Brandenburg

Hoffen auf das zweite Wunder von Mühlberg

Hochwasser in Deutschland: Flutwelle wälzt sich Richtung Norden +++ Pegel im Havelland und in der Prignitz steigen weiter an +++ Bitterfeld in Sachsen-Anhalt evakuiert +++ Angst vor Plünderern wächst +++ Leichte Entspannung in Bayern +++ Im Osten drohen neue schwere Regenfälle

Zwischen Borschütz und Fichtenberg, nur wenige Kilometer von Mühlberg entfernt, haben sich auf einem schmalen Feldweg zum Deich 30 Einsatzfahrzeuge wie eine Perlenkette aufgereiht. Technisches Hilfswerk, Feuerwehren, Bundeswehr und Wasserwacht sind da. Unter den etwa 200 Einsatzkräften ist auch Frederik Engel aus Reinickendorf. Der 43 Jahre alte Berliner führt seine Gruppe des THW Reinickendorf, ausgestattet mit einem Rettungsboot, an die Einsatzstelle an der Elbe. Ihre Aufgabe: Nadelholzbündel, Sandsäcke und Folien zu einer maroden Deichstelle stromaufwärts zu transportieren. „Wir sind seit mehr als zwölf Stunden im Einsatz und erst gestern Abend hier eingetroffen“, sagt er. Seine Truppe gönnt sich seither kaum eine Pause.

Auch am Freitag hält die Hochwasserwelle der Elbe ganz Mühlberg (Elbe-Elster) in Atem. „Wir führen einen Ritt auf der Rasierklinge“, sagt Wolfgang Brandt vom Koordinierungszentrum Krisenmanagement im Innenministerium am Freitag. Der Wasserstand in der Kleinstadt erreicht am Morgen nach Angaben des Lagezentrums in Herzberg 9,88 Meter. „Die Lage ist ganz, ganz schwierig“, sagt Brandt. Experten bewerten die Situation als sehr kritisch, denn die Deiche sind stellenweise marode oder durchweicht. Die meisten der 2100 Einwohner, die die Stadt freiwillig verlassen sollten, sind bislang geblieben. Die Evakuierung der Stadt komme nur schleppend voran, sagt Ines Filohn, Sprecherin der Polizei im Krisengebiet. Deshalb entscheidet das Innenministerium am Mittag, dass die Stadt geräumt wird. „Die Stadt ist nicht mehr sicher“, sagt Ingo Decker, Sprecher des Innenministeriums. Die Deiche sind für eine Wasserhöhe von zehn Metern angelegt. Bei der Jahrhundertflut 2002 waren es 9,98 Meter. Damals schützte das „Wunder von Mühlberg“ die Einwohner vor der Flut. Wie damals versuchen Hunderte Helfer rund um die Uhr, die Deiche zu stützen.

Mittendrin Frederik Engel und seine Männer. „Jede Minute zählt. Und wenn wir es schaffen, die Stelle gemeinsam mit den Truppen der Bundeswehr und der Feuerwehr zu sichern, dann ist das ein großartiger Erfolg“, sagt er. Und während seine Männer in dem Boot das Baumaterial gegen die reißende Strömung der Elbe stromaufwärts transportieren, machen sich am Ufer schon die Taucher bereit. Sie werden in dem trüben Wasser zunächst Folie von der Wasserseite an den Deich anbringen und anschließend Sandsäcke dagegen legen. Von der Landseite legen die Helfer die Nadelholzbündel gegen den Deich und hoffen, so den aufgeweichten Wasserschutzwall zu stabilisieren. „Ein riskantes Unterfangen für die Taucher, denn sie sehen unter Wasser nichts und müssen alles erfühlen“, sagt der 38 Jahre alte Aron Trippner, Einsatzleiter der Wasserwacht Falkenberg.

Nur 29 Mühlberger haben sich bislang in der Notunterkunft in Tröbitz auf den eigens aufgestellten Feldbetten schlafen gelegt. Nicht viele angesichts der akuten Bedrohung. Vier Notfallseelsorger versuchen gemeinsam mit Polizisten, die Menschen zum Verlassen der Stadt an der Elbe zu bewegen. Sie stoßen oft auf Ablehnung, berichtet Filohn. „Das Wetter ist schön, die Sonne scheint – da verdrängen etliche Bewohner die Gedanken an eine Katastrophe“, sagt sie. Syndi Winkler hat ihr Zuhause verlassen: „Vielleicht haben wir Glück und können spätestens am Sonnabend wieder im eigenen Bett schlafen“, sagt sie. Die 27-jährige Mühlbergerin hat bereits am Mittwochabend gemeinsam mit ihrem Lebenspartner die vom Landkreis bereitgestellte Notunterkunft etwa 20 Kilometer von zu Hause entfernt aufgesucht. Eine Turnhalle, in der 150 Menschen bequem untergebracht werden können.

13.000 Sandsäcke gestapelt

Während diese 29 Mühlberger in Sicherheit die Nacht verbringen, sind mehr als 700 Rettungskräfte an den Deichen in Mühlberg und Umgebung im Dauereinsatz. Darunter 200 Bundeswehrsoldaten, 200 Kameraden des Katastrophenschutzes aus Hessen, Kameraden von zahlreichen Feuerwehren aus Brandenburg und auch 60 Polizeibeamte. „In der vergangenen Nacht haben 550 Männer und auch Frauen 13.000 Sandsäcke aufgefüllt und auf Paletten transportbereit aufgestapelt. Weitere 3600 Sandsäcke sind bereits auf Lkw verladen und stehen zur Abholung bereit“, sagt Filohn.

Und während ein Lastwagen nach dem anderen die Ladestelle in Weinberge in Richtung Deichanlage verlässt, sichern Bereitschaftspolizisten aus Cottbus die Zufahrtswege zur Kleinstadt. „Wie mussten schon einige sensationshungrige Katastrophentouristen die Weiterfahrt untersagen. Darunter war auch ein Ehepaar, das sich eigens aus Gelsenkirchen auf den Weg gemacht hatte“, sagt Mirco Schiller. Der Polizeikommissar fährt mit seinen Kollegen täglich die Strecke zwischen Cottbus und Mühlberg, um den Dienst in der Kleinstadt abzuhalten. Immerhin drei Stunden sind sie dafür mit dem Auto täglich unterwegs.

Einen viel längeren Weg hat Anne Ronzheimer zurückgelegt. Gemeinsam mit 200 Kameraden des Hessischen Katastrophenschutzes ist die 26 Jahre alte Bankangestellte mehr als 450 Kilometer von Vogelsberg bis nach Mühlberg gefahren. Fünf Tage sind sie und ihre Kameraden hier in Brandenburg im Einsatz. Ursprünglich galt die Anforderung für Sachsen. „Doch dort hatte man für uns am Montag und Dienstag keine Verwendung, und nur rumsitzen wollten wir auch nicht“, sagt Stefan Preuß. Daher sei er froh gewesen, als am Mittwoch die Order kam, den Einsatzort in das brandenburgische Mühlberg zu verlegen. „Hier können wir richtig zupacken und mit den Kameraden der Bundeswehr sowie der anderen Hilfsorganisationen zusammenarbeiten.“

All das steht Wittenberge in der Prignitz möglicherweise noch bevor, denn dort wird der Scheitel der Elbe-Flutwelle erst für Montag erwartet. „Wittenberge ist gut verpackt“, fasst Oliver Hermann, Bürgermeister der kleinen Elbestadt, die Situation zusammen. Entlang dem Elbufer und dem Hafen ziehen sich sorgfältig gestapelt die Sandsäcke, die Anwohner, Feuerwehr und viele freiwillige Helfer aufgestapelt haben. Dahinter: eine Art Ostsee-Panorama wie aus dem Bilderbuch – nur dass diese Wasserweiten kein Meer sind, sondern ein Fluss – die Elbe. Sie rollt immer schneller auf die Stadt zu. Am Mittag lag sie bei 6,15 Metern, noch am Morgen waren es 5,82 Meter gewesen. In der Flusslandschaft südlich von Wittenberge steht das Wasser schon in den Wiesen. In den Dörfern rund um Wittenberge stehen die Pumpen- und Mannschaftswagen der Freiwilligen Feuerwehren.

„Na, und am Wochenende geht es dann richtig los“, sagt ein älterer Herr zu seiner Frau. Das Paar sitzt in einem der Cafés an der Promenade. Es klingt fast vorfreudig. In Wittenberge ist das Wasser eine Attraktion – dieses Gefühl überwiegt. „Wir haben es bisher immer gut überstanden, das wird auch diesmal so sein, da bin ich sicher“, sagt Rainer Hornig. Der 69-Jährige hatte bis vor zwei Jahren einen Biergarten direkt hinterm Deich. „Beim letzten Hochwasser haben wir alles leer geräumt und vorsorglich eine Woche geschlossen, aber es blieb alles trocken.“ Er hat sich mit Freunden im Restaurant „Zum Fährmann“ getroffen, wo man den besten Blick auf den Hafen hat – theoretisch. Die meisten Boote haben die Besitzer in Sicherheit gebracht, vom Fähranleger schaut nur noch die Spitze heraus. „Während wir hier sitzen, ist das Wasser mehrere Meter näher gekommen“, sagt Hornig und deutet auf den Parkplatz des Restaurants, auf dem das Wasser mehrere Zentimeter hoch steht. Kinder planschen darin, Hunde toben. An dieser Stelle ist die Elbe kein reißender Fluss. Noch nicht.

Spätestens am Dienstag könnte das anders sein. Bis auf 8,09 Meter soll der Pegel steigen. Vorbereitet ist man auf 7,45 Meter. Die Stadtverwaltung bittet deshalb alle Freiwilligen, auch am Sonnabend und Sonntag ab 8 Uhr zu den Sandsack-Füllplätzen zu kommen. Unter den Helfern sind viele junge Menschen. „Das freut uns besonders“, sagt Christiane Schomaker, Sprecherin der Stadt. Denn das Hochwasser haben in Regionen wie Wittenberge einen Nebeneffekt, über den sich viele freuen. „Es entsteht ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, das wir lange nicht gespürt haben“, sagt Wolfram Woller. Der 76-Jährige hat erlebt, wie Wittenberge nach der Wende fast die Hälfte seiner Einwohner verlor – vor allem die jungen Leute. Heute gilt die Stadt selbst bei manchem betagten Einwohner als „Stadt der Rollatoren“.

Die Hochwasser-Prognose bedeutet für viele schwere Entscheidungen. Auch für Radio-Koch Knut Diete, der beschlossen hat, sein Restaurant „Kranhaus“ am Elbhafen am Sonnabend zu schließen. Bisher hatte er vorgehabt, weiterzumachen. Diete hat für Prominente wie Madonna oder Brad Pitt gekocht, seine Gäste kommen auch aus Hamburg, Berlin und Hannover. „Wir saufen ab, so viel ist klar“, sagt er. „Die Saison ist gelaufen.“ Zwar hoffe er, Mitte Juli wieder zu eröffnen. „Doch ob die Gäste dann wiederkommen, muss man sehen.“