Hochwasser in Deutschland

Das zweite Wunder von Mühlberg

Entgegen aller Voraussagen haben die Deiche in dem kleinen Ort wieder gehalten

Langsam belebt sich das evakuierte Mühlberg wieder. Vereinzelt sind Männer, Frauen und Kinder in den fast menschenleeren Straßen zu sehen. Die Bewohner kehren in ihre tagelang verwaisten Wohnungen und Häuser zurück, nachdem der Landrat des Elbe-Elster-Kreises, Christian Jaschinski (CDU), für Montagnachmittag den Beschluss zur Evakuierung aufgehoben hatte.

Zu den Rückkehrern in Mühlberg im Süden Brandenburgs gehört auch Familie Kische. Die Eheleute wohnen in der Nähe des Stadthafens und packen gerade ihre Sachen aus dem Auto aus. „Wir waren mit unseren beiden Kindern bei der Oma im Ortsteil Altenau“, sagt Familienvater Ingo. „Ich fühle mich erleichtert, dass hier alles gut gegangen ist.“

Die wenige Meter vom Haus entfernt fließende Elbe hatte am vergangenen Freitag mit 9,88 Meter den höchsten Pegelstand von 2002 nur um zehn Zentimeter verfehlt. Damals hielten die Deiche, es war das Wunder von Mühlberg. Am Montag fiel der Wasserstand auf 8,55 Meter. Die Dämme hielten bisher dem ungeheuren Wasserdruck stand – wieder. Die 4200 Bewohner erleben 2013 das zweite „Wunder von Mühlberg“.

In vielen Mühlberger Straßen liegen noch Sandsäcke vor Türen und Fenstern als sichtbare Zeichen der Bedrohung durch den Fluss, die Rollläden der Geschäfte sind unten. Für Entwarnung ist es noch zu früh: „Der Katastrophenalarm dauert weiter an, wir beobachten die Pegelstände der Elbe und die Wetterlage und entscheiden dann, wie es weitergeht“, sagt Landrat Jaschinski. Er ist des Lobes voll. „Für das erneute Wunder von Mühlberg haben Tausende helfende Hände in den vergangenen Tagen hart gearbeitet.“

So packten die bis zu 1000 Feuerwehrleute, Bundeswehrsoldaten und anderen Helfer in Tag- und Nachtarbeit mehr als 160.000 Sandsäcke auf die durchweichten Dämme. „Die Deiche dürfen aber weiterhin nicht betreten werden, es besteht immer noch Lebensgefahr“, warnt Bürgermeisterin Hannelore Brendel (parteilos). Etwa 80 Prozent der Einwohner Mühlbergs befolgten den Beschluss zur Evakuierung.

Etwa 100 Mühlberger kamen zeitweilig in Turnhallen in Tröbitz und Schönborn unter. Sabine Kopper und ihr Mann wohnten zeitweise bei Verwandten im benachbarten Weinberge, wo auch der Katastrophenstab des Landkreises und die Stadtverwaltung arbeiten. Das Haus der Familie steht nur wenige Meter von der elf Meter hohen, neuen Betonmauer des Hafens entfernt. „Wir haben zwar wie damals 2002 Wasser im Keller, fühlen uns jetzt aber hinter der Kaimauer sicher“, sagt Frau Kopper. „Diese Mauer ist Gold wert.“