Forschung

Frauenherzen schlagen anders

Alles fing an, als Anita Arndt eines Tages in der Arbeit schwindelig, schlecht und schwarz vor Augen wurde. Das muss der Stress sein, dachte die damals 52 Jahre alte Berlinerin, der Job als Friseurin, die Pflege der kranken Eltern, der Haushalt. Oft aß sie den ganzen Tag nicht, Pausen gönnte sie sich nur, um zu rauchen. Noch am gleichen Tag nahm Anita Arndt ihre Arbeit wieder auf. Dass sie gerade einen Herzinfarkt erlitten hatte, der tödlich hätte enden können, hätte sie niemals gedacht.

Ein paar Tage später schmerzt ihr Unterkiefer, sie leidet an Verspannungen im linken Oberarm und zwischen den Schulterblättern. Ihr Internist bestätigt ihr die Beschwerden als Stresssymptome, schreibt sie krank. Ein EKG macht der Arzt nicht, misst keinen Blutdruck. Erst als Anita Arndt Wochen später kaum mehr laufen kann und ihre Apothekerin einen Blutdruck von 190 zu 120 misst, wird sie von einer Kardiologin ins Krankenhaus überwiesen. Als die Ärzte den Herzinfarkt behandeln, erfährt sie, dass sie bereits seit zwei Monaten damit lebt. Dass sie ihn überlebt hat, war Glück. „Ich war total fertig nach der Diagnose“, sagt Anita Arndt heute, sieben Jahre später. „Ich hatte ständig Todesangst, ich wollte mich nicht mal mehr ins Bett legen, weil ich immer Panik hatte, am nächsten Morgen nicht mehr aufzuwachen.“

Wäre Anita Arndt ein Mann, hätten die Ärzte ihre Symptome vermutlich früher erkannt. Der Herzinfarkt gilt als typisch männliche Todesursache, auch weil die Östrogene Frauen bis zu den Wechseljahren davor beschützen. Die weiblichen Geschlechtshormone erweitern die Blutgefäße, senken den Blutdruck und regulieren den Cholesterinspiegel. Nach der Menopause geht die Produktion zurück, das Risiko steigt. Deshalb erleiden Frauen einen Herzinfarkt durchschnittlich zehn bis 15 Jahre später als Männer.

Anzeichen, die auf einen Infarkt bei einem Mann hindeuten, sind sowohl Medizinern als auch Laien bekannt: Schmerzen und Verengungen in der Brust, im linken Arm, Atemnot. Frauen leiden dagegen an Symptomen, die nicht unbedingt direkt an einen Herzinfarkt denken lassen. Schmerzen in Hals oder Kiefer, Brust oder Rücken, so wie Anita Arndt sie hatte, starke Übelkeit und ein Schwächegefühl stufen Ärzte oft nicht als lebensbedrohlich ein. Dabei überleben durchschnittlich nur 56 Prozent der Frauen ihren ersten Infarkt, bei den Männern sind es 64 Prozent. Das liegt auch daran, dass Symptome oft nicht erkannt und zu spät behandelt werden. Vor allem jüngere Frauen haben ein höheres Risiko, am ersten Infarkt zu sterben.

„Äußerst schlechte Datenlage“

Wie kann es sein, dass Ärzte oft blind für geschlechtsspezifische Symptome sind? „Wir wissen seit 20 Jahren, dass die Symptome beim Herzinfarkt unterschiedlich sind oder wahrgenommen werden, aber bisher wurde es in der Forschung nicht für nötig befunden, diese Unterschiede und ihre Mechanismen genauer zu untersuchen“, sagt Vera Regitz-Zagrosek. Die Kardiologin arbeitet diesen Nachholbedarf systematisch auf und leitet das einzige deutsche Institut für Geschlechterforschung in der Medizin, das es seit 2003 an der Berliner Charité gibt. „Wir haben bei Krankheiten, die vor allem Frauen betreffen, häufig eine äußerst schlechte Datenlage“, bemängelt die Professorin. Informationen kämen vor allem aus der US-Forschung.

Im Zuge der Frauenbewegung in den 70er-Jahren kam das Wort Frauengesundheit erstmals auf, Forderungen nach mehr Ärztinnen wurden laut. Gendermedizin etablierte sich zuerst in den 90ern in den USA und Skandinavien. Regitz-Zagrosek untersucht mit ihren Mitarbeitern grundlegende Unterschiede zwischen Frauen und Männern und bringt sie in die klinische Praxis in Deutschland und Europa. Denn nicht nur Symptome sind geschlechtsabhängig, auch Medikamente wirken bei Frauen oft anders als bei Männern, Nebenwirkungen treten bei Patientinnen öfter und stärker auf.

Rätselhaft bleibt, warum die Geschlechtsunterschiede sowohl in der Bevölkerung als auch bei Medizinern bisher weitgehend unbekannt sind. Das Problem scheint die Abwesenheit von Frauen in leitenden Positionen zu sein, sowohl in der Forschung als auch in der Praxis. Frauen fehlen zudem auch als Forschungsgegenstand. Das fängt schon im Tierversuch an. „In der Kardiologie werden Daten zu neuen Arzneimitteln zu 90 Prozent an männlichen Tieren erhoben“, sagt Gendermedizinerin Regitz-Zagrosek. „Seitdem wir an unserem Institut systematisch die Reaktionen des Körpers auf einen Herzinfarkt von männlichen und weiblichen Mäusen untersuchen, sehen wir, dass die beiden sich erheblich unterscheiden.“

Im Team der Professorin arbeitet auch Sandra Kunze. Die 24-Jährige sucht für ihre Doktorarbeit nach geschlechtsspezifischen Unterschieden bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen von Mäusen. „Die Medizin basiert bisher fast ausschließlich auf der männlichen Form der Erkrankung“, sagt die Wissenschaftlerin. Das habe praktische Gründe. „Repräsentative Studienergebnisse lassen sich einfacher und kostengünstiger erzielen, wenn man Geschlechterunterschiede außen vor lässt.“ Männliche Tiere unterliegen keinem Zyklus und keinen Hormonschwankungen und sind deshalb einfacher zu untersuchen. Aber selbst einem Laien muss es unlogisch vorkommen, im Tierversuch den weiblichen Zyklus auszuklammern, schließlich haben die Menschen ja auch einen. Trotzdem wird es gemacht.

Am männlichen Körper schneller

Allein die Stressforschung ist eine der wenigen Ausnahmen, in denen die Versuche vor allem an weiblichen Tieren vorgenommen werden. „Als ich einmal eine Stressforscherin gefragt habe, warum sie für ihre Studien nicht auch männliche Tiere nimmt, sagte sie, ‚das geht nicht, die männlichen sterben sofort‘“, sagt Regitz-Zagrosek und schmunzelt. Bei den meisten anderen Tierversuchen würden Untersuchungen am männlichen Körper schneller und eindeutiger Ergebnisse liefern als am weiblichen. Nichts anderes ist es bei den späteren Studien an menschlichen Probanden. Zudem hat der Contergan-Skandal in den 60er-Jahren dazu geführt, dass neue Arzneimittel in frühen klinischen Studien nicht an Frauen getestet werden. Damals hat der Wirkstoff Thalidomid bei vielen Ungeborenen Missbildungen ausgelöst.

Männer und Frauen sind häufig anders krank. Von männlichen Probanden auf den weiblichen Patienten zu schließen ist ein gefährlicher Trugschluss. „Der männliche und der weibliche Organismus unterscheiden sich nicht nur durch die Sexualorgane, auch der Stoffwechsel, Hormone, Psyche und Lebensbedingungen und die Verarbeitung von Umwelteinflüssen sind anders“, sagt Gendermedizinerin Regitz-Zagrosek. Das betrifft vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Die Statistiken zeigen einen Trend, der für Frauen beunruhigend ist: Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache in Deutschland. 2011 waren von den 342.233 Menschen, die an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung starben, 145.555 Männer und 196.678 Frauen. Während Männer inzwischen seltener daran sterben, steigt die Zahl der weiblichen Todesfälle im Alter an. Doch einer Forsa-Umfrage vom November 2011 zufolge ist das Bewusstsein für die Gefahr dieser Erkrankungen gering: 69 Prozent der befragten Frauen wissen nicht, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Haupttodesursache deutscher Frauen darstellen – 62 Prozent vermuten Krebs als häufigsten Todesgrund. Auf die Frage, vor welcher Krankheit zu sterben sie Angst haben, antworten Frauen meistens: an Brustkrebs. Kürzlich hat Hollywood-Star Angelina Jolie für enorme mediale Aufmerksamkeit gesorgt, weil sie sich aus Angst vor Brustkrebs die Brüste amputieren ließ. Tatsächlich sterben aber viel mehr Frauen am Herzinfarkt als an Krebs.

Um gegen diese Fehlinformation in der Bevölkerung vorzugehen, führt Institutsleiterin Regitz-Zagrosek unterstützt durch die Initiative „Hör auf dein Herz“ derzeit eine Studie an 1000 Berliner Frauen durch. Sie soll die Selbsteinschätzung des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen im Ballungsraum Berlin ermitteln und die Bereitschaft zur Prävention wecken. „Das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird von Frauen dramatisch unterschätzt“, sagt die Medizinerin. Männer seien da meist realistischer. Die Studie könnte zudem aufdecken, ob eine überwiegend sitzende Lebensweise sich bei Frauen schlimmer auf die Gesundheit auswirke als bei Männern. Das ist jedenfalls die Vermutung.

Dass in einem modernen, fortschrittlichen Land wie Deutschland Geschlechterunterschiede von Mann und Frau bei häufigen Erkrankungen vernachlässigt werden, erstaunt. „Man ist mit dem Ansatz, dass eine Behandlung und ein Medikament für alle gut ist, in der Kardiologie sehr weit gekommen. Es gibt immer mehr Möglichkeiten für Herzbehandlungen durch Kunstherzen und Transplantationen. Dass vor allem Männer von den Therapien profitieren, interessiert nicht so sehr, weil sie ja auch früher betroffen sind“, sagt sie. Bemerkenswert: Statistisch gesehen würden Notärzte, von denen ebenfalls die Mehrheit männlich ist, Frauen kürzer reanimieren als Männer. Regitz-Zagrosek vermutet, dass Männer sich unterbewusst bei Frauen mehr zurückhalten, wenn es um heftiges Einwirken auf den Körper geht. Erwiesen sei das aber nicht; auch hier fehlten eindeutige Studien.

Aber auch in der Forschung sei die Abwesenheit von Frauen ein großes Problem. Rund 80 Prozent der Kardiologen seien Männer. Auf Lehrstühlen und Chefarztsesseln, in Kommissionen und Vorständen könne man die Frauen an einer Hand abzählen. „Männliche Ärzte haben männliche Erkrankungen eher im Blick als weibliche“, sagt Regitz-Zagrosek. Das Fach sei männlich dominiert, da habe man die Frauen einfach vergessen. Deshalb setzt sich die Professorin für eine Frauenquote ein. Sie unterstützt die Initiative „Pro Quote in der Medizin“, die 40 Prozent Frauen in leitenden Positionen in der Medizin fordert.

Männer müssten aber nicht fürchten, dass sie künftig die zweite Rolle spielen müssen. „Es geht nicht darum, einseitig Frauen zu bevorzugen“, sagt die Institutsleiterin für Genderforschung. Es gehe darum, dass die moderne Medizin beiden Geschlechtern gleichmäßig gerecht werde. Und davon profitieren Männer und Frauen.