Karstadt

„Es ist wichtiger, eine Art Berufung zu verspüren“

Weltläufig ist ein Prädikat, das vielen inflationär anhaftet. Wenn es auf jemanden zutrifft, dann auf Nicolas Berggruen.

Seit 2010, als er Karstadt übernahm, erfuhren die Deutschen staunend allerlei Exotisches. Berggruen hat keinen festen Wohnsitz, dafür einen Privatjet vom Typ Gulfstream, mit dem er von Kontinent zu Kontinent düst und dort in teuren Hotels übernachtet: in Berlin in aller Regel im „Regent“ nahe dem Gendarmenmarkt. Derzeit ist er weniger als Karstadt-Besitzer unterwegs als als Buchautor.

Berggruen, Sohn des Kunstsammlers Heinz Berggruen, ist ein reicher Mann mit vielen Interessen. Sein Vermögen soll rund zwei Milliarden Dollar betragen. Karstadt ist nur ein kleiner Teil. Gebündelt sind seine Geschäfte in der Berggruen Holdings. Die erwirbt Unternehmen, saniert sie und erfreut sich an ihrem Gewinn – oder sie verkauft die Firmen mit Gewinn weiter. Ex-SPD-Chef Franz Müntefering hat dafür den Schmähbegriff Heuschrecke gebraucht. Es ist ein Geschäftsmodell mit dem man in Deutschland, wo in der öffentlichen Wahrnehmung eine Firma am besten mehrere Generationen in Familienbesitz sein sollte, so seine Probleme hat.

Die Berggruen Holdings besitzt neben Karstadt Windparks, die Mediengruppe um Spaniens wichtigste Zeitung „El Pais“ sowie Immobilien, Immobilien, Immobilien. Auf der ganzen Welt, mittlerweile auch richtig viele in Berlin. Hier gehören Berggruen unter anderem das Café Moskau an der Karl-Marx-Allee, die Lichtfabrik an der Kohlfurter Straße in Kreuzberg und seit 2012 die Gebäude der ehemaligen Knorr-Bremse nahe dem Ostkreuz.

Berggruen, der Welterklärer

Viel mehr rückte zuletzt ein anderer Nicolas Berggruen in den Fokus: der Welterklärer, der Erneuerer des Westens. Gemeinsam mit dem US-Publizisten Nathan Gardels schrieb er ein Buch, das ziemlich viel will: besseres Regierungshandeln in westlichen Demokratien mit ihren überschuldeten Haushalten. Unter dem Titel „Klug regieren – Politik für das 21. Jahrhundert“ erscheint es Anfang Juni auf Deutsch mit einem Vorwort von Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD). Derzeit ist Berggruen auf Werbetour für sein Buch, das auf Englisch und Spanisch bereits erschienen ist. „Geld ist nur totes Kapital, solange man nichts daraus macht. Tatsächlich ist es wichtiger, eine Art Berufung zu verspüren und auch genügend Engagement aufzubringen“, sagte er dem „Handelsblatt“ in einem Interview zu seinem Buch.

Seine Mission geht er planvoll an. Kurz bevor er in Deutschland mit seinem Karstadt-Geschäft bekannt wurde, gründete er das Berggruen Institute, das neue zeitgemäße Regierungsformen für das 21. Jahrhundert finden soll. In den Beiräten und Gremien des Instituts finden sich honorige Menschen: Ex-Regierungschefs und ehemalige Präsidenten wie Gerhard Schröder, Gordon Brown und Nicolas Sarkozy, dazu Unternehmer wie der langjährige Google-Chef Eric Schmidt, die Erfinder von Twitter und Ebay, Jack Dorsey und Pierre Omidyar, und Wirtschaftsnobelpreisträger wie Joseph Stiglitz und Michael Spence.

In einem Beitrag, nachzulesen auf der Homepage seines Instituts, konstatiert Berggruen eine grundlegende Machtverschiebung in der Welt. „Wir alle müssen unsere Gesellschaftssysteme neuen Realitäten anpassen“, schreibt Berggruen. Für den 28. Mai hat Berggruens Institut ein sogenanntes Town Hall Meeting in Paris organisiert. Dort wollen Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und ihr französischer Amtskollege ein großes Programm ankündigen, mit dem die Jugendarbeitslosigkeit in Europa bekämpft werden soll. Karstadt und seine Probleme sind angesichts dessen wohl eine Nummer zu klein.