Staatsbesuch

Wein für Obama – aus Rudow

John F. Kennedy hat 1963 in Berlin Beaujolais getrunken. Morgenpost-Leser haben noch eine Flasche

Hausnummer 65 A ist es. In Rudow. Hinter dem Eisen des Einfahrtstores, an Maschendrahtzaun entlang führt Joachim Viergutz vorbei an bunten Blumen, die ihre Köpfe gen Sonne recken. Vorbei an grünem Kraut, welches zwischen den Steinen der Einfahrt emporwuchert, bis zu den zwei Fichten am Ende des Weges. Naturgewaltig verdecken sie das flache Haus dahinter. Die Steinstufen zum Eingang des Bungalows hinauf geht es geradewegs hindurch ins Wohnzimmer. Schwere Polster mit hohen Lehnen stehen in Dreier-, Zweier- und Sesselkombination um einen Holztisch gruppiert. Auf der mit Spitzen bestickten weißen Decke liegt eine Zeitung. Ein Artikel ist dick von blauem Kuli umrahmt. „Bei der Morgenpost anrufen!“, steht dabei. Ein Pfeil markiert eine Weinflasche, die abgebildet ist. Und davor steht eine Flasche, staubig ihr Glas, vergilbt ihr Etikett.

Vom Vater geerbt

Joachim Viergutz und seine Frau Ingrid haben die Weinflasche, zu deren Suche die Berliner Morgenpost und Sommelier Gunnar Tietz aus dem Sternerestaurant „First Floor“ des „Hotel Palace“ aufgerufen haben, gefunden. Am 2. Juni ist der Artikel erschienen, in dem sich der Sommelier an die Berliner gewandt hat. Er sei beauftragt worden, für das Abendessen von US-Präsident Barack Obama mit Bundeskanzlerin Angela Merkel die gleichen Weine zu besorgen, die damals John F. Kennedy bei seinem Besuch in Berlin getrunken hat. Ein Mittagessen im Schöneberger Rathaus war das, am 26. Juni 1963. Zu Steinbutt gab es einen 1961er-Piesporter Grafenberg von Reichsgraf von Kesselstatt aus Trier, zu Rinderfilet einen 1959er-Ruppertsberger Nußbien, Riesling Spätlese von L. Wolf Erben und einen 1959er-Moulin-à-vent Patriarche Père et Fils, Beaune. Von diesem letzten Wein war ein Foto der Flasche im Artikel mit abgedruckt.

„Ich sehe die Flasche in der Zeitung und denke: Mensch, das ist doch unsere!“, sagt Joachim Viergutz und strahlt. Seine Frau habe sofort Freunde und die zwei Töchter angerufen und von dem Wein für Obama erzählt. Demonstrativ reckt der 74-Jährige die Flasche vom Wohnzimmertisch in die Höhe. „Joachim, Vorsicht“, sagt Ingrid Viergutz, „der soll doch jetzt da ankommen, wo er hingehört!“

Gunnar Tietz ist heute zu Gast bei den Viergutz. Nun greift er nach der Flasche. „Darf ich?“, fragt er. Er darf. Ingrid und Joachim Viergutz schauen zu, wie der Sommelier sich an den Esstisch setzt, den Wein darauf abstellt, sein iPad hervorzieht und anfängt zu tippen. Stille. Ob man ein Wasser oder eine Limo anbieten könne? Gunnar Tietz murmelt vor sich hin. „Eigentlich steht die Lage doch mit drauf“, sagt er, sucht weiter. Auf dem Etikett der Flasche fehle die Bezeichnung „Moulin-à-vent“, stellt er fest. Ob der Wein der Viergutz der Richtige ist? Er sucht weiter, google, winesearcher, … Ingrid und Joachim Viergutz schauen sich an. „Es ist die Flasche“, sagt Gunnar Tietz da plötzlich. Jetzt strahlt auch er.

Der 1959er-Moulin-à-vent Patriarche Père et Fils gehört seit 1967 zur Familie Viergutz. Als Ingrid Viergutz’ Vater verstarb, ging ein Teil seiner Weinsammlung in die Hände der Tochter über. Prokurist sei er gewesen, bei einer Bank in Charlottenburg, erzählt die 71-Jährige. Da habe es öfter gute Weine von Kunden gegeben. „Und mein Vater war ein Weinliebhaber bis zum Gehtnichtmehr“, sagt Ingrid Viergutz. In seiner Wohnung im Horstweg habe er diese dann in der Speisekammer gelagert. Rund zehn Flaschen hat Ingrid Viergutz bei der Durchsicht der Wohnung nach seinem Tod mit in das Haus nach Rudow genommen. Neun Flaschen hat die Familie im Lauf der Zeit getrunken. Nur den Patriarche nicht. „Weil der immer so hübsch aussah, da geht man dann nicht ran“, sagt Ingrid Viergutz.

Seit sie ihn hat, steht er in einem kleinen Bastkörbchen in ihrer Küche. Eigentlich wollte Ingrid Viergutz den Wein nicht mehr aus den Händen lassen. Eben weil er sie an ihren Vater erinnert. „Ich habe ihn sehr geschätzt.“ Die fünf Enkel der Familie hätten ihn nicht einmal kennenlernen dürfen. Doch dann sei der Artikel erschienen. „Wir sind seit 26 Jahren Abonnenten“, sagt Ingrid Viergutz. Ihr Mann lese die Zeitung jeden Tag, „von Hacke bis Nacke“. Und die Verbindung zu John F. Kennedy sei doch auch nett. „Ich sehe ihn heute noch winken.“ Ihn haben die Viergutz bei seinem Besuch in Berlin 1963 live gesehen. Er, damals als Maurer tätig, habe am Jakob-Kaiser-Platz gestanden, als der Präsident diesen umrundete – sie, zu der Zeit Finanzbuchhalterin einer Firma am Tauentzien, habe ihm dort bei seiner Rundfahrt zugewinkt.

Für die Viergutz und die Suche nach dem Wein interessieren sich mittlerweile auch andere. Die Leser Heike und Klaus Ratzmann von der Elektro-Ratzmann GmbH aus Spandau boten ihren Wein an, ebenfalls einen Patriarche, allerdings aus dem Jahr 1955. Das RBB-Fernsehen drehte einen Beitrag über die Viergutz und wird ihn im Rahmen der Obama-Berichterstattung zeigen. Das ZDF-„Morgenmagazin“ fragte an, in der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ wurde die Geschichte am Montag unter dem Titel „Extrawunsch zum Berlin-Besuch“ erzählt. Der „Stern“ bestellte vorsichtshalber schon mal einen Nachfolger der anderen Weine des JFK-Abends beim Weingut Reichsgraf von Kesselstatt, eine Piesporter-Goldtröpfchen-Spätlese.

Der Familie ist es eine Ehre

Was die Viergutz für den Wein haben wollen, wollte die RBB-Reporterin wissen. Nichts, sagten die Viergutz. Der Schwiegersohn habe zwar gesagt, man könne doch Geld verlangen – aber das würden sie nicht wollen. „Es ist uns eine Ehre, diesen Wein als Geschenk durch die Morgenpost überreichen zu können“, sagt Joachim Viergutz.

Ob es dazu kommen wird, liegt nun beim Stab des Präsidenten. Das Essen in Schloss Charlottenburg wird nicht vom Restaurant „First Floor“ mit Gunnar Tietz gestellt – der nun beauftragte Koch hat bereits Weine von zwei gänzlich anderen Weingütern aus Deutschland besorgt. Doch: Vielleicht lassen sich Obamas Mitarbeiter von der kleinen Geste auf dem Bankett-Tisch überzeugen. Als Geschenk der Berliner an den Präsidenten. Aus Rudow, aus Hausnummer 65 A.