Geschichte

Große Worte und vergessene Reden am Brandenburger Tor

Ob Napoleon oder Chruschtschow, ob Kennedy oder Clinton: Seit 200 Jahren inszenieren sich Politiker am Pariser Platz

Im Volksmund heißt er die „gute Stube Berlins“. Jedenfalls dürfte der Pariser Platz der von Touristen am meisten geknipste Ort der Hauptstadt sein: Wer mag schon auf einen Schnappschuss mit dem Brandenburger Tor im Hintergrund verzichten? Vor allem aber ist der mit anderthalb Hektar relativ kleine Platz eine Bühne. Nirgendwo in Berlin ist im Verlauf der vergangenen gut zwei Jahrhunderte öfter Geschichte geschrieben worden. Deshalb liegt es nahe, dass Barack Obama hier seine mit Spannung erwartete Rede halten wird.

Besucher der Stadt zu beeindrucken war das Ziel des Platzes schon, als er 1734 fertiggestellt wurde. Damals bestand das Brandenburger Tor noch aus Wachhäuschen und zwei Pylonen: wenig Respekt heischend. Der damals nach seiner Form „Quarree“ genannte Platz mit seinen barocken Palais aber muss auf Zeitgenossen mächtig gewirkt haben.

Preußens Siegessymbol

Doch erst mit dem neuen, klassizistischen Brandenburger Tor bekam der ungefähr quadratische Platz 1791 die Funktion einer Bühne. Gleich die erste Inszenierung allerdings war die Folge einer Niederlage. Am 27. Oktober 1806 nämlich zog Frankreichs Kaiser Napoleon an der Spitze seiner siegreichen Truppen in der Residenz Berlin ein – durch das Brandenburger Tor. Das war als Demütigung des geschlagenen Gegners gedacht und wurde so verstanden. Natürlich wurde die Heimkehr der nach Paris entführten Quadriga ebenfalls hier gefeiert – auf dem zur Feier des Sieges in Pariser Platz umbenannten „Quarree“.

Fortan galten das Brandenburger Tor und der angrenzende Platz als das zentrale Siegesmal erst Preußens, dann des deutschen Kaiserreichs. Hier begrüßte Berlin 1866 und 1871 siegreiche Truppen. Und hier sollten auch vor knapp einem Jahrhundert die Gewinner im „Großen Krieg“ empfangen werden, der angeblich „bis Weihnachten“ zu entscheiden gewesen wäre. Es kam anders. Nicht stolze Sieger, sondern geschlagene Männer marschierten am 10. Dezember 1918 durch das Tor. Friedrich Ebert, der Vorsitzende des Rates der Volksbeauftragten, rief ihnen fälschlich zu: „Seid willkommen von ganzem Herzen, Kameraden, Genossen, Bürger. Kein Feind hat euch überwunden.“

Es war nicht die erste, aber die erste historisch wirklich wichtige Rede, die hier gehalten wurde. Denn in der verkürzten und zugespitzten Form, das deutsche Heer sei „im Felde unbesiegt“ heimgekommen, wurde daraus die Legende vom „Dolchstoß“, vom angeblich hinterhältigen Kampf der Demokraten gegen das kaiserliche Heer. Diese Lüge erwies sich als Geburtsfehler der ersten deutschen Republik.

Natürlich wussten die Nazis die symbolische Kraft des Pariser Platzes ebenfalls für ihre Inszenierungen zu nutzen. Die erste fand gleich am Abend des 30. Januar 1933 statt: In kürzester Zeit organisierte Joseph Goebbels einen Fackelzug. Zwar nahmen nur einige Zehntausende Hitler-Anhänger daran teil und nicht eine halbe Million, wie die NSDAP behauptete. Eindruck machte der Fackelzug dennoch. Auch auf den Maler Max Liebermann, der direkt nördlich des Brandenburger Tores wohnte. Er soll an jenem Abend kurz und bündig festgestellt haben: „Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte!“

In der NS-Zeit vor allem Paraden

Während des Dritten Reiches wurden auf dem Pariser Platz keine wichtigen Reden gehalten – Hitler sprach lieber auf dem Tempelhofer Feld, im Lustgarten oder später im Olympiastadion. Diese Zurückhaltung mag einen Grund in der Nutzung der Gebäude gehabt haben: Direkt am Pariser Platz lagen die französische und die künftige US-Botschaft, vis-à-vis in der Wilhelmstraße die britische Vertretung. Das Hotel „Adlon“, erstes Haus der Reichshauptstadt, zählte überwiegend ausländische Gäste.

Für Siegesparaden diente das Brandenburger Tor aber immer noch, im Oktober 1939 nach dem Polen-Feldzug etwa oder im Juli 1940 nach dem Triumph über Frankreich. Doch bald blieben die Siege aus; stattdessen trafen Bomben den Platz. Wenige Jahre später war der Pariser Platz eine Ruinenlandschaft. Am 14. Januar 1945 war eine Luftmine hier detoniert. Zynisch bemerkte Goebbels, die Gebäude um den Platz seien ziemlich „durchgepustet“ worden.

In den folgenden Jahren wurden fast alle Ruinen um das Brandenburger Tor abgetragen, bis das klassizistische Wahrzeichen schließlich wie ein Solitär dastand. Wenn, ja wenn nicht die Mauer gewesen wäre. Seit 1961 war erst der westliche Teil, ab 1966 fast der gesamte Platz Sperrgebiet – und das Tor unerreichbar. Gerade das erhöhte aber die Bedeutung des Ortes. John F. Kennedy kam bei seinem kurzen Berlin-Besuch am 26. Juni 1963 selbstverständlich hierher. Wenige Tage später ließ SED-Chef Walter Ulbricht Nikita Chruschtschow hierher bringen. Der Versuch, den Bildern von Kennedy vor der Mauer etwas entgegenzusetzen, blieb erfolglos.

Für normale Touristen wie für Staatsbesucher in West-Berlin wurde das verschlossene Tor zum Symbol. Deshalb sagte US-Präsident Ronald Reagan im Juni 1987: „Mr. Gorbatschow, tear down this wall!“ Es war seine wichtigste und die bisher bedeutendste Rede, die west- oder ostseits des Brandenburger Tores gehalten wurde. Dort, wo heute Barack Obama das Wort ergreifen will, hat vor ihm nur ein Staatsoberhaupt gesprochen, Bill Clinton 1994. Obwohl seine Rede nicht schlecht war, ist sie heute weitgehend vergessen. Dabei hatte der US-Präsident seinerzeit auf Deutsch eine ebenso schlichte wie wahre Einsicht ausgesprochen: „Nichts wird uns aufhalten, alles ist möglich. Berlin ist frei!“