Sachsen-Anhalt, Sachsen, Bayern

Die Elbe steigt und steigt

Magdeburg erwartet für Sonntag neuen Rekordpegel. In Bayern und Sachsen gibt es erste Entwarnung. 11.000 Soldaten im Hilfseinsatz

Die gewaltige Flut ist am Freitag auf den Norden Sachsen-Anhalts zugerollt. Besonders in Magdeburg stieg das Hochwasser der Elbe deutlich schneller und vermutlich höher als erwartet. Aktuelle Prognosen gingen davon aus, dass ein Höchststand von 7,40 Metern erreicht werden könnte, sagte Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD). Bislang waren für Sonntag 7,20 Meter erwartet worden. Der Hochwasserscheitel werde voraussichtlich fünf Tage anhalten.

Die Magdeburger stehen auf den Elbbrücken und an den Ufern und staunen. Oberbürgermeister Trümper ist schon vom Anzug in Jeans und kurzärmeliges Hemd gewechselt. „Es ist ernst, es ist sogar sehr ernst. Das Wasser steht schon an den Sandsäcken.“ 2000 zusätzliche Bundeswehrsoldaten hat er angefordert. Seine besondere Sorge gilt dem ostelbischen Teil der Stadt, der zwischen der Elbe und dem Umflutkanal liegt, der wiederum den Fluss um rund ein Drittel der Wassermassen entlastet. Dort wohnen mehr als 20.000 Menschen – etwa jeder zehnte Magdeburger. Sie wohnen quasi in einem Trichter, der vollläuft, wenn ein Deich am Umflutkanal überläuft.

Im Landkreis Anhalt-Bitterfeld sind 10.000 Menschen aufgerufen, ihre Wohnungen zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen. Arbeiter versuchen mit schwerem Gerät, ein Leck zu schließen, das sich im aufgeweichten Erdreich zwischen zwei Seen gebildet hat. Dadurch bestehe aber auch die Gefahr, dass sich das Loch vergrößert. Dann könnte eine Flutwelle auf Bitterfeld zurollen. Die Bundeswehr unterstützte die zahlreichen Freiwilligen mit einem Großaufgebot von mehr als 11.000 Soldaten. Die meisten Bundeswehr-Helfer waren in Sachsen (3600) und Sachsen-Anhalt (3500) im Einsatz.

Und im Osten könnte sich am Wochenende die Lage wieder verschärfen. Der überfluteten Region in Sachsen drohen neue, schwere Regenfälle. Auch in Sachsen-Anhalt und Thüringen soll es heftig gewittern. Starkregen, Sturmböen und Hagel seien in allen drei Ländern möglich, sagte ein Meteorologe vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Leipzig am Freitag. Ob sie sich auf die Wasserstände in den Ländern auswirkten, sei deshalb noch völlig unklar, hieß es.

In Halle sank derweil der Druck auf die Dämme, blieb aber nach Angaben des Krisenstabs der Stadt enorm hoch. Am Freitagmorgen ging der Pegelstand der Saale in Halle-Trotha auf 7,45 Meter zurück. Die Entwicklung sei insgesamt positiv, aber weiter sehr ernst. Nach wie vor müssten der Passendorfer und der Gimritzer Damm starkem Druck standhalten.

Auch im Salzlandkreis blieb die Hochwasserlage ernst, obwohl der Scheitel des Saale-Hochwassers die Region passiert hatte. Mit 6,49 Metern erreichte der Wasserstand am Donnerstagnachmittag in Bernburg seinen Höchststand und ging seitdem leicht auf 6,40 Meter zurück. Auch in Calbe wurde in der Nacht mit 9,84 Metern der Höchststand erreicht.

Polizei patrouilliert

In den wegen des Hochwassers evakuierten Gebieten in Sachsen-Anhalt steigt die Angst vor Plünderern. In den besonders stark betroffenen Regionen etwa an der Saale patrouillierten seit Tagen Einsatzkräfte, sagte die Sprecherin der Polizeidirektion Süd, Ulrike Diener, am Freitag in Halle. Auch an der Elbe wappnen sich die Beamten nach Angaben der Polizeidirektionen Nord und Ost gegen Einbrecher. Noch sei aus keiner evakuierten Wohnung etwas gestohlen worden, sagte die Sprecherin des Innenministeriums, Anke Reppin, in Magdeburg.

In Bayern gab es am Freitag leichte Entspannung. Die Wasserstände gingen zurück, sagte ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums. „Jeder Rückgang ist hilfreich, aber es kann noch nicht Entwarnung gegeben werden.“ Derzeit gilt für Bayern immer noch die höchste Hochwasserwarnstufe, sie könne frühestens am Sonnabend gesenkt werden. Sorgen bereiteten den Behörden immer noch die Deiche in Deggendorf, die stark durchweicht sind. Auch die A3 steht noch unter Wasser und bleibt noch einige Tage gesperrt. Dort werden Schäden durch Unterspülungen befürchtet. Die A92 war wieder in beide Richtungen einspurig für den Nahverkehr befahrbar.

In Niedersachsen hoffen die Menschen wieder: Nachdem die Prognosen für die höchsten Pegelstände zwei Tage in Folge nach unten korrigiert wurden, setzen jetzt viele Anwohner darauf, dass es für sie diesmal doch nicht so schlimm kommt wie bisher befürchtet. Die höchsten Pegelstände werden dort erst am Mittwoch erwartet.

Angesichts der immensen Schäden machte sich Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) für das Beantragen europäischer Hilfsgelder für die Hochwasseropfer stark. Lieberknecht sagte am Freitag im Bundesrat, sie erwarte „auch europäische Solidarität“. Deutschland solle gemeinsam mit Österreich und Tschechien einen entsprechenden Antrag an den EU-Solidaritätsfonds stellen. Deutschland sei der größte Nettozahler in der EU und müsse sich nun auch an die Gemeinschaft wenden können, sagte Lieberknecht. Das Zusammenwirken von Ländern, Bund und EU müsse eine der notwendigen Konsequenzen aus dem Hochwasser 2013 sein, fügte sie hinzu.

Der Chef der Staatskanzlei von Sachsen-Anhalt, Staatsminister Rainer Robra (CDU), begrüßte Lieberknechts Vorschlag. Das Hochwasser sei eine „nationale Katastrophe“, die Kosten für den Wiederaufbau seien ähnlich hoch wie 2002. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) unterstrich, künftig müsse mehr Geld als bisher für den aktiven Hochwasserschutz eingesetzt werden. Es bedürfe der „Solidarität aller“.

Musiker Peter Maffay unterstützt die Hilfsaktion für die Flutopfer. Die Einnahmen seines Konzertes vom Donnerstag in Leipzig in Höhe von 100.000 Euro spendete er an die „Bild“-Hilfsorganisation „Ein Herz für Kinder“. Das Geld soll Kindern und zerstörten Einrichtungen für Kinder zugutekommen.