Prozess

Jonny K. – kein Fall wie jeder andere

Der Schwurgerichtssaal 500 im Landgericht Moabit ist schon vor Jahren zu einem Hochsicherheitstrakt umgebaut worden: Anstelle einer herkömmlichen Anklagebank gibt es an den Wänden beider Längsseiten zwei große Kabinen aus schusssicherem Glas. Hier haben schon hochgefährliche Terroristen und Schwerstkriminelle gesessen. An diesem Montag müssen dort erstmals die sechs jungen Männer Platz nehmen, die im Oktober vergangenen Jahres am Alexanderplatz in Mitte in einer beispiellosen Gewaltorgie den 20-jährigen JonnyK. zu Tode geprügelt haben sollen. Wer in der Verhandlung wo sitzt, ist für die Angeklagten durchaus von Bedeutung: Denn davon hängt ab, wer hinter den als Nebenkläger anwesenden Angehörigen des Opfers Platz nehmen darf und wer ihnen direkt gegenübersitzt. Und ihnen in die Augen schauen muss, an mindestens zehn Verhandlungstagen.

Es ist nicht einfach darzustellen, was in den frühen Morgenstunden des 14.Oktober am Alexanderplatz geschah. Und in welcher Weise die einzelnen Angeklagten an dem Geschehen beteiligt waren. Auslöser des Dramas mit tödlichem Ausgang war nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft der Angeklagte OnurU., 19. Der Deutsch-Türke soll völlig grundlos auf zwei junge Männer aus der Gruppe losgegangen sein, mit der JonnyK. unterwegs war. Dieser wollte schlichten und soll daraufhin zunächst von OnurU. und dem Mitangeklagten BilalK., in der Folge dann auch von zwei weiteren Angeklagten, mit Schlägen und Tritten traktiert worden sein.

Nachdem JonnyK. zu Boden gegangen und mit dem Hinterkopf auf das Pflaster aufgeschlagen war, soll BilalK. ihm noch einen Tritt gegen den Kopf versetzt haben. JonnyK. erlitt Hirnblutungen, an denen er einen Tag später starb, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Auch ein Begleiter von JonnyK., der dem am Boden Liegenden zu Hilfe eilte, soll von OnurU., BilalK. und zwei weiteren Angeklagten mit Schlägen und Tritten attackiert worden sein. Auch auf ihn sollen die Angeklagten noch eingetreten haben, als er bereits am Boden lag. Er erlitt unter anderem einen Jochbeinbruch sowie einen Bruch des Augenhöhlenbogens und der linken Handwurzel.

Engagierte Schwester

Ein solcher von den Ermittlern rekonstruierter Tatablauf klingt stets etwas holperig – das ist jedoch unvermeidlich. Noch handelt es sich nur um Vorwürfe, auch für die Angeklagten im Fall JonnyK. gilt bis zu einer Verurteilung die Unschuldsvermutung. Es besteht allerdings Hoffnung, dass in dem Prozess relativ schnell Klarheit über das Geschehen vom 14.Oktober 2012 geschaffen wird. Wie es aus Justizkreisen hieß, werden sich wohl alle sechs Angeklagten detailliert zu der Tat und ihrer jeweiligen Beteiligung äußern, sowohl durch mündliche Aussagen als auch durch vorbereitete Erklärungen. Zudem haben offenbar die meisten Angeklagten zumindest Teilgeständnisse abgelegt.

Was am Fall Jonny K. auffällt, ist, dass er deutlich aus dem üblichen medialen Schema herausbricht. Abscheuliche Gewaltverbrechen beherrschen in der Regel nur zwei Mal die Schlagzeilen: Wenn sie begangen werden und wenn die Täter vor Gericht stehen. So könnte es etwa in dem Fall der 17-Jährigen laufen, die am Sonnabend ebenfalls am Alexanderplatz von zwei jungen Frauen krankenhausreif geprügelt wurde – ganz in der Nähe des Ortes, an dem JonnyK. Opfer der tödlichen Gewaltattacke wurde. Der Fall des getöteten 20-Jährigen ist nun aber schon seit sieben Monaten präsent, in den Medien und in der Öffentlichkeit.

Zunächst war es die ungeheure Brutalität der Tat, die die Menschen weit über Berlin hinaus bewegte. Dann folgte das monatelange Tauziehen zwischen deutschen und türkischen Justizbehörden. Denn vier der sechs Angeklagten hatten sich direkt nach der Tat in die Türkei abgesetzt. Zwei kehrten schnell zurück, ein Dritter stellte sich im Februar und der letzte noch Flüchtige OnurU. vor drei Wochen.

Auch die Anklage selbst löste heftige Diskussionen aus. Körperverletzung mit Todesfolge, gefährliche Körperverletzung und Beteiligung an einer Schlägerei lauten die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. Dass ein Mensch zu Tode geschlagen und getreten wurde und sich keiner der mutmaßlichen Täter wegen Mordes oder zumindest wegen Totschlags verantworten muss, stieß in Teilen der Bevölkerung auf völliges Unverständnis. Schon da wurde deutlich: Der Prozess im Fall JonnyK. wird, wie so viele Verfahren davor, niemals alle Erwartungen erfüllen können, ganz gleich, wie er ausgeht.

Die Kluft zwischen dem, was für Recht befunden, und dem, was als gerecht empfunden wird, kann sehr groß sein. Im Fall JonnyK. begründete die Staatsanwalt ihren Verzicht auf eine Anklage wegen Mordes damit, dass den Beschuldigten eine Tötungsabsicht nicht nachzuweisen sei. Zwar reicht es mitunter auch, wenn die Täter den Tod ihres Opfers „billigend in Kauf genommen haben“ – aber die meisten oder gar alle Angeklagten sollen zum Tatzeitpunkt betrunken gewesen sein. In dem Prozess wird es eine der Aufgaben sein, durch einen Sachverständigen feststellen zu lassen, wie weit die sechs Männer in ihrem Zustand die Folgen ihres Handelns erkennen konnten.

Klarheit über das Geschehene – die möchte endlich auch Tina K., die Schwester des Getöteten. Wann immer von den Angehörigen die Rede ist, fällt der Name der 28-Jährigen. Die junge Berlinerin ist seit dem Tod ihres Bruders rastlos im Einsatz und heute überregional bekannt geworden, auch wenn der Grund dafür ein überaus tragischer ist. Getrieben wird sie von zwei Zielsetzungen: die Erinnerung an ihren Bruder zu wahren und sich zugleich gegen Gewalt zu engagieren. TinaK. hat den Verein „I Am Jonny“ gegründet, sie tritt in Fernseh-Talkshows ebenso wie in Podiumsdiskussionen und anderen Veranstaltungen zum Thema Gewalt auf. Dass sie dabei im Rampenlicht steht, erträgt die Frau, die vor einem halben Jahr kaum jemand kannte, erstaunlich souverän. Auch an diesem Montag wird sie zweifellos wieder im Mittelpunkt stehen. TinaK. tritt im Prozess als Nebenklägerin auf. Sie hat angekündigt, an allen Verhandlungstagen anwesend zu sein, bis zur geplanten Urteilsverkündung am 20.Juni.

Vertreten wird sie von dem Berliner Rechtsanwalt Mirko Röder. Der erfahrene Strafrechtler agiert oft als Nebenklagevertreter und pflegt seine Mandanten intensiv auf das vorzubereiten, was sie in einer solchen Verhandlung erwartet. Dass subjektive Vorstellungen von Gerechtigkeit nicht immer erfüllt werden und dass die Begegnung mit den mutmaßlichen Tätern für die Hinterbliebenen eines Opfers oft quälend und kaum erträglich sein kann.

TinaK., so scheint es, wird auch das aushalten. Die junge Frau zeigt eine bemerkenswerte Selbstbeherrschung für jemanden, der einen nahen Angehörigen durch eine unfassbar brutale Tat verloren hat. Dass sie im Vorfeld des Prozesses die damals noch flüchtigen Täter als „Feiglinge“ titulierte, die sich nicht ihrer Verantwortung stellen wollten, war bei ihr schon der deutlichste Ausbruch von Gefühlen. Gemeinhin sagt TinaK., sie wolle, dass die Wahrheit ans Licht kommt und dass die Täter ihre gerechte Strafe erhalten. Es liegt also auch am unerschöpflichen Engagement von TinaK., dass der Tod ihres Bruders, anders als ähnlich gelagerte Fälle in der Vergangenheit, sieben Monate nach der Tat nachhaltig im Bewusstsein der Öffentlichkeit bleibt.

Dass der Fall JonnyK. besonders ist, hat auch die Reaktion in der Berliner Politik gezeigt. Natürlich gab es zu Beginn viele Diskussionen über das Für und Wider von Strafverschärfungen oder die Ausweitung von Videoüberwachungen auf öffentlichen Plätzen. Natürlich wurde auch hier gelegentlich über das Ziel hinausgeschossen. Etwa, als ein Politiker bereits am Tag nach der Tat glaubte, der Justiz mitteilen zu müssen, welche Strafe sie zu verhängen habe. Und das gegen Täter, die zu dem Zeitpunkt noch gar nicht bekannt waren.

Ansonsten zeigte sich das politische Berlin besonnen und verzichtete auf jeden Parteienstreit, zog aber auch umgehend Konsequenzen: Die Polizei installierte unmittelbar nach der Tat auf dem Alexanderplatz eine mobile Wache; eine Maßnahme, die an diesem sattsam bekannten Kriminalitätsbrennpunkt jahrelang vergeblich gefordert worden war. Innensenator Frank Henkel (CDU) nahm den Fall JonnyK. zum Anlass, um eine neue Initiative gegen Gewalt zu starten, die bis heute andauert. Und die Staatsanwaltschaft ließ, unterstützt von Justizsenator Thomas Heilmann (CDU), nicht locker in ihrem Bemühen, auch die in die Türkei geflohenen mutmaßlichen Täter in Berlin zur Verantwortung zu ziehen. Die diplomatischen Kanäle liefen heiß, die Anklagebehörde hüllte sich über die schwierigen Verhandlungen in diskretes Schweigen, es gab offenbar Differenzen über Zuständigkeiten und Staatsbürgerschaften – aber am Ende waren alle Angeklagten wieder in Berlin.

Eine letzte ebenso wesentliche wie brisante Ursache für das besondere Interesse am Fall Jonny K. ergibt sich aus einem ganz anderen Verfahren. Auch wenn die kriminellen und politischen Dimensionen nicht einmal im Ansatz vergleichbar sind, so stellt der Prozess gegen die Schläger vom Alexanderplatz für große Teile der Öffentlichkeit so etwas wie das Gegenstück zum ebenfalls gerade gestarteten Prozess um die Mordserie der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) in München dar. Immer wieder werden Parallelen gezogen – jedoch bleiben in beiden Fällen Besonnenheit und Augenmaß häufig auf der Strecke.

Vorwürfe an die Justiz

Mit Blick auf den NSU-Prozess wird aus interessierten Kreisen der Eindruck erweckt, ganz Deutschland sei ein Tummelplatz mörderischer Nazi-Banden. Im Fall JonnyK. hetzen Rechtsradikale gegen „die kriminellen Ausländer“, derer man sich nun endlich entledigen müsse. In München werden Verschwörungstheorien über die deutschen Sicherheitsbehörden erörtert. In Berlin wurde die Justiz zwischenzeitlich mit dem absurden Vorwurf konfrontiert, die Angeklagten könnten als Ausländer möglicherweise nicht sicher sein, ein faires Verfahren zu erhalten.

Als türkische Politiker beim NSU-Prozess reservierte Plätze für den Botschafter und Parlamentarier forderten, häuften sich in den Kommentarspalten der Online-Ausgaben der Berliner Tageszeitungen die sarkastischen Vorschläge, der Botschafter könne, wenn er in München keinen Platz finde, gerne dem Prozess in Berlin beiwohnen. Pauschalisierungen und Vorverurteilungen feierten hier wie dort fröhliche Urstände. In einer Frage hingegen gab es einen deutlichen Unterschied zwischen beiden Verfahren: Als in Berlin klar wurde, dass das Interesse der Medien und der Öffentlichkeit am Prozess im Fall JonnyK. deutlich größer als erwartet sein könnte, zog die zuständige Strafkammer in einen größeren Saal um.