Naturkatastrophe

„Magdeburg läuft voll wie eine Badewanne“

Schlimmste Flut in 1200 Jahren: 23.000 Menschen fliehen vor den Wassermassen. Stromversorgung der Stadt ist gefährdet

Magdeburg stemmt sich mit aller Kraft verzweifelt gegen die anrollende Flutwelle. Die sachsen-anhaltische Landeshauptstadt Magdeburg erlebt die schlimmste Elbe-Flut ihrer 1200-jährigen Geschichte. Viele Straßen sind gesperrt, Keller vollgelaufen. Südlich von Magdeburg brach am Morgen ein Damm. Das Hochwasser der Elbe bahnte sich seitdem nahezu ungebremst seinen Weg in die Stadt. Besonders betroffen ist der Stadtteil Rothensee. Von den 3000 Einwohnern haben die meisten ihre Häuser bereits verlassen. Am Sonntagnachmittag folgten weitere 23.000 Bewohner in den östlichen Stadtteilen Magdeburgs. Der Katastrophenstab der Stadt entschied sich zur Räumung dort, weil der Hochwasserscheitel auf 40 Kilometer Länge mehrere Tage gegen die Deiche drücken wird. „Rothensee läuft voll wie eine Badewanne – das Wasser hat teilweise eine Strömung von 20 Stundenkilometern“, sagte Bundeswehrsprecher André Sabzog.

Und als wäre dies nicht schlimm genug, lösten in Sachsen-Anhalt Anschlagsdrohungen gegen Deiche zusätzlich Unruhe aus. Wegen dieser Drohungen verstärkten die Behörden in Sachsen-Anhalt ihre Kontrollen im Hochwassergebiet. „Wir nehmen das in der jetzigen Situation ernst“, sagte Landesinnenminister Holger Stahlknecht. Die Deiche würden aus der Luft und am Boden stärker überwacht. Die Drohung stammt demnach von einer Gruppe, die sich „Germanophobe Flutbrigade“ nennt. Ein entsprechendes Schreiben sei auch im Internet veröffentlicht worden.

Besonders gefährdet in Rothensee ist das Umspannwerk. Muss das Werk abgestellt werden, geht laut Sabzog in 30.000 Haushalten im Norden der Stadt das Licht aus. Soldaten und Helfer vom THW, DLRG und der Feuerwehr standen zum Teil bis zum Bauchnabel im Wasser und wuchteten Sandsäcke. Zwei Dämme wurden angelegt, einer zieht sich direkt um das Gebäude, der andere hält die Wassermengen oben an der Straße zurück. Noch zurück – niemand wagte eine Prognose, ob und wie lange das Umspannwerk noch zu halten ist. Es liegt deutlich tiefer als die Straße. Wenn der Sandsack-Damm an irgendeiner Stelle bricht, muss der Strom wohl sofort abgestellt werden. Bei einer Notabschaltung des Umspannwerks könnten auch viele der Pumpen ausfallen, die pausenlos durchsickerndes Wasser hinter den Deichen in die Elbe zurückpumpen.

Der blaue Sommerhimmel stand im harten Kontrast zu den Szenen, die sich in den überfluteten Straßen abspielten. Bundeswehrsoldaten legten sich erschöpft an den Straßenrand zum Schlafen. Überall parkten Transportpanzer, Geländefahrzeuge, Löschzüge der verschiedensten Rettungseinheiten. Gelegentlich kreisten Hubschrauber, ständig waren Martinshörner zu hören. Schwere Lastwagen brachten unentwegt neue Sandsäcke und Bigpacks.

Sabzog berichtete auch von anrührenden Szenen: „Am Abend haben wir ein älteres Pärchen mit Schäferhund mit einem Transportpanzer von ihrem tiefer liegenden Grundstück geholt. Die beiden haben sich anschließend umarmt.“ Bei einer anderen, etwa 70 Jahre alten Frau habe er miterlebt, wie der Keller innerhalb von sieben Minuten volllief. Am Sonnabend hatten viele Bewohner noch abgelehnt, den Stadtteil Rothensee zu verlassen. „Wir bleiben hier, hundert Prozent“, sagte etwa Jürgen Sterzing. Er ist sauer, vor allem auf Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD). „Vor zwei Tagen hat er noch gesagt, Magdeburg ist sicher“, schimpfte auch Wolf Thiele auf Trümper. Der hätte die Bürger eher warnen müssen. Doch eine Vorhersage scheint schwierig, die prognostizierten Pegelstände mussten in den vergangenen Tagen immer wieder korrigiert werden.

Das Hochwasser in Sachsen-Anhalt führte auch zu zahlreichen Behinderungen im Straßen- und Bahnverkehr des Landes. So gab es Ausfälle und Umleitungen von Nah- und Fernzügen, Hunderte Straßen mussten wegen Überflutung teilweise oder ganz gesperrt werden, wie die Deutsche Bahn und der Krisenstab der Landesregierung am Sonntag mitteilten. Auch Autobahnabschnitte sind von dem Hochwasser betroffen, so ist nach Angaben der Autobahnpolizei Börde an der A 2 die Abfahrten Magdeburg-Rothensee gesperrt. Auf der A 9 Richtung Berlin musste der Verkehr zwischen den Anschlussstellen Vockerode und Dessau-Ost auf zwei Fahrstreifen verengt werden. Die Einschränkungen werden laut Polizei noch länger anhalten.

Wegen der Sperrung der Eisenbahnbrücke über die Elbe bei Magdeburg in der Nacht zum Sonntag ist die Verbindung Hannover–Magdeburg–Berlin unterbrochen, wie die Deutsche Bahn in Berlin mitteilte. Die Eisenbahnbrücke bleibe voraussichtlich bis Mitte kommender Woche gesperrt, sagte ein Sprecher der Bahn am Sonntag in Berlin. Die IC-Linien von Hannover nach Leipzig und Dresden fahren derzeit nur bis Magdeburg.

In den niedersächsischen Hochwassergebieten wächst die Anspannung zunehmend. Es sei zu erwarten, dass sie die Rekordmarken früherer Hochwasser deutlich übertreffen werden, sagte Achim Stolz vom Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz am Sonntag. Höchststände werden für Mitte der Woche vorhergesagt. In Hitzacker wurden am Sonntag die rund 260 Bewohner der historischen Stadtinsel aufgefordert, bis zum Abend ihre Häuser zu verlassen.

Bei einem Pegelstand von 7,76 Metern müssen nach der Hochwasserschutzzonenverordnung alle Bewohner zur Sicherheit vorsorglich evakuiert werden. „Das muss rein rechtlich umgesetzt werden“, sagte die Sprecherin des Landeskreises Lüchow-Dannenberg, Dörte Hinze. Flussabwärts im Landkreis Lüneburg sind rund 1600 Einsatzkräfte von Bundeswehr und Feuerwehren dabei, die Deiche um 30 Zentimeter zu erhöhen. Im Laufe dieses Montags soll die Aufstockung von insgesamt 76 Kilometern abgeschlossen sein, sagte ein Sprecher des Katastrophenstabes. Am Mittwoch und Donnerstag werden die höchsten Pegelstände erwartet.

Entwarnung in Sachsen und Bayern

Während Sachsen-Anhalt und Niedersachsen noch gegen die Flut kämpfen, hat Sachsen das Schlimmste überstanden. Noch aber sank das Wasser dort nur langsam und drückte auf die Deiche. Rund 13.000 Menschen sind nach wie vor von Evakuierungen betroffen. Unterdessen ging über Teilen des Landes ein heftiges Unwetter nieder, nach Anhaben der Behörden lag der Hagel teilweise einen Meter hoch. Für die Elbe soll das aber nicht gefährlich werden. Dort gingen die Aufräumarbeiten weiter. Hoteliers klagten über Stornierungen, selbst für den weit entfernten Sommerurlaub.

An der Donau ist das Hochwasser weitgehend überstanden – doch zurück bleiben Unmengen Schlamm. „Es ist eine stinkende Brühe“, sagte ein Stadtsprecher in Deggendorf. Bewohner schaufelten die Überreste der Flut aus ihren Häusern. Die Stadt schätzt den Schaden auf rund 500 Millionen Euro. In einer Schule stapelten sich gespendete Kleidung, Schuhe und Zahnbürsten. Bäckereien brachten Kuchen. Die Anteilnahme sei unglaublich, sagte Schulleiter Robert Seif. „Die Flutkatastrophe schweißt die Menschen im Raum Deggendorf zusammen.“ Auch in Passau entspannte sich die Lage weiter.