tonlagen der Charaktere zu finden, etwa. Die gut gelungenen Stellen oder die schwierigen. „Die großen Ausschläge der Handlung, die nimmt der Hörer oder Zuschauer vermutlich viel intensiver wahr.“

Ulrich Matthes ist ein analytischer Mensch, aber Erfolg hat er in einem Beruf, in dem viel aus dem Bauch kommt. Vielleicht erklärt das ein bisschen, was er mal gesagt hat. Die wirklich strahlenden Momente erlebe man im Alltag eher selten, auf der Bühne dagegen oft. Momente, in denen er denke: „Das bin wirklich ich!“ Drei Stunden Shakespeare seien nun einmal intensiver, als im Supermarkt einkaufen zu gehen.

Eine Frau kommt uns entgegen. Sie erkennt den Schauspieler, ein Lächeln breitet sich in ihrem Gesicht aus. Sie sagt „Hallo“. Matthes grüßt zurück. Er strahlt dabei ebenso wie die Frau. „Soll ich Ihnen ein Taschentuch geben?“, fragt er mich unvermittelt. „Sie schnorcheln ein bisschen.“ Tatsächlich habe ich etwas Heuschnupfen. Aber dass er das sofort hören muss! Es ist aber keine Maßregelung, nur ein Angebot.

Wir biegen in den Feldweg ein, der zum Schlachtensee führt. Wir schweigen einen Moment und genießen den milden Tag, das Grün der Bäume, das Wasser. Es ist ein vertrauter Ort für ihn. Er ist aufgewachsen im bürgerlichen West-Berlin. Seine Kindheit, dieser Teil seines Privatlebens, darüber redet er gerne und offen, wie es scheint. Dass er nachmittags Schule gespielt hat mit Freunden und dabei meistens der Lehrer war. Und über die politischen Diskussionen am Mittagstisch mit seinem Vater, dem damaligen Chefredakteur des „Tagesspiegels“. Bei ihnen war auch Berlins damaliger Regierender Bürgermeister Willy Brandt (SPD) zu Gast. Es ist eine Geschichte über einen selbstbewussten Jungen, der sich in einem behüteten, aber liberalen Umfeld entwickelt hat.

Als nach der Wende die Jugend aus dem Westen und Osten tagelange Technopartys feierte, da war Matthes 29 Jahre alt. Aber Technopartys waren nicht seine Sache. Nicht, weil er nur Hochkultur schätze. Im Gegenteil, auch einen Film wie den 3-D-Blockbuster „Avatar“ hat er sich angeschaut und war begeistert von den Bildern. Techno, diese Musik, ist vermutlich einfach zu laut für ihn, sagt er. Wie bei einem Genussmenschen, der sich zwar für alle Geschmäcker dieser Welt interessiert, aber einfach nicht so sehr scharf essen kann. Ob er das will oder nicht.

Wir erreichen die „Fischerhütte“, ein freundliches Café am See. Im Wasser planschen die ersten Badegäste. Ich habe zwei Bücher mitgebracht: „Mister Aufziehvogel“, natürlich. Und ein Buch von Ernst Jünger. „Feuer und Blut“, die Auflage von 1941. Es hat einen grässlichen Umschlag mit Frakturschrift und Stahlhelmen. Ernst Jünger, diesen völkischen Schriftsteller, der später mit Helmut Kohl befreundet war, hat Ulrich Matthes gespielt im Film „Das Meer am Morgen“ von Volker Schlöndorff.

Ernst Jünger, damals im Zweiten Weltkrieg als Offizier in Frankreich, war an der Erschießung von 150 Geiseln beteiligt, als Vergeltung für die Ermordung eines deutschen Offiziers. Ich bitte Ulrich Matthes, mir aus einem der beiden Bücher vorzulesen.

„Wo haben Sie denn dieses Buch her?“ Er tippt auf „Feuer und Blut“. Aus einer Haushaltsauflösung, antworte ich. „Da gehört es auch hin“, sagt Matthes.

Er wirkt jetzt ein bisschen genervt, aber erklärt geduldig, warum das so ist. Er hat Joseph Goebbels gespielt, in „Der Untergang“. Es ist wohl insgesamt sein bekanntester Film. Das ist schon viele Jahre her, aber bis heute sprechen ihn alle Journalisten darauf an. Früher oder später. Dabei sei es keine Rolle, die Matthes heute noch viel bedeutete.

Er hat viele Charaktere aus der Nazizeit gespielt, Opfer und Täter, aber bei Goebbels habe er nicht die inneren Widersprüche finden können, die einen Charakter spannend machen – er habe sie auch nicht finden wollen. Es sei eine vergleichsweise flache Rolle gewesen. Überhaupt habe er keine Lust mehr, über Goebbels zu sprechen. Ein amerikanischer Journalist habe mal versucht, ihn als Nazi zu entlarven. Er sei wohl enttäuscht gewesen von dem Interview. Jedenfalls ist es nie erschienen. Damals, am Rande des Sets zu „Der Untergang“, wurde natürlich auch gewitzelt, die Schauspieler begrüßten Hitler-Darsteller Bruno Ganz schon mal mit „Guten Morgen, mein Führer“ in der Kantine. Diesen Spaß konnte Matthes nicht recht teilen. „Vielleicht habe ich zu Bruno auch mal ‚Heil Hitler‘ gesagt“, sagt er. Aber Witze über den Holocaust, das sei für ihn grundsätzlich eines der wenigen Tabus, die bleiben müssten. Für alle Nachgeborenen, gleich welcher Nationalität.

Darf man Matthes als Moralisten bezeichnen? „Das ist doch Quatsch“, sagt er. „Ich versuche einfach nur, kein Arschloch zu sein.“

Kleine Vorführung im Grünen

Von den Büchern, die vor ihm auf dem Tisch liegen, wählt er dann „Mister Aufziehvogel“ aus, aber will nicht anfangen zu lesen. Nur der Fotograf Martin Lengemann und ich wollen zuhören, da brauche er doch wirklich kein Lampenfieber zu haben. „Ein kleines Publikum ist doch viel schlimmer als ein großes“, sagt Matthes. Dann wählt er aus den mehr als 750 Seiten zielsicher eine Stelle aus. „Meine Körperfunktionen kehrten langsam zurück“, liest er vor. Und verabschiedet sich kurz ins Innere des Cafés.

Es ist sehr lustig, wie Matthes diese Situation gelöst hat. Überhaupt muss man viel lachen, wenn man ihn trifft. Eine kleine Vorführung bekomme ich aber noch. Später, als wir nach dem Cafébesuch wieder im Grünen laufen, singt er einen Song von Radiohead. Er steht am Bürgersteig, hebt den Kopf und singt ganz so wie Thom Yorke, mit hoher, beinahe zarter Stimme. Dabei ist Matthes eigentlich Bassbariton. „I will / Lay me down / In a bunker / Underground.“ Schon wieder ein Bunker. Das ist aber nun wirklich Zufall.

Den Song von Radiohead hat Matthes für sein aktuelles Stück „AscheMOND oder The Fairy Queen“ geprobt. Ein Musiktheater in der Staatsoper im Schillertheater, komponiert von Helmut Oehring, inszeniert von Claus Guth. Es geht um Gegensätze: Mond und Sonne, Mann und Frau. Das Stück spielt in dem Kopf der Figur, die Matthes darstellt. In den Räumen seiner Erinnerungen. Gesang und Sprechrollen, das ist eine Kombination, die gut passt zu Matthes, euphorisch spricht er über das sehr sehenswerte Stück, das inzwischen erfolgreich angelaufen ist. Weitere Vorstellungen sind am heutigen Sonntag sowie am 25. und 28. Juni.

Als wir am See die Fotos machen, spricht uns eine Frau an. „Wird das der Spaziergang für eine Zeitung?“, fragt sie. „Dann schreiben Sie doch bitte mal, dass die vielen Besucher hier auch ihren Hundemist beseitigen können.“ Sie hat ebenfalls einen Hund dabei, einen Entlebucher Sennenhund, ein süßes Tier mit schwarzem Fell und braunen Flecken. Matthes spricht mit dem Hund, während er für das Foto posiert. Er liebe Hunde, sagt er. Leider habe er keinen eigenen.

Wir sind auf dem Rückweg zur U-Bahn. Ein Paar, beide um die 80 Jahre alt, begegnet uns. Er trägt Anzug, sie ein Kleid. Sie haben graue Haare, aber halten sich an der Hand wie Frischverliebte. Matthes schaut ihnen hinterher. „Die sind ein gutes Paar, das merkt man sofort“, sagt der Schauspieler.

Ich frage ihn dann doch noch. Ob er alleine lebe in seiner Charlottenburger Wohnung. Wieder blickt er erst erstaunt, dann zwinkern mich hellbraune Augen an. Nein, sie sehen nicht traurig aus.