Brandenburg

Altstadt von Wittenberge wird evakuiert

Hochwasser hat die kleine Elbestadt Wittenberge schon oft erlebt, zuletzt 2002, jedoch haben die Anwohner bisher immer Glück gehabt – die Deiche hielten. Bis zum Sonnabend waren alle davon ausgegangen, dass dies auch diesmal so sein würde. Doch dann fahren Feuerwehrautos mit Sirenen durch den Ort, Polizisten klingeln an Türen und fordern seit 20 Uhr etwa 1500 Einwohner auf, ihre Wohnungen zu verlassen, sagte der Landrat des Kreises Prignitz, Hans Lange. Gegen 19.15 Uhr erreichte die Elbe bei Wittenberge einen historischen Höchststand von 7,45 Meter – ein Zentimeter mehr als beim bisherigen Rekord 1880. Am Abend stieg die Elbe bei Wittenberge noch um fünf bis zehn Zentimeter pro Stunde. Die Bahnstraße ist um 22 Uhr hell erleuchtet, die Ladenbesitzer räumen hektisch ihr Geschäfte aus. Privatleute verstauen Möbel in Pkw und auf Anhängern. Andere wollen bleiben. Ein älterer Herr sagt: „Mein Haus hat ein 65 Zentimeter dickes Fundament, was soll da schon passieren.“

Richtig vorstellen können es sich viele Wittenberger noch nicht, dass durch ihre schön sanierte Straße möglicherweise bald die Elbe fließt. Obwohl auch sie die Prognosen kennen und auch die Spundwände ein paar hundert Meter weiter am Hafen gesehen haben. Das Wasser stand am Abend schon kurz darunter. „Wie lange werden die Wände halten?“, fragt einer. Dann schweigen sie und winken dem Autotreck ihrer Nachbarn zu, die zügig die gefährdete Altstadt verlassen.

Bis auf 8,10 Meter soll der Pegel am Dienstag steigen – weit mehr als 2002, auch mehr, als diesmal erwartet. Zwar versichern alle Verantwortlichen, sie gingen davon aus, dass auch diesmal die Deiche hielten. „Bis heute Abend müssen noch vier Schwachstellen an den Deichen geschlossen werden“, sagte Bürgermeister Oliver Hermann am Morgen. Hermann hatte da schon eine lange Nacht hinter sich. Bis Mitternacht hatte er die Feuerwehr dabei begleitet, mehrere Industriegebiete mit Wällen zu sichern, unter anderem das Elektrizitätswerk.

An sich, sagt Hermann, sei die Region gut eingespielt bei der Vorbereitung aufs Hochwasser, das sich in den vergangenen Jahren immer häufiger ankündigt. „Doch jedes Hochwasser ist anders. Und dieses ist besonders schwer zu berechnen.“ Das Lagezentrum der Stadt mit 18.000 Einwohnern ist die Wache der Freiwilligen Feuerwehr. An den Stellwänden voller Tabellen und Karten wird deutlich, welche Logistik eine angekündigte Katastrophe erfordert. Neben Tabellen und Rufnummern hängen die Pläne der Feuerwehrleute, die zu den Deichen dirigiert werden. In der Haupteinkaufsstraße von Wittenberge wurden bereits im Verlauf des Sonnabends die Läden verrammelt – aus Angst vor dem Hochwasser. Bis zu dem Zeitpunkt ist nur ein Spielsalon gesichert, dann wurden an vielen Läden Holzplatten und Folien angebracht und Sandsäcke gestapelt – auch wenn das einzige, was bisher fließt, der Schweiß ist. Es sind 25 Grad.

Seit Freitag sind in Wittenberge Deichläufer unterwegs, die auf gefährliche Sickerstellen achten – und auch darauf, dass Neugierige die Anlagen nicht zertrampeln. Denn mit den Wasserstandsmeldungen hat auch der Hochwassertourismus eingesetzt – gegen den jedoch zunächst niemand etwas hat. Denn die alte Industriestadt Wittenberge lebt heute auch vom Tourismus. Die Betten sind mittlerweile ausgebucht – nicht zuletzt von Berlinern, die sich zahlreich auf den Weg machen, als der Hilferuf aus Wittenberge kommt, beim Sichern der Deiche zu helfen.

Die große Hilfsbereitschaft, gerade auch unter Jugendlichen, begeistert Oliver Hermann. „Das ist ganz anders als beim letzten Hochwasser – die jungen Leute haben sich über Facebook organisiert und wirklich Spaß daran, zu helfen.“ So nimmt er in Kauf, dass seine drei „Telefondamen“ – es sind Verwaltungsmitarbeiterinnen – auch Falschmeldungen und Gerüchte dementieren müssen, die im Internet aufkommen. Umgekehrt, sagt er, komme man so in Kontakt mit den Bürgern, wie es sonst selten geschieht. Und die Verwaltung reagiert prompt. So können die Wittenberger sich auch am Wochenende weiterhin im Bürgerbüro im Rathaus informieren, wie hochwassergefährdet ihr eigenes Haus ist. „Die Höhenlinienkarten liegen auch am Sonntag noch einmal von acht bis zwölf Uhr aus.“

Während Wittenberge trotz allem hofft, glimpflich davon zu kommen, kündigen sich schlechte Nachrichten für Rathenow im Nachbarlandkreis Havelland an. Um die Elbe zu entlasten, sollen dort die Havelpolder geflutet werden – „dann könnten in Rathenow die Keller volllaufen“, sagt Landrat Lange. Am Mittag bestätigt die brandenburgische Umweltministerin Anita Tack (Die Linke), dass die Flutung vorbereitet wird. Dadurch könne der Hochwasserscheitel deutlich gekappt werden, um die Deiche zu entlasten. „Sofern sich die Vorhersagen bestätigen, wird eine Flutung der Havelpolder nicht zu vermeiden sein“, sagt Tack. Und dass soll möglicherweise schon am Sonntag geschehen.

In Mühlberg an der Elbe sind die Gassen leergefegt. Lediglich das Quaken der Frösche ist zu hören. In einem randvoll gefüllten Tümpel nahe der Uferstraße Alte Elbe scheinen sie sich in der vom Hochwasser bedrohten Stadt wohl zu fühlen. Mit einem Blecheimer in der Hand eilt eine Frau über den Neustädter Markt. „Ich muss schnell zu meinen Tieren“, sagt Silke Christen. Sie harrt hier in der Stadt aus und will trotz aller Warnungen der Polizei ihr Zuhause nicht verlassen. „Wer versorgt meine Tiere? Immerhin habe ich hier noch 70 Kaninchen, einige sind noch trächtig. Und auch 40 Hühner müssen täglich gefüttert werden“, sagt sie.

Im nächsten Augenblick steigt sie eine Leiter hinauf. 15 Stufen, dann ist sie auf dem Dachboden eines Schuppens. „Hier sind meine Kaninchen sicher und haben ausreichend Platz.“ Derweil schaut ihr Schwiegervater nach dem Notstromaggregat. „Wir haben hier Tiefkühlschränke. Wenn hier der Strom abgeschaltet wird, ist das für uns ein herber Verlust“, sagt Alfred Christen. Er führt die seit mehr als 80 Jahren bestehende Pferdefleischerei heute gemeinsam mit Sohn Peter. „Wir haben bereits Hilfe von einem Fleischereibetrieb aus Heinersdorf bekommen. Ein Teil der bereits fertig gestellten Wurst- und Fleischwaren ist dort in Kühlhäusern untergebracht.

Gewitterwolken über Mühlberg

Zwei Kilometer entfernt lärmen Bulldozer und Radlader. Dort wird seit Freitagabend ein etwa 600 Meter langer Weg querfeldein gebaut. Dafür werden Massen an Kies benötigt, die seit Stunden von zahllosen Lkw angekarrt werden. „Über diese neue Straße ist es möglich, die Sandsäcke für die Deichsicherung schnell an die Gefahrenstelle zu transportieren“, sagt Polizeisprecherin Ines Filohn. Noch am Vortag haben Spezialisten des THW, darunter auch Berliner aus Reinickendorf, Lichtenberg und Neukölln, in ihren Booten Sandsäcke auf dem Wasserweg an die Gefahrenstelle transportiert. „Doch das kostet Zeit, die haben wir derzeit nicht“, sagt Filohn. 500 Bundeswehrsoldaten, Spezialisten des THW, des DRK sowie Kameraden der hier eingesetzten Feuerwehren sind dort in zwei Schichten rund um die Uhr im Einsatz.

Am Nachmittag verschafft sich Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) in Mühlberg einen Überblick. Als er am Rathaus aus dem Auto steigt, ruft er Bürgermeisterin Hannelore Brendel zu, dass es in Herzberg und Bad Liebenwerda schon kräftig regnet. Darauf antwortet die Bürgermeisterin: „Da soll es auch bleiben“. Doch am Himmel ballen sich schon die ersten Gewitterwolken

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