Hochwasser in Deutschland

„Der Scheitel ist bei uns noch nicht durch“

Als das Wasser kommt, kommt es schnell. Rasend schnell. In der Nacht zu Montag bricht der Deich bei Fischbeck in Sachsen-Anhalt. Unkontrolliert schießen die braunen Fluten in die Niederung von Elbe und Havel – in Richtung Brandenburg; rund 1000 Kubikmeter pro Sekunde sprudeln durch die 100 Meter breite Lücke. Bereits am Mittag steht die Gemeinde rund einen Meter unter Wasser, 3000 Menschen müssen die Flucht ergreifen. „Das Wasser fließt in ungeheuren Mengen“, sagt Bundeswehr-Sprecher André Sabzog nach einem Hubschrauberflug. Die kleine Ortschaft sei überflutet.

Auch der Ort Schönhausen ist von allen Seiten vom Wasser umschlossen. Busse fahren die Anwohner nach Stendal und Havelberg. Die Gesichter der Menschen sehen ernst aus. Eine ältere Frau hält ihren Hund umklammert und schaut fassungslos auf die Seenlandschaft, die sich rundum ausbreitet. Feuerwehrautos und Lkw fahren mit großen Fontänen durch das Wasser, das sich am Dorfeingang immer schneller ausbreitet. 2300 Einwohner hat die Gemeinde, doch nicht alle wollen gehen. Feuerwehr und Polizei versuchen sie zu überzeugen. „Die sind doch bescheuert“, regt sich ein Feuerwehrmann auf.

Gerüchte machen die Runde

Das sieht Josef Schwergin anders. Der 78-Jährige will in seinem Einfamilienhaus bleiben. „Ich kann doch meine Kaninchen nicht alleine lassen“, sagt er. „Und sollte es ganz schlimm kommen, dann habe ich schon den gepackten Koffer hier stehen – oben auf dem Dachboden.“ Am Rand steht Feuerwehrchef Karl-Heinz Pick. Kellerauspumpen sei sinnlos, sagt er, „jetzt geht es nur darum, dass alle in Sicherheit kommen“. Pick hat seit Freitag bei dem verzweifelten Versuch geholfen, den Elbdeich bei Fischbeck zu sichern. 36 Stunden war er im Einsatz, kam kurz nach Hause – dann kam der Alarm in Schönhausen in der Nacht. Manche Maßnahmen sind inzwischen verzweifelt: Ein Raupenfahrzeug, das in den Deich eingesackt ist, wird bei der Verstärkung der Anlage einfach weiter eingebaut. „Wir wollten es nicht wie einen Stöpsel aus der Badewanne ziehen“, sagt Hans-Hermann Haak von der technischen Einsatzleitung.

Gerüchte machen die Runde. Die Deichverteidigung werde eingestellt. Dem widerspricht der Krisenstab. Helfer versuchen verzweifelt, einen 3,5 Kilometer langen Notdeich zu errichten. Rund 300 Feuerwehrmänner unterstützen die Bautrupps. Am Nachmittag die Nachricht, es gebe einen zweiten Deichbruch bei Hohengöhren, wenige Kilometer nördlich. Wieder Dementis, dieses Mal von Krisenstab und Bundeswehr. Die Wassermassen strömten Richtung Havel, sagt Landrat Carsten Wulfänger (CDU). „Es ist nicht auszuschließen, dass die Haveldeiche überspült werden, von der Landseite.“ Welche Wege das Wasser nehme, sei nicht ganz klar. An der Landesgrenze zwischen Sachsen-Anhalt und Brandenburg füllten sich seit Sonntag planmäßig die Polder, um die Hochwassersituation zu mildern. Gegen Mittag sind sie voll.

Auch in Havelberg und Umgebung in Sachsen-Anhalt bereiten sich die Menschen auf das Hochwasser vor, das nach dem Deichbruch nun unweigerlich kommen wird. Sandsäcke werden vor den Häusern abgeladen, Tankstellen gesichert. Die Stadt Havelberg selbst ist offenbar nicht in akuter Gefahr. Hier läuft das Leben wie jeden Tag. Auf der Havelbrücke stehen die Menschen und machen Fotos. Ein Mann sagt: „So hoch stand das Wasser noch nie.“

Seit der Flutung der Polder strömt das Elbewasser mit großer Gewalt die Havel hinauf. Deshalb wird jetzt auch in Berlin Wasser gestaut Ein Rückstau der Spree an der Berliner Mühlendammschleuse sowie der Havel an der Schleuse Berlin-Spandau soll die Havel unterhalb entlasten. Der Wasserstand am Unterpegel der Schleuse Spandau soll den Wert von 2 Metern nicht überschreiten. Darauf haben sich Brandenburgs Umweltministerin Anita Tack (Linke) und Berlins Umweltsenator Michael Müller (SPD) geeinigt. Der Rückstau wird nur solange aufrecht gehalten, bis die Havel wieder frei in die Elbe fließen kann.

Des einen Leid ist des anderen Freud. Denn der Elbpegel in Wittenberge sinkt weiter. Ein Grund dafür könnte der Deichbruch in Fischbeck sein. „Das ist nicht schön für die Menschen dort, aber uns hilft es“, sagt Gastwirt und Koch Knut Diete, der immer noch sein historisches „Kranhaus“ auspumpt. In der historischen Altstadt sind die Menschen, die trotz der freiwilligen Evakuierung geblieben sind, vorsichtig optimistisch. Bürgermeister Oliver Hermann und Prignitz-Landrat Hans Lange (CDU) bleiben aber skeptisch. Eine Entspannung bedeute das nicht, sagen beide. „Die Lage ist unter Kontrolle, aber der Hochwasserscheitel ist bei uns noch nicht durch“, so Lange. Erwartet wird der Scheitel für Dienstag, die Altstadt bleibt deshalb gesperrt. In den drei betroffenen Schulen fällt auch am Dienstag der Unterricht aus. Viele Schüler sind zum Sandsackfüllen gegangen. Das ist auch dringend nötig, denn auch in den kommenden Tagen wird an den Deichen weiter gebaut und mit Schwachstellen gerechnet. Inzwischen sind im Landkreis Prignitz eine Million Sandsäcke verbaut worden. Am Sonntagabend war der Vorrat an Sandsäcken ausgegangen. „Glücklicherweise kamen in der Nacht weitere 300.000“, sagt Bernd Lindow vom Krisenstab. Landrat Lange weiß auch, wieso: „Daraufhin hat sich Innenminister Dietmar Woidke (SPD) persönlich ans Telefon gesetzt und neue Säcke geordert“, sagt er in Perleberg. 2400 Helfer sind vor Ort, darunter 450 Soldaten und 1000 Freiwillige. Dringend gesucht werden noch freiwillige Helfer. Informationen dazu gibt es auf den Seiten wittenberge.de und Stadt-Perleberg.de.

Der Landkreis hat verboten, die Elbe-Deichanlagen zu betreten. Bis zu 5000 Euro Bußgeld sind möglich. Katastrophen-Touristen hätten immer wieder die Arbeit der Einsatzkräfte behindert. „Mancher Gaffer ist sogar auf die Sandsackwälle gestiegen. Das geht überhaupt nicht“, sagt Lange. Ähnliches gibt es von der A2 Berlin – Hannover zu berichten, wo viele Auffahrten bereits gesperrt sind. Dort haben wohl am Sonntag Autofahrer einfach auf der Fahrbahn angehalten, um sich das Hochwasser anzusehen.

Am Nachmittag landet Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Wittenberge, begleitet von Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD). Die Kanzlerin versucht, die Anwohner zu beruhigen. Der Bund werde die Menschen natürlich nicht im Stich lassen. Sie erinnert noch mal an die Soforthilfe des Bundes in Höhe von 100 Millionen Euro. Dies sei das erste, was habe getan werden können. „Aber wir wissen natürlich, dass die Schäden in die Milliardenhöhe gehen werden“, fügt die Kanzlerin hinzu.

Auch Platzeck findet aufmunternde Worte: Die Lage sei stabil. „Ich denke, wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen“, sagt er. „Wir haben in der Masse keine nassen Füße bekommen.“

Deutlich entspannter ist die Stimmung knapp 90 Kilometer südöstlich: Das Wasser flutet vor Rathenow Dörfer, aber in der Stadt selbst ist offenbar niemand beunruhigt. Zwar ist eine Brücke halbseitig gesperrt, aber nur, weil das Geländer gestrichen wird. Blaulicht bedeutet hier einfach nur: Krankenwagen. Im Rathaus herrscht Gelassenheit. Rathenow selbst sei nicht akut bedroht, heißt es in der Pressestelle, weil das Wasser über Stauwehre an der Stadt vorbei geführt würde. Zwar haben auch die Rathenower am Sonntag fleißig Sandsäcke geschippt und an Betroffene verteilt. Aber inzwischen sei der Sand alle.

Ein paar Kilometer westlich: Ein Bauer steht fassungslos auf einer Brücke der B188 bei Wust und schaut auf die weite Wasserfläche. Sechs Kilometer liege die Elbe entfernt, sagt er. Jetzt fließt sie unter seinen Füßen. Von seinen 80 Hektar Getreidefeldern stehen drei Viertel unter Wasser. Die Dörfer rund herum sind geflutet oder werden gerade evakuiert. Doch der Mann sagt, er werde auf jeden Fall auf seinem Hof bei den Pferden bleiben. Nie sei das Wasser so weit gekommen. Nur ein Hochwasser habe je sein Dorf erreicht. „Im Jahr 1865 konnte man laut unserer Dorfchronik im Kahn von Tangermünde bis Rathenow fahren.“

Die Flut rollt weiter nach Norden, nach Schleswig-Holstein. In Lauenburg ist sie bereits: Dort steht das Wasser am Abend in der Altstadt knöchelhoch und steigt weiter. Für die nächsten Menschen beginnt das Bangen um ihr Hab und Gut.

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