Mordanschlag in London

Der Terror der „einsamen Wölfe“

Die Gräueltat hatte einen islamistischen Hintergrund. Die Täter waren aber offenbar keine organisierten Terroristen

Er passt so gar nicht in das Schema eines islamistischen Terroristen, wie es internationale Sicherheitsdienste häufig zeichnen: Der Mann auf dem Video vom Ort der Bluttat trägt Jeans und Wollmütze. Er spricht fließend Englisch mit Londoner Akzent, hat eine ordentliche Schulbildung. Er ist dunkelhäutig und bartlos. Einen Tag nach dem mutmaßlichen Terrormord an einem Soldaten im Londoner Stadtteil Woolwich tun sich die britischen Behörden schwer mit der Einordnung der Täter – und damit auch mit der Bewertung des künftigen Sicherheitsrisikos.

Erste Ermittlungen nach dem brutalen Mord an einem nicht uniformierten britischen Soldaten am Mittwochnachmittag haben die Identität der beiden Täter ans Licht gebracht: Genaueres wird am Donnerstag über den Mann mit der Mütze bekannt. Er heißt Michael Adebolajo und ist ein Brite nigerianischer Herkunft. Beide Männer sind offenbar vom Christentum zum Islam konvertiert. Anjem Choudary, einer der angesehensten islamischen Geistlichen in Großbritannien, kannte einen der Täter offenbar flüchtig. Seine Freunde hätten ihn „Mujahid“ gerufen, Krieger, erinnerte er sich. „Er war bei ein paar unserer Demonstrationen und anderen Veranstaltungen dabei, die wir früher organisiert haben“, sagte Choudary. Seit etwa zwei Jahren habe er ihn allerdings nicht mehr gesehen. „Als ich ihn kannte, war er ein netter Mann – er war friedlich, bescheiden, und es gab keinen Grund zu vermuten, dass er Gewalt anwenden würde“, sagte der Geistliche.

Verdächtige der Polizei bekannt

Ohne zu widersprechen, griff Premierminister David Cameron am Donnerstag vor der Downing Street in einer längeren Erklärung Medienberichte auf, denen zufolge die beiden Tatverdächtigen der Polizei bekannt gewesen sein müssen. Die Öffentlichkeit werde „Fragen haben, die beantwortet werden müssen“, fügte er ominös hinzu. Diese Information wird auch dadurch erhärtet, dass die Fahnder gestern an mehreren Orten in London, Essex und Lincolnshire gezielt Wohnungen durchsuchten, an denen sich Adebolajo in den vergangenen Jahren aufgehalten hatte. Die beiden Täter liegen derweil unter strenger Bewachung in Londoner Krankenhäusern. Einer soll bei dem Schusswechsel, der ihrer Verhaftung vorausging, schwer verletzt worden sein, der andere nur leicht.

Das Verbrechen am helllichten Tag am späten Mittwochnachmittag in Londons südwestlichem Stadtteil Woolwich hat London und die Gesellschaft insgesamt tief erschüttert. Die Umstände der Tat übersteigen alles, was bisher an Gräueln aus dem weltweiten islamistischen Umfeld bekannt geworden ist. Kurz nach 14 Uhr hatten zwei Farbige ihren Personenwagen auf den Bürgersteig der viel befahrenen Wilson Street gelenkt, einem Teil der Südtangente des innerstädtischen Londoner Durchgangsverkehrs, um einen Passanten zu Fall zu bringen. Daraufhin sprangen sie aus ihrem Auto und begannen, wie wild auf den am Boden liegenden Mann einzustechen und ihn mit ihren Waffen, darunter ein Hackbeil wie in Fleischereien üblich, buchstäblich abzuschlachten, begleitet von „Allahu akbar“-Rufen – „Allah ist größer“. Vorbeigehende, die erst der Szene ansichtig wurden, als sich die beiden Gestalten über ihr Opfer beugten, glaubten zunächst, dort werde ein im Verkehr Verletzter mit erster Hilfe versorgt. Es dauerte aber nicht lange, bis sich die Dimension der Tat in ihrer ganzen Scheußlichkeit herausstellte – spätestens in dem Moment, als die Männer ihr Opfer auf die Mitte der Straße zerrten, was eine breite Blutspur hinterließ. Der Ermordete trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Help for Heroes“, dem Namen einer wohltätigen Organisation, die sich um in Afghanistan und im Irak verwundete Militärs kümmert.

Für erhöhte Publicity sorgten die beiden Verbrecher selber, da sie keine Anstalten zeigten, den Ort der Tat zu verlassen. Vielmehr forderten sie die in einigem Abstand Zuschauenden aufgeregt auf, sie zu fotografieren. Gleichzeitig erging sich der inzwischen als Adebolajo Identifizierte in politischer Propaganda, wobei er wild mit seinen blutverschmierten Händen gestikulierte, in der einen noch immer das Hackbeil. Aus einem Bus, der gerade zum Halten kam, nahm ein Passagier den Mann in seinem Redefluss auf – eine Filmsequenz, die inzwischen im Internet zu trauriger Berühmtheit gelangt ist.

„Wir müssen sie bekämpfen, wie sie uns bekämpfen“, schrie er dem ihn filmenden Mann entgegen, als begrüßte er den ersten Schritt zur globalen Bekanntmachung seiner Tat. „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Dann trug er eine makabre Entschuldigung vor: „Es tut mir leid, dass auch Frauen heute mit zu Zeugen wurden; aber in unserem Land müssen unsere Frauen solches ebenfalls mit ansehen. Ihr Leute werdet niemals sicher sein. Beseitigt eure Regierung, sie kümmert sich nicht um euch.“

Es dauerte dann quälende 15 Minuten, bis bewaffnete Einheiten vom Terrordezernat von Scotland Yard eintrafen und schließlich durch gezielte Schüsse die Täter niederstreckten. Beide waren mit Schusswaffen in der Hand auf den Polizeiwagen zugelaufen, woraus sich dann das Feuergefecht entwickelte. In einer nahe gelegenen Schule wurden derweil alle Eingänge verbarrikadiert und den Kindern befohlen, sich auf den Boden zu legen.

In der Viertelstunde vor Eintreffen der Spezialeinheit der Polizei war eine Frau und Mutter, die ihre zwei Kinder am Victoria-Bahnhof treffen wollte, am Tatort vorbeigekommen und rang sich zu einen kaltblütigen Schritt durch: Sie ging zu den beiden blutverschmierten Attentätern, die mit Messer und Hackbeil bewaffnet nicht gerade einladend aussahen, und verwickelte sie nacheinander in Gespräche, offenbar in der Absicht, sie zu beruhigen und von weiteren Taten abzuhalten. Ingrid Loyau-Kennett, so der Name der Frau, war in ihrer Jugend Anführerin der Cub Scouts gewesen, des Mädchenarms der Boy Scouts, und war offenbar geübt in ruhiger Abschätzung von Krisenlagen.

Mutige Passantin

„Was wollt ihr?“, fragte sie den wilder auftretenden Adebolajo. „Krieg führen in London“, so dessen Antwort. Darauf die Frau: „Ihr werdet verlieren. Es seid nur zu zweit gegen viele.“ In einem Gespräch mit dem „Guardian“ ergänzte Loyau-Kennett später, sie habe sich nicht gefürchtet, da der erste Mann, mit dem sie sprach, nicht betrunken gewesen sei oder unter Drogeneinfluss gestanden habe. Premier Cameron pries die Frau in seinem Statement vor der Downing Street ob ihres Mutes und sagte, ihren Dialog zitierend: „Sie sprach für uns alle.“ Er ergriff in seiner Ansprache sogleich die Gelegenheit, das Zusammenstehen der britischen Gesellschaft angesichts dieser Untat zu betonen. „Jede Gemeinschaft in unserem Land teilt diese Ansicht“, sagte er. „Dies war nicht einfach nur ein Angriff auf Großbritannien und den britischen Way of Life, es war auch ein Verrat am Islam und an allen Muslimen, die so viel unserem Land zu geben haben. Nichts im Islam rechtfertigt eine solche wahrhaft grässliche Tat. Deren Ursache liegt allein und ohne Abstriche bei den widerlichen Individuen, die diese erschreckende Attacke verübt haben.“

In ähnlicher Weise äußerten sich auch Londons Bürgermeister Boris Johnson sowie die Leitung von Scotland Yard. Der Versuch war offensichtlich, durch dieses Ereignis nicht neues Gift in die Beziehungen zwischen der muslimischen Minderheit und der übrigen Gesellschaft eindringen zu lassen. Der Mord an dem Soldaten ist seit dem Juli 2005 das erste fundamentalistische Attentat auf britischem Boden. Damals waren 52 Menschen bei mehreren Anschlägen im Londoner U-Bahn- und Bus-Netz ums Leben gekommen. Wie ernst die Regierung den jüngsten Vorfall nimmt, zeigte sich daran, dass noch am Mittwochabend der Cobra genannte Ministerausschuss zur Behandlung von Terrorvorfällen zusammentrat. Inzwischen konzentrieren sich alle Erwartungen auf die Frage, ob es sich bei den Tätern, die man eigentlich kaum mehr als „Verdächtige“ bezeichnen kann, um wahnwitzige Einzelne handelt oder ob doch noch ein Netz von Mitwissern und Komplizen aufzudecken sein wird.