Hochwasser

Die Flut wälzt sich Richtung Norden

Entspannung in Bayern – Katastrophenalarm an der Elbe

Die einen haben das Schlimmste überstanden, den anderen steht es noch bevor. Während in Bayern und Thüringen die Pegel stagnieren oder sinken, steigt die Hochwassergefahr anderswo; vor allem in Brandenburg und Niedersachsen, aber auch in Dresden. Dort erreichte die Elbe am Mittwochnachmittag einen Stand von 8,50 Meter. Das Landeshochwasserzentrum erwartet für Donnerstagmittag bis zu 8,80 Meter, normal sind zwei Meter. Der Pegel werde dort aber die Dimension der Flutkatastrophe von 2002 nicht ganz erreichen. „Wir gehen von neun Meter plus aus, die 9,40 Meter sind inzwischen ausgeschlossen“, sagte der Referatsleiter im Umweltministerium, Martin Socher.

Am Mittwochmorgen lief ein Einsatz, um 660 Menschen im Stadtteil Gohlis in Sicherheit zu bringen. Vor allem im Osten der Stadt könnten weitere Evakuierungen hinzukommen, sagte ein Sprecher. Nach Angaben der Stadt waren von Evakuierungen bisher etwa 1000 Menschen betroffen. Die meisten kamen privat unter, nur 20 nutzten die städtische Notunterkunft. Eine junge Frau mit zwei Kindern, die die Räumungsempfehlung ignorierte, wurde „mit schwerem Gerät“ gerettet. Zwei Paddler hatte die Feuerwehr bereits am Dienstagabend gerettet. Sie kenterten mit einem Schlauchboot an der Waldschlößchenbrücke.

Unverändert ernst blieb die Situation auch in zahlreichen Landkreisen entlang der Elbe und anderer Flüsse, etwa rund um Bitterfeld-Wolfen in Sachsen-Anhalt. Dort war am Dienstag ein Deich gesprengt worden, um das Wasser in unbewohnte Niederungen zu lenken, sodass das Überlaufen eines Sees nahe der Stadt verhindert wurde.

In den sächsischen Städten Grimma und Döbeln helfen derweil 19 Mitarbeiter der Berliner Wasserbetriebe (BWB) mit sechs Hochdruckspülfahrzeugen, die durch Schlamm blockierte Kanalisation wieder in Gang zu bringen – eine Voraussetzung für Aufräumarbeiten. Bereits bei den Hochwasserkatastrophen 1997, 2002 und 2010 waren nach Hilfsanfragen BWB-Mitarbeiter an Elbe und Oder tätig geworden.

Von Tschechien wurden auf der Elbe mehrere Gastanks und Container nach Sachsen mitgerissen. Es soll sich dabei aber nicht um Gefahrgut handeln. Die Behälter seien aus dem Hafen von Děčín in Tschechien weggeschwemmt worden, so das Landratsamt Pirna in Sachsen. Einer davon sei bereits gesichert.

Der Scheitel der Elbe ist laut sächsischem Umweltministerium bisher noch nicht im tschechischen Grenzort Usti durchgelaufen. Dort überflutete das Wasser weite Teile der Industriestadt. Bis zum Abend erwarteten die Behörden ein Pegelstand zwischen 11,10 und 11,50 Metern, normal sind zwei Meter.

In Prag – am größten Elbezufluss Moldau – begann sich die Lage langsam zu entspannen, das U-Bahn-Netz im Zentrum blieb aber geschlossen. Landesweit hätten mehr als 19.000 Menschen ihre Wohnungen und Häuser verlassen müssen, teilte die Feuerwehr mit. Bislang seien acht Menschen gestorben.

Vom Hochwasser 2002 gelernt

Wegen des erwarteten Rekordhochwassers der Elbe am Wochenende gaben die Behörden in den Landkreisen Lüneburg und Lüchow-Dannenberg Katastrophenalarm. Im Norden des Kreises Lüchow-Dannenberg erstrecken sich ausgedehnte Elbeniederungen. Dort liegt auch die hochwassergefährdete Stadt Hitzacker. „Wir werden Sandsäcke auf die Deiche bringen, um gegen höhere Wasserstände gewappnet zu sein. Mehr können wir im Moment nicht machen“, sagte der Bürgermeister der Samtgemeinde Elbtalaue, Jürgen Meyer. Zu Elbtalaue gehört auch Hitzacker. Sorge vor einem ähnlichen Ausmaß des Hochwassers wie vor elf Jahren habe er nicht. „2002 hatte Hitzacker keinen Hochwasserschutz.“

In Halle an der Saale spitzt sich die Hochwasserlage gefährlich zu: Rund 30.000 Menschen wurden aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Die Saale hatte am Pegel Halle-Trotha einen Wasserstand von 8,09 Meter erreicht. Das war der höchste seit 400 Jahren in der Stadt in Sachsen-Anhalt. Normal liegt der Pegelstand dort bei knapp zwei Metern. In Teile der Innenstadt ist bereits Wasser gelaufen. Vom Hochwasser bedroht sind fünf große Gebiete, darunter die Plattenbau-Großsiedlung Halle-Neustadt. Die Dämme seien durchgeweicht, Wasser trete an Sickerstellen aus und teils über die Deiche. „Das Wasser läuft auf die ersten Häuser zu“, sagte Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) zur Situation am Gimritzer und Passendorfer Damm. Der Druck auf diese beiden Hauptdeiche sei extrem hoch. Notquartiere wurden eingerichtet.

Aus Thüringen zog sich das Wasser unterdessen langsam zurück. Die Kommunen begannen mit den Aufräumarbeiten und listeten die Schäden auf. Für eine genaue Bilanz ist es aber noch zu früh. Auch in Baden-Württemberg ging das Hochwasser zurück. In Teilen Bayerns stabilisiert sich die Situation langsam, Entwarnung konnte aber nicht gegeben werden. In Passau gab es für die meisten Bewohner wieder Trinkwasser, so ein Stadtsprecher. Die Menschen der Drei-Flüsse-Stadt an Donau, Inn und Ilz hatten in den vergangenen Tagen das schlimmste Hochwasser seit mehr als fünf Jahrhunderten durchleben müssen.

In den Donaustädten Straubing und Deggendorf in Niederbayern stagnierten am Mittwochmorgen die Pegelstände, wenn auch auf hohem Niveau. Im Landkreis Deggendorf insgesamt blieb die Situation dramatisch. Dort sollte die Flutwelle am Mittwochmittag den Scheitelpunkt erreichen, bereits am Vortag waren zwei Dämme gebrochen. Nach Angaben des bayerischen Innenministeriums wurde der höchste je gemessene Donau-Wasserstand erwartet. Die Deiche seien darauf nicht ausgelegt.

Mehrere Ortschaften mit etwa 6000 Menschen wurden bereits geräumt. Evakuierungen gab es auch im niederbayerischen Straubing.

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