Hochwasser in Deutschland

Hochwasser löst Bahn-Chaos aus

Brücke bei Stendal muss gesperrt werden. ICE-Strecke nach Hannover gekappt

Das Hochwasser in Deutschland trifft nun auch die Bahnreisenden. Über die Anzeigetafeln am Berliner Hauptbahnhof huschen am Montagvormittag die Verspätungsanzeigen. Zwischen fünf Minuten und mehr als zwei Stunden ist alles dabei. Eine ganze Reihe von Zügen fällt sogar komplett aus. Tausende Reisende sitzen fest oder müssen viel Geduld haben, an den Infoschaltern bilden sich Schlangen. Grund für das Chaos ist der gebrochene Elbdeich bei Stendal. Die Flut bedroht die Brückenpfeiler der Eisenbahn-Elbebrücke in Hämerten. Die ICE-Strecke zwischen Berlin und Hannover, eine der am meisten befahrenen Verbindungen Deutschlands, ist gekappt. „Bis auf Weiteres“, sagt ein Bahnsprecher am Morgen. Betroffen sind Dutzende Züge von Berlin nach Hannover, nach Frankfurt/Main, München, Amsterdam sowie in die Ballungsräume an Rhein und Ruhr.

Auswirkungen sind enorm

Die Stimmung ist gereizt. Im Minutentakt hallen zwar Durchsagen durch die Glashalle, doch wer an diesem Montag eilig umplanen muss, fragt lieber nach. Die Deutsche Bahn (DB) hat zusätzliches Service-Personal in den Bahnhof geschickt, um den Fahrgästen zu helfen. Doch die Zahl der Betroffenen ist einfach zu groß. „Seit über einer Stunde versuche ich, herauszubekommen, wie und ob ich nach Wien komme“, schimpft Rentnerin Kristin Pramböck. „Mein Zug fällt aus, meine Ersatzzüge kommen viel zu spät. An der Information kommen zwei Mitarbeiter auf viel zu viele Fahrgäste. Das ist zu wenig.“

Tatsächlich sind die Auswirkungen enorm. Gleich mehrere der wichtigsten Verbindungen im deutschen Eisenbahnnetz sind zum Wochenbeginn von der Flutkatastrophe betroffen. Die ICE-Linie 10 (Berlin–Hannover–Hamm–Düsseldorf/Köln) wird zwischen Berlin und Hannover über Wittenberge, Stendal und Wolfsburg umgeleitet. Ebenfalls auf Umwegen unterwegs ist die ICE-Linie 12 (Berlin–Frankfurt/Main–Basel). Die Züge fahren ab Fulda über Erfurt und Halle. Die Stationen Kassel, Göttingen, Hildesheim, Braunschweig, Wolfsburg fährt die Bahn nicht an. Noch härter trifft es Reisende, die von Berlin mit dem Intercity nach Amsterdam oder mit der ICE-Linie 11 nach München wollen. Weil die Ausweichtrassen abseits der Hochwassergebiete restlos überlastet sind, enden und beginnen die Züge in Hannover.

Selbst Fahrgäste zwischen Berlin und Hamburg müssen unter dem Flutchaos leiden. Beim Örtchen Paulinenaue im Havelland steht wegen Bauarbeiten nur ein Gleis zur Verfügung. Durch den Engpass muss die Deutsche Bahn nun neben den Hamburg-Zügen auch die umgeleiteten ICE von und nach Hannover leiten. Die Folge: Selbst auf der noch nicht vom Hochwasser betroffenen Strecke kommt es zu Verspätungen. Und auch im Regionalverkehr sorgt die Flut für Einschränkungen. Die Regional-Expresslinie RE1, eine der am meisten genutzten Pendelverbindungen der Region, ist bei Magdeburg unterbrochen.

Nicht wenige Bahnreisende befürchten, dass es in den kommenden Tagen sogar noch schlimmer kommen könnte. Denn das Hochwasser der Elbe drückt weiter nach Norden. Schlimmstenfalls könnte auch die ICE-Strecke nach Hamburg gefährdet sein. Ob ein noch größeres Chaos droht, darüber will die Bahn vorsorglich lieber keine Prognose wagen. Und auch über die Dauer der Sperrung an der Trasse nach Hannover will der Unternehmenssprecher noch keine Angaben machen. „Es handelt sich um eine behördliche Anordnung“, sagt er. „Wie lange es dauern wird, ist offen.“ Mindestens in den nächsten Tagen müssen sich Bahnreisende aber wohl noch auf Probleme einstellen, so die Schätzung von Eisenbahn-Experten.

Angesichts der massiven Einschränkungen verspricht die Bahn zumindest großzügige Kulanzregelungen. Bei hochwasserbedingten Verspätungen oder Ausfällen will sie den Ticketpreis erstatten, falls Reisende lieber auf die Fahrt verzichten möchten. Das gilt nach Unternehmensangaben für Fahrkarten einschließlich Reservierungen. „Bescheinigungen irgendeiner Art sind nicht erforderlich“, teilt die Bahn mit. Tickets mit Zugbindung können bei Zugausfällen durch das DB-Personal für die nächstmögliche Reiseverbindung gültig geschrieben werden. So bekommen die Reisenden die Möglichkeiten, den nächsten, gegebenenfalls auch höherwertigen Zug zu nutzen.

Für viele Reisende ist das aber keine Alternative. Für sie gilt: Es hilft nur Geduld. So wie für den Berliner Buchhändler Wolfgang Maurer. Er wird wohl mit drei Stunden Verspätung an seinem Fahrtziel in Frankfurt/Main ankommen. Trotzdem bleibt er gelassen. „Mein erster Zug, eine Stunde ist das her, wurde gestrichen. Jetzt warte ich auf den nächsten. Mir macht das nichts aus“, sagt der 43-Jährige. „So eine Überflutung ist nun wirklich höhere Gewalt, da kann die Bahn auch nichts tun.“

Andere, wie Chemie-Ingenieurin Karin Amon, hoffen noch, dass es sie nicht allzu hart trifft. „Noch sieht es aus, als würde unser Zug rechtzeitig kommen“, sagt die 46-Jährige. „Uns wurde aber gesagt, wir würden vermutlich drei Stunden zu spät in Dortmund ankommen. Offensichtlich fahren wir einen großen Umweg. Gott sei Dank müssen wir erst im tiefen Westen aussteigen!“

Während die Flut die Bahn im Nordosten Deutschlands nun mit voller Wucht trifft, gibt es in anderen Hochwassergebieten bereits leichte Entspannung im Schienenverkehr. Seit Montag ist die Bahnbrücke bei Lutherstadt Wittenberg wieder für den Verkehr freigegeben. Die ICE-Linie 28 (Hamburg–Berlin–Leipzig–München) fährt wieder planmäßig. Nach Bahnangaben müssen die Reisenden auf dieser Strecke aber noch mit Verspätungen von etwa einer halben Stunde rechnen.

Servicenummer der Bahn

Auch im Süden rollt der Schienenverkehr vielerorts schon wieder. Laut einer Mitteilung der DB vom Montag fahren in Oberbayern fast alle Züge zwischen München, Salzburg und Wien/Klagenfurt wieder planmäßig. Ausnahme ist der Railjet: Diese Züge entfallen weiter ersatzlos, weil aufgrund der Aufräumarbeiten erst ein Gleis verfügbar ist.

Die Deutsche Bahn hat für betroffene Reisende eine kostenlose Servicenummer geschaltet. Unter 08000 99 66 33 gibt es aktuelle Informationen rund um die Uhr. Kunden im Ausland erhalten Informationen unter +49 1805 33 44 44 (Gebühren je nach Herkunftsland und Provider). Reisende können sich auch auf www.bahn.de/aktuell informieren. Nutzer mobiler Endgeräte erhalten aktuelle Reiseinformationen über m.bahn.de/ris.