Naturkatastrophe

Wittenberge kämpft um die Deiche

Hochwasser in Deutschland: Massenevakuierungen in den Katastrophengebieten +++ Flutung der Havelpolder soll Elbe-Regionen entlasten +++ Ausnahmezustand in Wittenberge +++ Unbekannte drohen mit Anschlägen auf Deiche +++ Bundespräsident Gauck besucht Betroffene in Halle

Nur die Erbsenspitzen schauen noch aus dem Wasser, weiße Blüten, ein paar Wochen noch, und es wäre eine gute Ernte geworden. Verloren. Im Garten steht das Wasser, das die Elbe unter den Deichen hervor aus der Erde drückt. Qualmwasser, so nennen sie es hier. Es fließt nicht, es ist einfach da. Und es nimmt alles, was es kriegen kann.

In Bälow, einem winzigen Dorf südöstlich von Wittenberge, hat es die ersten Häuser erreicht. „Zwei Grundstücke haben wir gestern verloren“, sagt Jürgen Herper. Er ist Bürgermeister der Gemeinde Rühstädt, zu der Bälow gehört. Das kleine Fachwerkhaus mit dem Erbsengarten steht komplett unter Wasser. Die Bewohnerin, eine ältere Dame, ist bei ihrer Tochter untergekommen. Nebenan harren noch Nachbarn in ihren hochgelegten Räumen aus. Der Hof ist ein See, begrenzt durch einen Wall aus Stroh. Stroh ist die neueste Erfindung gegen den ältesten Feind der Menschen an der Elbe – das Wasser. Weil der Pegel des Hochwassers immer schneller stieg, sagt Herper, sei ihnen keine Zeit geblieben, einen Wall aus Sandsäcken zu bauen.

Die Bauern der Umgebungen spendeten das Stroh – und ganz Bälow und Rühstädt packten mit an, um den einen Kilometer langen Schutzwall aus Stroh zu bauen. Es ist ummantelt mit Plastikfolie. Die Bundeswehr half, den alten Deich provisorisch zu verstärken, der das Dorf nicht mehr schützt. „Ein Experiment, aber ich denke, es hält“, der Bürgermeister bemüht sich um Optimismus. Er ist heiser. Er hat seit vorletzter Nacht nicht geschlafen.

Zwei Tage sind vergangen seit der Nachricht, dass das Elbhochwasser die Stadt Wittenberge schlimmer treffen wird als je zuvor. Ein Tag liegt der Schock zurück, als die Polizei die Bewohner der Altstadt per Lautsprecher aufforderte, ihre Häuser zu verlassen. Am Dienstag soll die Elbe ihren Höchststand erreichen. 8,14 Meter sind momentan für Dienstagabend vorhergesagt. Für Dörfer wie Bälow waren schon die 7,73 Meter zu viel, die am Sonntagnachmittag erreicht waren. „Ich habe meine erste Deichwache mit 17 gemacht, aber so etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt Herper. Und lobt alle Helfer, vor allem die Freiwilligen. „Für alle hier geht die Deichverteidigung bis ans Äußerste der Kräfte.“

Verteidigung: Was dieses Wort bedeutet, versteht, wer in dieses Tagen die Deiche der Prignitz entlang fährt oder läuft – sofern dies überhaupt noch möglich ist. In immer mehr Wiesen und Feldern glitzert das Wasser, an immer mehr Landstraßen herrscht Land unter. Überall stehen Trupps von Helfern, parken Lkws mit Sandsäcken, helfen Soldaten. Allein am Sonntag wurden im Landkreis 100.000 Sandsäcke zur Verstärkung der Deiche verbaut – dieselbe Zahl wurde als Nachschub gefüllt. Fast 2500 Helfer waren im Einsatz, fast die Hälfte waren Freiwillige, dazu Soldaten, Feuerwehr, Polizei, Rettungskräfte und weitere.

Möbel in Autos verladen

In der Stadt Wittenberge war es still wie lange nicht mehr. Den ganzen Freitag und Sonnabend waren Lkws und Feuerwehrautos durch die Straßen gedonnert, um Sandsäcke zu bringen. Nachdem am Sonnabend um 20 Uhr zur freiwilligen Evakuierung der Häuser aufgerufen wurde, setzte ein hektischer Exodus ein. Viele Anwohner trugen Möbel per Hand in ihre Autos, andere beluden Kleinlaster mit ihrem Hab und Gut. Seit Sonntagmorgen ist die Altstadt komplett gesperrt, nur Anwohner und Helfer mit Passierschein werden eingelassen.

In den Geschäften allerdings herrschte am Sonntag ungewöhnliches Leben. An der Bahnstraße beim Augenoptiker-Geschäft von Birgit und Detlef Runge zum Beispiel. „Wir bereiten uns seit Sonnabend auf die Flut vor“, sagte Detlef Runge, „die Holzverkleidungen unten haben wir abgenommen, heute räumen wir das Geschäft ein wenig aus und bringen die Ware in Sicherheit“. Als Letztes kamen die Sandsäcke vor die Tür – dann hieß es abwarten.

Am heutigen Montag wollte das Ehepaar seinen Laden noch einmal mit einem Notdienst geöffnet lassen, „wenn einem der Helfer die Brille kaputtgeht, müssen wir ihm ja helfen“, sagt Birgit Runge. Dienstag soll der Laden wie viele andere hier in der Straße wohl geschlossen werden – spätestens. Denn ob die Deiche so lange halten, weiß keiner. „Ich prüfe die Pegelstände mittlerweile selbst mitten in der Nacht auf meinem Smartphone“, erzählt Runge. Er sei Angler und liebe das Wasser – nur in den kommenden Tagen kann er in seinem Geschäft gerne darauf verzichten.

Bisher, so sagen die Deichfachleute vom Landesumweltamt, geht keine akute Gefahr von den Deichen aus, die Wittenberge schützen. Provisorische Spundwände, inzwischen meterdick verpackt in Sand, grenzen den Elbdeich von der See ab, die dahinter nach oben kriecht – und durch das historische „Kranhaus“, das am nächsten am Wasser steht und in dem Knut Diete sein Restaurant hat. Seit Sonntag verläuft vor dem Eingang ein Wall aus braunen Sandsäcken.

Dahinter stand am Sonntagmorgen der Koch persönlich, mit einem prall gefüllten Feuerwehrschlauch in der Hand – und ließ das Wasser vorn auf die Straße, das über die Terrasse von hinten ins Haus fließt. „Es ist grotesk: Wir haben hier eines der schönsten Restaurants des Landes Brandenburg, wir haben blauen Himmel und Sonnenschein, einen idyllischen Blick auf die Elbe – und der Tod steht vor der Tür“, sagt Diete, und man sieht ihm die Verzweiflung an. Mit Dämmplatten aus Styropor hat er sein Restaurant von innen abgedichtet, so ist das Wasser wenigstens leicht gefiltert eingedrungen. Der Schlamm ist in der Elbe geblieben.

Viel mehr kann nicht getan werden – „Verteidigung“ bedeutet auch, dass der Kampf gegen das Wasser in die passive Phase übergegangen ist. Passiv ist es, gewissermaßen, auch, einfach den Stöpsel zu ziehen. Theoretisch, denn die Elbe ist keine Badewanne. Dass am Sonntagmittag das Wehr bei Quitzöbel geöffnet wurde, um Elbewasser in Richtung Havel abzulassen, war in mehrerer Hinsicht kompliziert.

Zunächst brauchte es viel Diplomatie, um die vier beteiligten Bundesländer Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern unter einen Hut zu bringen – sie mussten gemeinsam entscheiden. Dann musste der optimale Zeitpunkt errechnet werden – denn mit der Öffnung soll nicht einfach Wasser abgelassen, sondern der Scheitel des Hochwassers genau abgepasst werden, um Wittenberge das Schlimmste zu ersparen.

Und dann gab es in der Nacht zu Sonntag noch eine Havarie an einem der Deiche beim Wehr. Eine Polizeihundertschaft und Feuerwehr rückte an, um die abgerutschte Böschung zu befestigen – teilweise musste unter Wasser gearbeitet werden. Um fünf war der Deich wieder sicher.

So konnte am Mittag dann das Wehr in einem offiziellen Akt geöffnet werden – auch dies ein kleiner Akt der Diplomatie, denn das Wehr liegt genau auf der Landgrenze zwischen Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Umweltministerin Anita Tack (Die Linke) lud die Presse zum Termin – auch wenn ihr Ministerkollege Dietmar Woidke gerade noch gewarnt hatte, in der Wehranlage Quitzöbel bestehe Lebensgefahr. Doch dann herrschte am Wehr eine seltsame Ausflugsstimmung – fast so, als müsse sich nicht nur der Wasserdruck entladen, sondern auch die Anspannung der letzten Tage. Die Sonne schien, über der Schar aus Journalisten, Politikern und Experten kreiste die Minidrohne eines Fotografen wie ein lustiges Spielzeug. Dahinter brodelte und rauschte die Elbe wie ein Alpenfluss in die Havel.

In die Menge hatten sich auch Anwohner aus Quitzöbel gemischt. Sie wollten das Spektakel erleben, wenn das Wehr „gezogen“ wird, wie es in der Fachsprache heißt. 2002 sei es spektakulärer gewesen, sagten sie. „Da wurde sehr viel mehr Wasser durchgelassen als heute. Da hat das ganze Bauwerk richtig gezittert.“

Diesmal wird der Durchfluss schrittweise erhöht. Ab dem heutigen Montag sollen dann 600 Kubikmeter Wasser pro Sekunde in die Havelpolder fließen. Die können zusätzlich zu dem eigenen Wasser rund 190 Millionen Kubikmeter aufnehmen, dann sind sie voll. Dies werde voraussichtlich am Mittwoch der Fall sein, sagte Kurt Augustin vom brandenburgischen Umweltministerium. Dann wird das Wehr wieder geschlossen. In den Poldern wird das Wasser voraussichtlich sechs bis sieben Wochen stehen – nicht schön für die Bauern. Doch, so Umweltministerin Tack: „Wir hoffen, dass dadurch der Elbscheitel um 34 Zentimeter gesenkt werden kann. Das wäre eine Entlastung für alle Orte, in denen die Elbe noch durchkommt.“

„Wir müssen uns hier alle quälen“

In Bälow könnten sie diese Entlastung gut gebrauchen – am liebsten sofort. Denn selbst, wenn die Strohballen halten, wird die Arbeit weitergehen. „Mindestens bis Sonnabend“, schätzt Bürgermeister Herper, wird in Bälow Ausnahmezustand herrschen. „Wir brauchen alle, die helfen können.“ Das Dorf hat nur 130 Bewohner, 100 aus dem Nachbarort halfen mit. Auf dem Sandplatz schippen mehrere Hundert Freiwillige Säcke. Was sie motiviert, ist nicht allein die Rettung des Dorfes. „Hinter dem Deich im Polder Bad Wilsnack wohnen 7000 Menschen, die verlassen sich darauf, dass wir hier die Deichlinie halten.“

Doch inzwischen ist die Bundeswehr wieder abgerückt, die Helfer vom Umweltamt auch. „Ab jetzt sind wir auf uns allein gestellt“, sagt der Bürgermeister und lehnt es ab, sich zu dem Interview fotografieren zu lassen. „Ich bin kein Repräsentant. Wir müssen uns hier alle quälen.“