Karstadt

Der entzauberte Milliardär

Die Zukunft des Einzelhandels kann Nicolas Berggruen bald im eigenen Haus studieren. Dort richtet sich gerade ein Unternehmen ein, das rasant wächst, von vielen bewundert wird und der Konkurrenz das Fürchten lehrt. Dass obendrein gut mit Kapital gepolstert ist und für viele die Zukunft des Einzelhandels darstellt. Zalando ist ein Handelsunternehmen, das so ziemlich alles hat, woran es Karstadt fehlt.

Gut für Investor Berggruen, dass er nicht nur Besitzer der traditionsreich-maroden deutschen Kaufhauskette ist. Berggruen nennt auch die Gemäuer des ehemaligen Stammwerks von Knorr-Bremse in Friedrichshain sein eigen. Dort ziehen gerade 1000 Mitarbeiter des Modeversenders Zalando ein. Immerhin kassiert Berggruen Miete von dem aufstrebenden Berliner Online-Unternehmen, das den Takt im deutschen Einzelhandel vorgibt.

Karstadt ist das Taktgefühl schon vor Jahren abhanden gekommen. Auch unter Berggruen und der Führung seines Vorstandschefs Andrew Jennings taumelt das Unternehmen. Zuletzt wieder bedenklich heftig. Damit ist Berggruen, der am 21. Mai 2010 eine Offerte für Karstadt vorlegte, und die Warenhäuser im darauf folgenden September übernahm, komplett entzaubert. Das Experiment Karstadt/Berggruen tritt nun in eine interessante Phase. Fragen drängen sich auf. Wie lange erträgt das zersauste Traditionsunternehmen noch seinen exzentrischen Eigentümer in Zeiten epochalen Wandels im Einzelhandel durch das Internet? Wie lange will sich Berggruen das noch antun? Geht es jetzt wieder los wie 2009, als Karstadt Teil des insolventen Handelszombies Arcandor war?

Für Erika Ritter fühlt es sich schon wieder so an. Fast alles dreht sich bei ihr um Karstadt, so wie 2009, als sie Mahnwachen vor Berliner Karstadt-Häusern organisierte. Das ist das Los einer Handelsbeauftragten der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. Vergangene Woche kündigte der Konzern die Tarifbindung. Bis 2015 wird es keine Gehaltserhöhungen geben. Spätestens seitdem ist die Stimmung unter den 20.000 Karstädtern im Land etwa so schlecht wie 2009.

Galoppierender Irrsinn

Schon im vergangenen Jahr startete ein Abbauprogramm. 2000 Stellen wurden gestrichen. Viele Mitarbeiter ängstigen sich, befürchten eine weitere existenzielle Krise. Andere packt die Wut – ein bisschen zumindest. „Die einen Betriebsräte sagte: ,Jetzt müssen wir raus und denen zeigen, was Sache ist.‘ Andere mahnen zur Vorsicht“, sagt Ritter.

So richtig kämpferisch klingt das nicht, eher schon nach Duldungsstarre unter den gut 3000 Berliner Karstadt-Mitarbeitern und den 20.000 in ganz Deutschland. Sie alle verteilen sich auf 86 Warenhäuser, 28 Sporthäuser und in die drei Edelhäuser Oberpollinger in München, Alsterhaus Hamburg und das Prächtigste von allen, das Berliner KaDeWe. In den vergangenen 20 Jahren haben die Mitarbeiter gesehen, wie Tausende Kollegen Karstadt verließen oder verlassen mussten. Sie ertrugen die Visionen eines Chefs, der Karstadt mit Quelle und Hertie zusammenspannte (Walter Deuss). Sie schüttelten den Kopf über seinen Nachfolger, der Beteiligungen an einem Sportfernsehsender erwarb und sich mit dem Kaffee-Giganten Starbucks einließ (Wolfgang Urban).

Sie erlebten schließlich, dass der Irrsinn an der Unternehmensspitze noch viel rasanter galoppieren konnte, als Thomas Middelhoff ans Ruder kam. Der verscherbelte Karstadts Schatz: Immobilien, oft in feinster Innenstadtlage. Ansonsten wurde Middelhoff mit der Einführung von Kunstnamen („Arcandor“, „Primondo“) verhaltensauffällig und verstörte mit der Ankündigung, wonach das KaDeWe bis zu 20 Ableger weltweit bekommen sollte. Als er 2009 vom Hof gejagt wurde, hinterließ er seinem Nachfolger die Aufgabe, den Insolvenzrichter aufzusuchen.

Gemessen an dieser Ahnenreihe ist Andrew Jennings, den Berggruen an die Karstadt-Spitze entsandte, ein weiser Herrscher, eine Ausgeburt kaufmännischer Vernunft. Er nahm sich wie kein anderer zuvor des Sortiments an, hängte neue Modemarken auf die Kleiderstangen. Einerseits. Andererseits machte Karstadt seine neue Markenwelt nur sehr verhalten den Käufer mit Werbung bekannt. Und in der Essener Zentrale gilt der weltläufige Brite als wandelnder Kulturschock, wie berichtet wird.

Jennings, heißt es, umgibt sich mit global erfahrenen Manager-Assen, deren Muttersprache nicht deutsch ist. Es hält eine Führungsriege Einzug, die eher wenig Verständnis für die Welt von Ver.di-Frau Erika Ritter aufbringt. Jenem Universum, in dem es um die Ladenschlussgesetzgebung der Bundesländer geht, um Tarifverträge und ihre Laufzeiten und um Provinzstadt-Bürgermeister, denen der Karstadt in der Stadtmitte Anker und Ausgang jeder Stadtentwicklung ist.

Berggruens Führungstruppe und das alte Karstadt stehen sich auch nach bald drei Jahren auf zwei Seiten eines breiten Grabens kultureller Differenzen gegenüber. Manch einer stürzt sogar hinein. Ursula Vierkötter zum Beispiel, bis Anfang des Jahres die Verkörperung der selbstbewussten Chefin des KaDeWe. Angeblich hat sie gern vernehmbar widersprochen und musste deswegen gehen. Aber so etwas kommt in Unternehmen dieser Größenordnung eben vor. Viel übler stößt den Karstädtern etwas anderes auf. Sie verübeln Berggruen, dass er Erwartungen schürte, die nicht im Ansatz gehalten wurden.

Am 3. September 2010, jenem Tag, als er den Zuschlag für Karstadt erhielt, stand Berggruen im sechsten Stock des Karstadt-Hauses am Kurfürstendamm. Vor ihm waren Mikrofone und Kameras aufgebaut, um ihn herum standen Leute wie Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), führende Ver.di-Funktionäre, Kaufhaus-Manager. Alle hatten Sektgläser in der Hand. Von der Seite und von hinten reckten Mitarbeiter die Hälse. Sie waren gelöst und voller Freude, gierten nach Berggruens Worten. Der Investor enttäuschte sie nicht. Berggruen sagte Sätze voller Demut wie: „Jetzt sehe ich mich als Arbeiter für Karstadt.“ Er mahnte: „Es ist nur ein Anfang.“ Berggruen, der gute reiche Onkel aus Amerika.

Nun zeigt sich, dass die Hand des reichen Onkels schützend auf den tiefen Taschen liegt. Am selben Tag, als die Karstadt-Betriebsräte vergangene Woche von der Unternehmensführung über das Ende der Tarifbindung informiert werden, wird ihnen auch noch einmal bestätigt: Nein, Nicolas Berggruen werde kein eigenes Geld in Karstadt stecken.

Investitionen, das sagen sie bei Karstadt gern, müssen aus dem Cash-Flow finanziert werden. Vereinfacht gesagt durch das, was an Geld ständig reinkommt und verfügbar ist. Das ist nicht ganz so schlimm, als wenn man Griechenland sagte, es müsse jetzt seinen Unterhalt ausschließlich mit seinen mickrigen Steuereinnahmen bestreiten. Aber bei den Karstadt-Geschäften kommt weniger herum, als es Berggruen und Jennings einmal geplant haben. Vorvergangenes Jahr machte das Unternehmen knapp 21 Millionen Euro Verlust. Seitdem soll es nicht besser gelaufen sein, eher im Gegenteil. Also bleibt auch weniger Cashflow, um die Filialen vom altertümlichen Mief zu befreien. Der Umsatz sollte einem Strategiepapier zufolge 2015 die 3,5-Milliarden-Euro-Marke durchbrechen – nach oben. Wahrscheinlich müssen sie bei Karstadt froh sein, wenn der Umsatz nicht unter die Drei-Milliarden-Grenze fällt. „Viele Warenhausleiter von Karstadt sind schwer verunsichert“, sagt ein Handelsexperte.

Was will Berggruen mit Karstadt? Mit dieser Frage martern sich viele seit dem Einstieg des Milliardärs. Bekommen hat er die Kette für einen symbolischen Euro. Er half mit Darlehen über 65 Millionen Euro aus. Zahlte fünf Millionen für die Namensrechte, für die er einem Fernsehbericht zufolge aber schon rund neun Millionen Euro eingenommen hat. Berggruen hat finanziell wenig riskiert. Schon der Verkauf seiner drei Edelhäuser KaDeWe, Oberpollinger und Alsterhaus würde eine heftige Rendite bringen. Oder will er doch noch mal einen Anlauf Richtung Kaufhof unternehmen?

Der ewige Fusionsplan

Seit Jahren nistet in den Köpfen von Handelsmanagern die Idee einer Deutschen Warenhaus AG, die Karstadt und den Konkurrenten Kaufhof zusammenführt. Berggruen hatte vor anderthalb Jahren schon einmal sondiert – erfolglos. Die Fusion zerschlug sich bisher immer wieder. Es geht um komplizierte Verstrickungen: Kartellrecht, Immobilien – Kaufhof besitzt seine Häuser, Karstadt ist stets Mieter. Dazu kommt noch die ganze Unsicherheit im Einzelhandel der Analogwelt mit seinen Ladenflächen. Rund 430 Milliarden Euro werden die Händler in diesem Jahr umsetzen, 33 Milliarden Euro davon der Online-Handel. Doch dessen Anteil wächst.

„Ich habe jetzt eine aufregende Zukunft“, sagte Nicolas Berggruen am 3. September 2010, als er Karstadt übernahm. Aufregend mag die Entwicklung seines Mieters Zalando sein. Bei Karstadt bleibt vor allem Frust.