Brandenburg

Die Frage ist, wie lange die Deiche halten

Hochwasser in Deutschland: Flutwelle bedroht jetzt Brandenburg und Niedersachsen +++ Entwarnung für den Süden des Landes +++ Menschen in Sachsen beginnen mit den Aufräumarbeiten +++ Schäuble sagt Betroffenen weitere Soforthilfe zu +++ Helfer stirbt beim Einsatz in Sachsen-Anhalt

„Geschafft“, sagt Hans-Jürgen Beger und legt den letzten Sandsack vor die Eingangstür seines Geschäfts am Rossmarkt in Mühlberg. Zwei Tage lang hat der Kfz-Meister damit zugebracht, seine mehr als 40 Motorräder, darunter echte Raritäten, in Sicherheit zu bringen. Doch für drei Kräder hat der Platz im Ausweichquartier ein paar Dörfer weiter nicht gereicht. „Die eine Maschine mit Beiwagen habe ich an einem Kranhaken knapp unter der Zimmerdecke aufgehängt“, sagt der 57 Jahre alte Geschäftsmann. In der Hoffnung, dass sein Laden unweit des Hafens von Mühlberg nicht komplett unter Wasser gesetzt wird, hat er zwei Mopeds auf ein extra verstärktes Regal in etwa 1,50 Meter Höhe gehievt. Jetzt fährt Beger zu seiner Tochter nach Erfurt.

Das Hochwasser hält Brandenburg in Atem – und das wohl noch bis Mitte Juni. Die von Süden ins Land drängenden Wassermengen sind gewaltig und drücken auf die Deiche. „Es ist eben nicht nur die Elbe, die kommt. Dieses Mal kommen alle Nebenflüsse mit großer Wucht mit dazu, und das ist die Rechnung, die schwierig wird“, sagt Innenminister Dietmar Woidke (SPD). Die Scheitelwelle der Flut wird erst in den kommenden Tagen erwartet. Im Landkreis Prignitz sichern Hunderte Helfer die Deiche. „Brennpunkte sind Wittenberge sowie ein Abschnitt, der südlich bis zur Ortschaft Bälow reicht“, sagte Prignitz-Landrat Hans Lange (CDU). Das Wasser wird nicht rasch zurückgehen und daher noch etwa zehn Tage lang auf die Deiche drücken, sagt Wolfgang Brandt, Sprecher der Koordinierungsstelle Krisenmanagement im Innenministerium. Die Frage ist, wie lange die Deiche das aushalten.

Genau wegen dieser unsicheren Lage wird Mühlberg (Elbe-Elster) seit Mittwoch evakuiert. Die Polizei fährt durch die Straßen, um die Bürger per Lautsprecher zum Verlassen ihrer Wohnungen aufzufordern. Derweil erreicht der Wasserstand der Elbe in der Stadt 9,50 Meter. Das ist dreimal mehr als normal – und fast ein halber Meter weniger als bei der Jahrhundertflut 2002. Seit Mittwoch gilt die höchste Warnstufe 4 und Katastrophenalarm. 2100 der 4000 Einwohner von Mühlberg sind betroffen. Wer nicht bei Verwandten, Freunden oder Bekannten unterkommt wie Hans-Jürgen Beger, wird vorübergehend in Notquartieren in Turnhallen in Tröbitz, Schönborn und Finsterwalde untergebracht.

Mühlberger packen ihre Koffer

Noch haben nicht alle Mühlberger ihre Haus- und Wohnungstüren verschlossen. Doch es werden stündlich mehr an diesem Donnerstag. Am Abend gleicht das Örtchen an der sonst so beschaulich dahinfließenden Elbe einer Geisterstadt. Bis zum Nachmittag haben etwa 1200 Einwohner ihre Habseligkeiten gepackt. Nur etwa 40 Anwohner beziehen zunächst die Notunterkünfte. Bis Freitagnachmittag ist mit einem weiteren Anstieg des Elbwassers zu rechnen. „Jeder Bürger, der den Ort vor dem Scheitel verlässt, erleichtert den Einsatzkräften die Arbeit“, sagt Woidke.

Die Mitarbeiter in der eigens eingerichteten Einsatzzentrale arbeiten mit höchster Konzentration. Immer wieder rufen sie einander Schlagworte zu. „500 Sack nach Fichtenberg, und die Bundeswehreinheit schnellstmöglich an einen Deichabschnitt am Ortsausgang von Mühlberg“, ruft einer über den aufgestellten Konferenztisch hinweg. Derweil können die Mitarbeiter des Einsatzstabs genau beobachten, wie wenig später 200 Männer der Bundeswehr mit ihren Fahrzeugen das Gehöft verlassen. Denn wie die Einsatzleitung haben auch die Rettungskräfte der Bundeswehr, der Feuerwehr und des Deutschen Roten Kreuzes auf dem Gelände der Agrargenossenschaft Mühlberg vor der Elbestadt ihr Quartier eingerichtet.

„Ich bin froh, dass wir mit unseren Problemen nicht alleingelassen werden“, sagt der Genossenschaftsvorsitzende Uve Gliemann. Die Genossenschaft mit mehr als 100 Beschäftigten zählt zu den großen Arbeitgebern in der Region. „500 Ferkel mussten wir bereits in Sicherheit bringen. Kritisch ist dagegen die Situation für die etwa 1000 noch tragenden Sauen“, sagt Gliemann. „Ich hoffe, wir müssen die noch trächtigen Tiere nicht dem Stress einer Umquartierung aussetzen.“ Und während sich der Landwirt um die Einsatzorte seiner Mitarbeiter kümmert, ziehen die Seelsorger von Haustür zu Haustür.

„Da es eine freiwillige Evakuierung ist, fragen wir die Bewohner, ob sie Hilfe brauchen. Fragen nach Gründen, warum sie das Katastrophengebiet nicht verlassen wollen, und weisen sie auch nochmals auf die bestehende Gefahr hin“, sagt Seelsorgerin Kerstin Höpner-Miech. Seit den frühen Morgenstunden ist sie unterwegs. Gemeinsam mit ihren drei Kolleginnen geht sie in Mühlberg von Haus zu Haus, von Tür zu Tür. „Für eine Familie haben wir eine besondere Lösung gefunden. Sie wollen sich nicht von ihren Tieren trennen“, erzählt sie. „Doch damit auch sie sich in Sicherheit begeben können, haben wir ein Quartier ausfindig gemacht, in das sie ihre Lieblinge mitnehmen können.“

Ortswechsel. Auf dem Marktplatz von Spremberg (Spree-Neiße) steht eine Pferdekutsche, weiße Tauben warten in einem Holzkäfig auf das Hochzeitspaar, das sich im Rathaus gerade das Jawort gibt. Während sich andere Regionen von Brandenburg noch auf die große Flut vorbereiten, hat die kleine Stadt südlich von Cottbus das Schlimmste schon hinter sich. Der Scheitelpunkt der Welle kam in der Nacht. Demnächst sollen an anderen Orten die ersten Sandsackwälle angebaut werden. Die wichtigsten jedoch bleiben erhalten. Ein Regengebiet, das am Wochenende für das Zittauer Gebirge vorhergesagt ist, könnte die Spree noch einmal ansteigen lassen, befürchten die Behörden. „Oh, die ist aber hübsch“, seufzen zwei alte Damen, als das Brautpaar aus dem Rathaus tritt. „Huch!“ rufen sie dann. Die Tauben hätten sie beinahe gestreift. Der Alltag kehrt zurück. Langsam.

Dann aber widmen sich die beiden Frauen wieder dem alles beherrschenden Thema in diesen Tagen. Den Erinnerungen an die vergangenen Höchstwasserstände von 2010 und 1981. An die schrecklichen Fernsehbilder aus Sachsen, wo die Menschen momentan von unvorstellbaren Wassermassen bedrängt werden. Und sie sprechen von ihren Nachbarn in Cantdorf, die, wenige Kilometer vom Markttreiben entfernt, in diesen Tagen verzweifelt in ihren überschwemmten Gärten, Kellern und Garagen stehen. Der niedrige Ortsteil wird regelmäßig überschwemmt. Einige Anwohner können ihre Häuser nur noch mit Booten erreichen. Andere stehen in Gummistiefeln und mit Handwagen am zentralen Lindenplatz, der immer noch halb unter Wasser steht. Als dort gestern mehrere dunkle Limousinen einbiegen, verschwinden viele Anwohner in ihren Toreinfahrten. Interviews geben wollen sie nicht mehr, ebenso wenig als Staffage für Politikerauftritte vor Kameras herhalten.

In diesem Fall ist es Brandenburgs Umweltministerin Anita Tack (Die Linke), die am Donnerstag die Hochwassergebiete im Spree-Neiße-Kreis und Cottbus besucht. Doch Hilfe erwarten die meisten Anwohner von ihr nicht. „Wer nicht versichert ist, bekommt eben nichts“, sagt ein Anwohner resigniert. In Hochwassergebieten ist es kaum möglich, sein Haus zu versichern. So verpassen die meisten Cantdorfer auch den Vorschlag ihres Bürgermeisters, künftig dem Hochwasser anders zu begegnen: „Man könnte eine Schleuse in den Deich bauen und das Wasser auf die dahintergelegenen Wiesen ableiten“, schlägt der vor. Die Ministerin kündigt an, den Vorschlag zu prüfen. Dann steigt sie wieder ins Auto. Drei Gärten weiter läuft da gerade eine weitere Garage voll.

Wie viele andere Landespolitiker ist Tack seit Tagen im Land unterwegs. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) reist dafür in die Prignitz, wo es seit Mittwoch Katastrophenalarm gibt und die Vorbereitungen auf das Elbehochwasser auf Hochtouren laufen. Innenminister Dietmar Woidke (SPD) besucht derweil Mühlberg. In Spremberg zeigt sich Anita Tack erleichtert, dass die Stadt es aus eigenem Antrieb geschafft hat, das Wasser zurückzuhalten. Es gibt Lob für Bürgermeister Schulze, der jedoch auch hören muss: Über finanzielle Unterstützung für die Gemeinden wird erst nach Ende des Hochwassers entschieden. Tack gibt zu bedenken, dass Hochwasser immer häufiger kämen. Sie könne verstehen, dass angesichts dessen viele Bürger den Eindruck hätten, es ginge nicht schnell genug voran mit dem Hochwasserschutz. „Doch viele dieser Maßnahmen sind eine Generationenaufgabe, sie können nicht von heute auf morgen umgesetzt werden.“

Hochwasser als Attraktion

Tacks letztes Ziel an diesem Donnerstag ist Cottbus. Hier kommt die Spree momentan als reißender Fluss daher, weil seit Mittwoch Wasser aus dem Stausee bei Spremberg abgelassen wird. Der ist inzwischen randvoll, weil wiederum die Talsperre in Bautzen überläuft. In Cottbus rückt auch die Bundeswehr zum Sandsäckeschleppen und Deiche sichern mit an. Die Feuerwehr kämpft mit losgerissenen Bäumen und Ästen im Strom. Mehrere Straßen sind gesperrt, eine Fernwärmeleitung aus Sicherheitsgründen abgestellt. Fünf Menschen aus einer tief gelegenen Mühle werden in Sicherheit gebracht und das Tierheim evakuiert. Im Rest der Stadt bleibt das Hochwasser eine Attraktion. Das Spreeufer in Cottbus-Sandow ist zur Sicherheit mit rot-weißem Flatterband gesperrt. Die Tische des Eiscafés stehen direkt davor. Sie sind an diesem sonnigen Tag gut besetzt.