Kriminalität

Unschuldig unter Mordverdacht

Ermittlungserfolg: Eine Berliner Frührentnerin wird in ihrer Wohnung getötet. Ihr Sohn gerät in Verdacht. Elf Jahre später wird die Täterin gefasst

Als die beiden Kriminalbeamten im Dezember vergangenen Jahres vor seiner Tür standen, wunderte sich Heiko Dürr nicht wirklich. Er hatte nichts verbrochen. Aber es hatte vor Kurzem einen Zeitungsartikel gegeben, in dem von einer neuen Spur die Rede gewesen war. Und die Polizei hatte angefangen, in seinem Umfeld zu ermitteln. Spätestens seit die Kommissare einen ganzen Tag lang in der Schule verbracht hatten, in der Heiko Dürr Hausmeister ist, und sämtliche Lehrer über ihn ausfragt hatten, hatte er damit gerechnet, dass sie eines Tages kommen und ihn holen würden.

Heiko Dürr, 51, wurde also ins Landeskriminalamt gefahren. Sie hatten ihn schon einmal dorthin gebracht, unmittelbar nachdem seine Mutter ermordet worden war, mehr als elf Jahre war das her. Damals galt er nicht als Verdächtiger, er sollte den Beamten nur so viel wie möglich über seine Mutter erzählen, damit sie sich ein Bild von ihr machen konnten. Nun beschuldigten sie Heiko Dürr nach all den Jahren selbst: Er sei in die Ermordung seiner Mutter verstrickt. Es dauerte mehrere Stunden, bis sie keine Fragen mehr hatten und er wieder nach Hause fahren konnte. Und es dauerte ganze drei Monate, bis die Beamten tatsächlich von seiner Unschuld überzeugt waren.

„Nichts ist schlimmer, als falsch verdächtigt zu werden“, sagt Dürr heute über diese Monate, in denen er zu Unrecht beschuldigt wurde. Inzwischen ist der Mord an seiner Mutter aufgeklärt, die mutmaßliche Täterin sitzt in Untersuchungshaft, die Staatsanwaltschaft hat Anklage erhoben. Draußen beginnt der Sommer, das Leben könnte schön sein, aber die Zeit der Ungewissheit hat ihre Spuren hinterlassen. Heiko Dürr sitzt neben seiner Frau Jeanette auf dem schwarzen Sofa in der gemeinsamen Wohnung in Hellersdorf. „Mein Gesicht glüht, ich habe immer wieder Albträume“, sagt er. Seine Hand tastet nach der seiner Frau.

Die Angst, eines Tages vielleicht tatsächlich für den Mord an seiner Mutter verurteilt zu werden und im Gefängnis zu landen, hat Heiko Dürr nie zugelassen. Er wusste ja, wenn auch mit seiner Frau als Einziger, dass er nichts mit dem Verbrechen zu tun hatte. Gleichwohl hat er in der Zeit der falschen Verdächtigung den Boden unter den Füßen verloren, und eine große Unsicherheit hat sich in seinem Leben ausgebreitet. Das Vertrauen, dass am Ende doch die Wahrheit zur Gerechtigkeit führt, ist erschüttert worden. Auch wenn die Verwandten und Freunde zu ihm hielten, konnte Heiko Dürr doch nie wissen, ob sie nicht insgeheim, wenn auch nur für einen flüchtigen Moment, an seiner Unschuld zweifelten.

Der Mordfall Elisabeth Dürr zeigt, wie leicht es passieren kann, dass die Polizei bei ihren Ermittlungen Irrwege beschreitet. Irrwege, die nicht unbedingt als Fehler bezeichnet werden können, für die Hinterbliebenen aber zusätzliches Leid bedeuten. Heiko Dürr macht der Polizei keine Vorwürfe. „Sie mussten ja ausschließen, dass ich etwas damit zu tun hatte“, sagt er. Trotzdem hat ihn das Misstrauen der Beamten verletzt. Ihn, der immer ein enges Verhältnis zu seiner Mutter gehabt und schon genug damit zu kämpfen hatte, dass sie nicht mehr da war und nie ein Täter gefunden worden war. „Sie war eine herzensgute Frau“, sagt Dürr. „Ich habe sehr an meiner Mutter gehangen.“

Der Tod war unvorhersehbar und brutal über Elisabeth Dürr hereingebrochen. Am 12. September 2001 war die Frührentnerin wie jeden Tag von ihrem Zuhause in Hohenschönhausen mit der Tram zu Heiko nach Hellersdorf gefahren. Sie kochte Mittagessen für die Enkeltochter und machte auch noch Abendbrot, weil Heiko und Jeanette nicht da waren. Am späten Nachmittag fuhr sie zurück nach Hohenschönhausen, machte ein paar Besorgungen und ging dann nach Hause. Das letzte Mal wurde die 63-Jährige von einer Bekannten auf der Straße gesehen.

Am nächsten Morgen war Heiko mit seiner Mutter verabredet. Sie wollte vorbeikommen und ihm ihre übertragbare Monatsfahrkarte leihen, weil er einen Arzttermin hatte. Als sie nicht kam und auch nicht ans Telefon ging, fuhr Heiko zu ihr. Die Jalousien ihrer Erdgeschosswohnung waren heruntergelassen. Heiko dachte, sie sei gestürzt, mit dem Hausmeister rief er den Schlüsseldienst. Als sie die Tür öffneten, zog ihn der Hausmeister gleich wieder zurück ins Treppenhaus.

Elisabeth Dürr wurde erdrosselt oder erwürgt, genau will das die Polizei im Hinblick auf den bevorstehenden Prozess nicht sagen. Die Wohnung war durchsucht worden, der gesamte Goldschmuck geraubt. Die Polizei setzte Heiko in einen Funkwagen, da wartete er mehrere Stunden, während die Beamten in Plastikanzügen die Wohnung seiner Mutter auf Spuren absuchten. Dann fuhren sie mit ihm ins Landeskriminalamt, und Heiko erzählte ihnen das Leben seiner Mutter.

Unbekannte vor dem Haus

„Es ist ganz schlimm, die Mutter zu verlieren, denn eine Mutter hat man ja nur einmal“, sagt Heiko Dürr, der die Dinge meistens so einfach und klar ausdrückt. Eine Woche waren er und Jeanette nach der Tat krankgeschrieben. In New York waren Flugzeuge ins World Trade Center gekracht, aber davon bekamen sie nicht viel mit. Stattdessen fragten sie sich, wer die Mutter ermordet haben könnte. „Wir saßen zu Hause, haben gegrübelt und uns angestarrt“, sagt Jeanette Dürr. Heiko fing wieder mit dem Rauchen an.

Die Polizei hatte damals recht schnell eine vielversprechende Spur aufgetan, und zunächst schien alles nach einem relativ unkomplizierten Fall auszusehen. Nachbarn hatten am Tattag eine zwischen 35 und 50 Jahre alte Frau beobachtet, die vor dem Mietshaus an der Joachimsthaler Straße telefonierend auf und ab gegangen war. Später verschaffte sich dieselbe Frau unter einem Vorwand Zutritt zum Haus. Noch später sah eine Anwohnerin, wie die Frau aus dem Haus stürmte. Die Ermittler gingen davon aus, dass die Unbekannte die Mörderin von Elisabeth Dürr war. Sie veröffentlichten ein Phantombild und waren voller Hoffnung, dass sich bald jemand melden und die Frau wiedererkennen würde. Da am Tatort DNA-Spuren gesichert worden waren, sollte es dann kein Problem mehr sein, die Täterin zu überführen. Doch der entscheidende Hinweis blieb trotz intensiver Ermittlungen aus, die Unbekannte schien wie vom Erdboden verschluckt. Elf Jahre lang.

In all diesen Jahren gab Heiko Dürr nie die Hoffnung auf, dass der Mord an seiner Mutter doch noch aufgeklärt werde. „Es war mein riesengroßer Wunsch, dass der Fall gelöst wird“, sagt er. Und auch die Ermittler ließ der ausbleibende Erfolg nicht kalt. „Der Fall hat uns unglaublich gewurmt“, sagt Ingo Kexel von der 2. Mordkommission, der die Ermittlungen geleitet hat. „Natürlich zweifelt man, ob man etwas übersehen hat.“

Im August vergangenen Jahres nahmen sich Kexel und seine Kollegen den Mordfall Elisabeth Dürr dann nach längerer Pause noch einmal vor. Mord verjährt nicht, deshalb wird ein ungeklärter Fall nie endgültig ad acta gelegt. „Wir sind auf null runtergefahren und haben ganz von vorne angefangen“, sagt Kexel. Die Beamten konzentrierten sich nun auf Heiko Dürr. Schon kurz nach der Tat hatte es eine Arbeitstheorie gegeben, wonach der Sohn den Mord in Auftrag gegeben haben könnte. Dabei spielte eine Rolle, dass Elisabeth Dürr ihrem Sohn eine größere Summe Geld geschenkt hatte, mit dem er sich ein Haus in Halberstadt gekauft hatte. Und zwar genau an dem Tag, als seine Mutter ermordet wurde. Für einen Tatverdacht hatten die Anzeichen jedoch nicht ausgereicht.

Nun ließen die Ermittler eine kriminologische Fallanalyse erstellen mit dem Ergebnis, dass der Gutachter hinter der Tat eine enge Bezugsperson des Opfers vermutete. Elisabeth Dürr hatte aber keine engen Kontakte – außer ihrem Sohn. Hatte er doch mehr Geld gebraucht und eine Auftragsmörderin angeheuert? „Wir hatten den Hauskauf nie so ermittelt, dass wir sagen konnten, da ist nichts zu holen“, sagt Kexel. Fortan überwachten sie Heiko Dürr, befragten Verwandte in Halberstadt, Bekannte in Berlin und schließlich auch Heiko Dürr selbst.

In den nächsten drei Monaten gingen Heiko und Jeanette Dürr durch die Hölle. „Es gab Situationen, in denen ich in den Raum kam, und meine Kollegen auf einmal aufgehört haben, miteinander zu sprechen“, erinnert sich Jeanette Dürr. „Meine Kollegen wussten immer, dass ich nichts damit zu tun habe“, beteuert Heiko Dürr. Während die Kriminalbeamten ihre Verwandten und Bekannten aushorchten, versuchten Heiko und Jeanette Dürr, so gut es ging, ihr normales Leben weiterzuführen, doch es gelang ihnen nicht recht. Sie vergruben sich wieder mehr zu Hause, ein bisschen wie damals nach dem Tod der Mutter, als sie schon einmal vom Schicksal überwältigt wurden und hilflos nach Erklärungen suchten. Nach seiner Vernehmung im Landeskriminalamt wurde Heiko Dürr krank. Zwei Wochen lag er mit hohem Fieber im Bett. Die Sache mit dem Hauskauf ließ sich klären. Elisabeth Dürr hatte dabei in der Tat eine Rolle gespielt, aber keineswegs nur als Geldgeberin. Es war Heikos Traum, als Rentner in Halberstadt zu wohnen. Seine Mutter sollte vorziehen, das Haus bewohnen, sich um den Garten kümmern. Jeanette und Heiko wollten sie jedes Wochenende besuchen und dann später mit ihr gemeinsam dort leben. „Junge, ich hab’s mir überlegt, ich würde das machen“, hatte die Mutter noch kurz vor ihrem Tod gesagt. Das war alles.

Als klar war, dass Heiko Dürr nichts zu verbergen hatte, fingen die Ermittler wieder von vorne an, diesmal mit den alten Telefondaten, die nach der Tat gesichert worden waren. Am 6. März bekam Jeanette Dürr dann einen Anruf von Ingo Kexel, kurz darauf rief sie bei Heiko an: „Es ist alles vorbei“, sagte sie, „die Kripo hat eine Frau gefasst.“

Einen Tag zuvor hatten die Beamten eine 54 Jahre alte Frau festgenommen. Sie soll Elisabeth Dürr ermordet haben, eine freiwillig abgegebene Speichelprobe ergab einen Treffer. Die Tatverdächtige ist die ominöse Frau, die damals am Tatort gesehen worden war: die Tochter einer ehemaligen Arbeitskollegin von Elisabeth Dürr. Vom Telefonanschluss ihrer Mutter hatte sie zweimal bei Elisabeth Dürr angerufen. Die Telefonnummer hatte den Beamten schon damals vorgelegen, aber da sie zu einer heute 93 Jahre alten Frau führte, die als Täterin zu alt erschien, hatten sie die Spur nicht weiter verfolgt. Ein Fehler? „Wir arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten“, sagt Ingo Kexel. „Wir mussten Prioritäten setzen.“ Der Kontakt war eines von 6000 Telefondaten, die damals gesichert worden waren.

Prozess noch in diesem Jahr

Die Aufklärung der Tat traf Heiko und Jeanette Dürr genauso unvermittelt wie der Tod der Mutter, nur dass es dieses Mal die Erleichterung war, die sie überrumpelte. Nach dem Anruf von Ingo Kexel fuhren die Eheleute noch einmal ins Landeskriminalamt. Sie saßen mit Kexel zusammen und erfuhren ein paar mehr Details über die mutmaßliche Täterin. Sie soll aus Habgier gehandelt haben, die weiteren Hintergründe sollen erst im Prozess an die Öffentlichkeit gelangen. Heiko Dürr sagt: „Ich war so froh, dass der Fall geklärt war und man uns endlich glaubte, dass wir immer die Wahrheit gesagt haben.“ Dass es ihm seitdem besser geht, kann er so nicht sagen. Durch den plötzlichen Ermittlungsabschluss ist auch alles noch einmal hochgewirbelt worden, die Trauer um die Mutter nimmt jetzt wieder mehr Platz in seinem Leben ein.

Der Prozess soll noch in diesem Jahr stattfinden. Heiko Dürr hat sich bereits Beruhigungspillen gekauft. „Ich bin sehr aufgeregt“, sagt er. Seit die Tat aufgeklärt ist, stellt er sich nicht weniger Fragen als vorher. „Es sind nur andere Fragen.“ Früher wollte er wissen, wer die Tat begangen hat. Heute fragt er sich, warum es ausgerechnet seine Mutter traf. Er hofft, im Prozess eine Antwort auf diese Frage zu bekommen.