Hochwasser

„Sicherheit ist nicht mehr zu gewährleisten“

Die Situation in Brandenburg und in den nördlichen Bundesländern spitzt sich zu +++ Mühlberg an der Elbe beginnt mit der Evakuierung +++ Flutwelle rollt die Elbe abwärts Richtung Niedersachsen und Schleswig-Holstein +++ Dramatische Situation in Dresden

In den Gärten am Deich der Alten Elbe in Mühlberg kreischen die Motorsägen. Bäume müssen gefällt werden, damit der Schutzwall in kürzester Zeit um mehrere Zentimeter verstärkt werden kann. Bulldozer schieben Gesteinsmassen auf den Kamm des Deiches. Bei strahlend blauem Himmel steht den Einwohnern des kleinen Städtchens Mühlberg an der Elbe im äußersten Südwesten Brandenburgs der Sinn nicht nach einem Sonnenbad. Sie sind im Wettlauf mit der drohenden Flutwelle, die ihre Heimat in wenigen Stunden überschwemmen könnte.

Die Wasserstände in Brandenburg steigen und steigen, und noch ist kein Ende in Sicht, sind Prognosen schwierig. „In Meißen steigt der Pegel, in Dresden ist kein Ende abzusehen, und dann kommen wir“, sagt Anwohner Karl Keller. Um sich einen Überblick über die bedrohliche Lage zu verschaffen, ist er am Mittwochmorgen gegen 6 Uhr nochmals auf den Deich gestiegen und hat von dort einen Blick über die alte Elbe. Von Minute zu Minute steigt der Wasserpegel beinahe geräuschlos. Doch an manchen Stellen deutet das Plätschern des Wassers an, dass es immer näher rückt. Zu ernst ist die Situation, bald könnte die Elbe über die zehn Meter hohen Deichkappen in die Altstadt schwappen.

„Ich kann es nicht ausschließen, doch ich hoffe, dass dieser Fall nicht eintritt“, sagt Christian Jaschinski (CDU), Landrat für den Kreis Elbe/Elster. Unter seiner Leitung tagt täglich der Einsatzstab des Landkreises. Bereits am Dienstag hat er für die Stadt Mühlberg den Katastrophenalarm ausgerufen. „Damit haben wir andere Möglichkeiten, der drohenden Überflutung der Kleinstadt zu entgegnen“, sagt er weiter. Vorsorglich hat er mit der Evakuierung der Menschen begonnen. So habe er die Evakuierung älterer Menschen aus einem Pflegeheim am Rand der Stadt veranlasst. Zudem ist mit dieser Alarmstufe dem Kreis die Möglichkeit gegeben, etwa auch die Hilfe der Bundeswehr in Anspruch zu nehmen. Die Anwohner der Altstadt sollen freiwillig ihre Häuser verlassen.

Ein Leck im Deich

Innenminister Dietmar Woidke (SPD) unterstützt diese Aufforderung. „Die Situation an der Elbe ist gefährlicher als an Spree, Schwarzer Elster und Lausitzer Neiße“, sagt Woidke in Mühlberg. Einen Zwang zur Evakuierung gebe es zwar vorerst nicht. Da die Pegelstände der Elbe derzeit nicht genau vorhergesagt werden könnten, sei die Lage jedoch unberechenbar. „Die Sicherheit der Menschen ist nicht mehr zu gewährleisten“, schließt sich Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) in Potsdam in der laufenden Landtagssitzung an. Später macht er sich direkt in Mühlberg ein Bild von der Lage. „Ich bin heute wesentlich ruhiger als vor 48 Stunden, hier ist richtig viel geleistet worden“, sagt der Ministerpräsident. „Wenn der Deich hier in Mühlberg nicht halten sollte, stehen zwei Drittel der Stadt unter Wasser und das Gebiet bis Herzberg wird überflutet.“

Bernd Sarrasch, 52, lebt mit seiner Frau in Mühlberg, nur wenige Meter hinter der „Alten Elbe“. Er steht am Mittwochmittag an seinem Zaun zur Mittelstraße und beklagt sich über mangelnde Informationen: „Die Kommunikation fehlt, wir bekommen hier nichts mit. Dass in Mühlberg Katastrophenalarm herrschen soll, hat uns noch keiner erzählt, das ist neu für uns.“

Beim Hochwasser 2002 sei der Ort voller Polizei gewesen, das habe die Leute hektisch werden lassen, „die Informationen wurden von allen Seiten aufgebauscht“. Dieses Mal schlage das Pendel in die andere Richtung aus – vor allem die älteren Leute würden auf Neuigkeiten warten. „Wo bleiben die Informationen von offizieller Seite? Wir kommen hier ja einfach mit dem Auto weg, aber was ist mit den ganzen Alten?“

Sarrasch kennt sich mit Hochwasser aus, er lebt sein ganzes Leben in Mühlberg an der Elbe. „Wir haben schon die erste Etage leer geräumt.“ Sein Chef in Torgau habe ihn für einige Tage freigestellt, der 52-Jährige nimmt unbezahlten Urlaub, um sich ganz dem Hochwasser und seinen Folgen widmen zu können. Nur wenige Häuser entfernt ist Thomas Waschkies dabei, die Möbel aus der ersten in die zweite Etage seines unter Denkmalschutz stehenden Hauses zu tragen. „Ich befürchte, dass es diesmal wirklich schlimm wird“, sagt er. Viel Geld habe seine Familie in die Sanierung des vor mehr als 500 Jahren gebauten Hauses investiert.

Auch in der evangelischen Gemeinde der Kleinstadt bereitet man sich auf das Schlimmste vor. „Es gibt tatsächlich nur wenige Sandsäcke für die Bürger. Bisher wurden mit den ersten Sandsäcken nur undichte Stellen im Deich geschlossen“, sagt die evangelische Pastorin Kerstin Höpner-Miech. Mit der Ausrufung des Katastrophenalarms bestehe jetzt die Möglichkeit, auch Privathäuser und natürlich auch ihre Kirche vor den drohenden Wassermassen zu schützen.

Ihre Stadt vor den Wassermassen zu schützen ist auch das Anliegen der Fußballjugend SV Empor Mühlberg. „In Mühlberg wohnen viele ältere Menschen, da müssen wir ran und helfen, die Dämme zu verstärken “, sagt der 17 Jahre alte Gymnasiast Michael. Mit seinen Mannschaftskameraden haben sie sich freiwillig zum Arbeitseinsatz gemeldet. Hunderte mit Sand gefüllte Säcke stapeln sie entlang der Deichkante.

Gegen 7.30 Uhr hat der Lärm der Sirene die Vorsteherin des Herzberger Ortsteils Arnsnesta, Regina Köhler, aufgeschreckt. Auf einer Länge von etwa 20 Metern hatte das Wasser der Schwarzen Elster im Deich ein Leck gerissen. Es strömte ungehindert auf die hinter dem Schutzwall liegenden Weide- und Waldflächen. „Zum Glück ist keiner zu Schaden gekommen. Und seit der Damm gebrochen ist, ist der Pegel hier um etwa 15 Zentimeter gesunken“, sagt die Ortsvorsteherin um 9.30 Uhr. Inzwischen haben auch Hubschrauber der Bundeswehr den eingestürzten Abschnitt nördlich von Herzberg überflogen. Kaum hatte die Nachricht vom Deichbruch die Runde gemacht, hieß es, dass für Mühlberg der Katastrophenalarm ausgerufen wird. Einsatzkräfte der freiwilligen Feuerwehren wurden abgezogen und in dieses Gebiet verlegt.

Auch in Spremberg, am östlichen Rand des Bundeslandes an der Spree gelegen, verschärft sich am Mittwoch die Situation. Von Nahem betrachtet, hat der Wasserfall an der Talsperre Spremberg etwas Faszinierendes. Es rauscht und tobt, stiebt und schäumt. Selbst Stauwart Birk Erdmann wirkt ziemlich begeistert, obwohl er doch jeden Tag hier ist und das Hochwasser an sich eine Katastrophe für die Region. 100 Kubikmeter Wasser ergießen sich seit Mittwochmorgen pro Sekunde aus dem stillen Stausee in das „Tosbecken“ darunter und von da in die Spree. Zuletzt hatte man beim Hochwasser 1981 die Talsperre so weit geöffnet. „Solche Wassermengen habe ich hier noch nie erlebt“, sagt Erdmann. Und wohl auch selten so viele Besucher. Birk Erdmanns Arbeitsplatz ist gewissermaßen zum Spree-Orakel geworden, seit das Hochwasser Brandenburg erreicht hat. Es kommen Journalisten, die wissen wollen, wie es mit der Spree weitergeht und überhaupt, wie es im Innern des brüllenden Wasserfalls aussieht. Drinnen ist es noch lauter – eine Turbine erzeugt Strom. Die Spremberger schauen seit Tagen angstvoll nach dem Wasserstand des Stausees, inzwischen ist er fast maximal gefüllt, und in der historischen Innenstadt schwellen Kleine und Große Spree weiter an. In einigen Vororten stehen Gärten, Straßen und Keller schon unter Wasser. Die Cottbuser wiederum, zu denen das Wasser nun fließt, baten um Zeit – erst sollte die Stadt hochwasserfest gemacht werden, bevor die Schleusen geöffnet wurden. Zweieinhalb Stunden braucht das Wasser von Spremberg bis Cottbus. Am Nachmittag ist es da.

Auch im Spreewald sieht man der Dammöffnung skeptisch entgegen. Der Eisenschlamm aus den Alttagebauen der Lausitz ist Gift für die Kanäle und Ufer. Bisher sammelte sich ein großer Teil des Schlamms im See. Wie viel nun in den Spreewald gespült wird, wissen auch die Experten nicht. „Für uns hat momentan der Hochwasserschutz Vorrang“, sagt Wolfgang Genehr vom Landesumweltamt zu dem Problem. Jedoch werde es momentan wissenschaftlich untersucht. „Wir messen täglich im Zu- und Ablauf der Spree, auch während des Hochwassers.“ Genehr sieht zunächst keine größere Gefahr für den inneren Spreewald. Zwar sei es tatsächlich so, dass sich seit Längerem größere Mengen des Eisenschlamms im Stausee an der Spremberger Talsperre abgelagert hätten. Doch der größte Teil des Wassers, das nun abgelassen würde, werde den inneren Teil des Spreewaldes gar nicht erreichen. „Etwa 80 bis 90 Prozent werden über den Nordumfluter um den inneren Spreewald herum geleitet.“

Am Morgen hatte Sprembergs Bürgermeister Klaus-Peter Schulze erklärt, so hoch wie jetzt habe die Spree in diesem Jahrhundert noch nicht gestanden, 4,34 Meter waren es da. Dennoch werde sie nach seiner Einschätzung noch weiter anschwellen, auf etwa 4,50 Meter. „Bisher halten aber alle Dämme.“ Allerdings drohe ein provisorischer Damm aus Sandsäcken durchzuweichen. „Wir beobachten das genau.“ Für den Fall, dass der Kindergarten dahinter evakuiert werden müsse, gebe es Ersatz.

Schulze lobt seine Bürger, von denen sich zahlreiche zum freiwilligen Einsatz gemeldet hätten. Eine Sporthalle mit 50 Plätzen zur Notübernachtung sei bereitgestellt. Praktisch sei, dass es nebenan eine Gaststätte gebe, um die Menschen zu versorgen – bisher sei aber niemand evakuiert worden. 200 Tonnen Sand seien in 15.000 Säcke gefüllt worden – weitere 20.000 Säcke seien bestellt. In der Stadt nutzen viele Spremberger die Sonne für einen Spaziergang an die Spree. Viele mit ihren Kindern, fast alle mit Fotoapparaten und Fotohandys. Eltern erklären das Hochwasser, ältere Menschen erinnern sich an die vergangenen Fluten.

Spremberger Selbstbewusstsein

Fünfmal hat das Hochwasser die Region in den vergangenen Jahren heimgesucht. „Dass es nach 2010 so schnell wiederkommen würde, hätte niemand vermutet, sagt Schulze. Der Kritik aus anderen Hochwassergebieten, das Land habe zu wenig und zu langsam auf die Krisensituation reagiert, will er sich nicht anschließen. „Wir haben hier in Spremberg aus den vergangenen Hochwassern gelernt, wir wissen selbst, was zu tun ist, und verlassen uns auf niemanden. Wir machen einfach unser Ding.“

Wie lange das Abwarten in Spremberg noch dauern werde, sagte Schulze, sei noch nicht absehbar. Zwar stagniere der Wasserstand an den ersten Pegeln zwischen Bautzen und Spremberg. „An anderen steigt er jedoch weiter.“ Abhängig sei dies von der Talsperre Bautzen, die seit Montagabend kontrolliert überläuft.

In Cottbus kam die Nachricht am Nachmittag an, dass es auch bei ihnen Ernst wird mit dem Hochwasser. Schwer vorstellbar an sich bei dem Sonnenwetter. Doch spätestens, als Oberbürgermeister Frank Szymanski die Bewohner aufrief, sich als Helferinnen und Helfer zur Verfügung zu stellen, zum Sandsäcke-Füllen, als Deichläufer oder Helfer, da war klar: Das Hochwasser wird auch Cottbus treffen. Seit dem Vormittag war die Talsperre in Spremberg weiter und weiter geöffnet worden, am Abend noch einmal. Doch weil der Scheitelpunkt des Hochwassers Spremberg jedoch noch nicht erreicht hatte, konnte auch für die Cottbus mit seinen rund 100.000 Einwohnern noch nicht genau vorausgesagt werden, wie schlimm es werden wird.

Vielleicht deshalb sagten sich viele: Noch schnell einmal spazieren gehen und Eis essen, als ob nichts wäre. Hochbetrieb herrschte in der beliebten Eisdiele Greschke am Spreeufer. Normalerweise sitzen die Gäste dort auf vielen Stufen, die zu einem Steg am Wasser führen. Wie viele Familien waren auch der achtjährige Leonhard und seine Mutter Anke vorbeigekommen. Viele ihrer Arbeitskollegen, sagt sie, hätten sich zum Freiwilligen Sandsackschippen gemeldet. Zwanzig kritische Stellen – meist Brücken und Ufer – in Cottbus waren bis Mittwochabend mit 60.000 Sandsäcken gesichert worden.

Zu den Aufforderungen des Bürgermeisters gehört auch diese: Jeder, der nicht für die Hochwassersicherung beauftragt ist, vor allem Kinder, sollen sich von Deichen fern halten. Die Spree ist in diesen Tagen ein tückischer, reißender Fluss. Die Zeit für ein gemütliches Eis am Ufer der Spree dürfte vorerst vorbei sein.