Joachim Gauck

Halle hautnah

Bundespräsident besucht die verwüstete Stadt. Er gibt Trost und bittet um Spenden für die Opfer

Bundespräsident Joachim Gauck ist seine tiefe Betroffenheit anzusehen. Das Verständnis für das Leid der Menschen, die eine der verheerendsten Flutkatastrophen in der Geschichte Sachsen-Anhalts getroffen hat, spiegelt sich im Gesicht des ehemaligen Pfarrers. Wer weit weg wohne, könne sich das alles gar nicht vorstellen. „Unglaublich“, sagt Gauck am Sonntag in Halle. Er schüttelt zum Dank freiwilligen Helfern, Feuerwehrleuten und den weiteren stillen Helden der Flut fest die Hand. „Man kann sich nicht vorstellen, was da zu bewältigen ist“, sagt der Bundespräsident.

„Deutschland ist ein solidarisches Land“, sagt Gauck. Diejenigen, die nicht überlegen müssten, wenn sie eine teure Flasche Wein aufmachen, sollten auch wie andere ihre Herzen und Geldbörsen öffnen. „Wir werden es schaffen, die zerstörten Gebiete wieder aufzubauen“, macht der Bundespräsident Mut. Allein in Halle, der mit rund 230.000 Einwohner zählenden größten Stadt Sachsen-Anhalts, hatte die Saale zwischenzeitlich einen Rekordstand von mehr als 8,00 Metern erreicht. Der Fluss war so hoch wie seit 400 Jahren nicht mehr. Normalerweise misst die Saale am Pegel Halle-Trotha nur knapp 2,00 Meter.

Selbst Nahaufnahmen können kaum vermitteln, was Gauck und seine Lebenspartnerin Daniela Schadt bei ihrem Besuch in den ostdeutschen Hochwassergebieten hautnah von den Menschen erfahren und zu sehen bekommen. „Die Angst stieg wie der Pegel des Wassers“, fasst Pfarrer Johann Schneider beim Gottesdienst in der Marktkirche das Leid zusammen. Wenig später schildert die Mutter der dreijährigen Zwillinge Hanna und Paula, Nicole Voß, Gauck den vergeblichen Kampf zahlreicher Helfer gegen die unerbittliche Flut. Sie musste miterleben, wie die gerade erst neu aufgebaute Kindertagesstätte den Wassermassen zum Opfer fiel. Manche kämpften über ihre Kräfte hinaus. Einen Mann kostete seine unermüdliche Hilfe beim Sandsackfüllen das Leben.

Laut dröhnen unterdessen die Pumpen am Ratswerder. Dort stehen Feuerwehrleute aus Halle gemeinsam mit Kameraden ihrer weit entfernten Partnerstadt Karlsruhe mit Gummihosen im Wasser und versuchen, den gefährlichen Schlamm zu beseitigen. Und die Gefahr sei noch lange nicht vorbei, warnt Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) mit Hinweis auf die seit Tagen durchnässten Deiche. Mit dem Bundespräsident läuft Wiegand vorbei an Bergen von Hausrat, den die Flut zu Sperrmüll verwandelt hat.

Auch Daniela Schadt versucht zumindest etwas zu trösten. Einen Blumenstrauß mit Pfingstrosen, wie sie jetzt eigentlich auch in den überschwemmten Gärten in Halle blühen sollten, hat sie mitgebracht. „Dass der Bundespräsident gekommen ist, das ist uns ein großer Trost“, sagt die Leiterin der evangelischen Kindertagesstätte St. Georgen, Kerstin Jüngel. Dies meine sie ganz ehrlich, denn Geld für den Wiederaufbau sei das eine. „Wichtig ist es auch, die Menschen zu trösten und ihnen Mut zu machen, dass sie nicht aufgeben, auch wenn das Wasser wieder weg ist.“ Noch sei nicht abzuschätzen, wie hoch der Schaden in Deutschland sein werde. Sachsen-Anhalts Regierungschef Reiner Haseloff (CDU) ist sich indes sicher, das Ausmaß der Katastrophe sei schlimmer als 2002 und nur zu bewältigen, wenn „alle 16 Länder und der Bund wie 2002 zusammenstehen“, sagt er.