Staatsbesuch

Vor fünf Jahren: „Ich danke den Bürgern Berlins“

Es ist ein Donnerstag. Der 24. Juli 2008. Rund 215.000 Menschen sind auf die Straße des 17. Juni gekommen, um Barack Obamas einzigen öffentlichen Auftritt in Europa zu sehen. Sie schauen zu ihm hoch, zur Siegessäule. Sie jubeln ihm zu – ohne dass er ein Wort gesagt hat. Es wird 19.22 Uhr, bevor Obama seine Rede beginnt. „Ich danke den Bürgern Berlins. Ich danke dem deutschen Volk“, sagt er. Dann, etwas später: „Völker der Welt, schaut auf Berlin. Menschen Berlins – Menschen der Welt – dies ist unser Augenblick. Dies ist unsere Zeit.“

Um all jene zu widerlegen, die ihm mangelnde außenpolitische Kenntnisse vorwerfen, hat Obama diese Reise angetreten. Jedes Ziel, jedes Bild ist darauf abgestimmt, welche Wirkung es in den Vereinigten Staaten entfalten könnte. Es sind vor allem junge Leute da, Familien mit ihren Kindern, Menschen, die wahrscheinlich nicht einmal dann zum Auftritt eines deutschen Spitzenpolitikers gehen würden, wenn sie dafür drei Monate lang kostenlos tanken dürften. Zu Obama kommt sie, die angeblich für die Politik verloren gegangene Generation.

Im Kanzleramt ist er zuerst: Um 10.57 Uhr fährt der Konvoi vor, und als Obama aus dem weißen Chrysler mit der Nummer O 17 – 458 aussteigt, hat er auf einmal eine Schulklasse aus Dillingen vor sich. Die Elftklässler hatten eigentlich nur das Kanzleramt besuchen wollen. Sie werden flugs zum Empfangskomitee für den Gast umfunktioniert.

Hunderte Menschen und Dutzende Kamerateams erwarten den Senator anschließend vor dem „Hotel Adlon“. Um 12.10 Uhr kommt er durch den Hintereingang. Die Präsidentensuite „Brandenburger Tor“ (für 7600 Euro die Nacht) und die Präsidentensicherheitssuite (für 9600 Euro) bleiben frei: Es wäre unklug gewesen, eine der beiden zu nehmen, weil es mit Sicherheit wieder böse Meldungen gegeben hätte, dass Obama sich schon wie der Präsident gebärde.

Das ist er nun einmal nicht, auch wenn die Auftritte in Berlin denen eines Präsidenten nicht nur ähneln, sondern etwa die letzten Besuche von GeorgeW. Bush bei Weitem übertreffen. Dabei ist Barack Obama ja noch nicht einmal offizieller Kandidat der Demokraten und damit Frank-Walter Steinmeier näher, als es auf den ersten Blick scheint. Der mögliche SPD-Kanzlerkandidat bittet Obama, die Fotografen und Fernsehteams am Nachmittag ins Auswärtige Amt.

Zurück im „Adlon“, empfängt Obama zum ersten Mal einen einheimischen Politiker: Um 15.40 Uhr kommt Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, der extra für den Amerikaner seinen Urlaub unterbrochen hat, ins Hotel, verschwindet in der Bibliothek im ersten Stock. Dann treten der Regierende Bürgermeister und der designierte Kandidat ans Fenster der Bibliothek, um wenigstens von hier einen Blick auf das Brandenburger Tor zu werfen: „Ich glaube, er wäre gern mit mir da rausgegangen“, sagt Wowereit. Sicherheitsbedenken hätten leider dagegen gesprochen. Sie halten Obama aber nicht davon ab, gegen 16.40 Uhr das Hotel noch einmal durch den Hinterausgang zu verlassen. In Jogginghose und grauem T-Shirt fährt er zum Fitnesstraining ins „Ritz-Carlton“.

Als Barack Obama um 20.40 Uhr ins Hotel kommt, sieht er erstmals an diesem Tag erschöpft aus. Das Lächeln ist weg, der Gang nicht ganz so leicht, nicht ganz so aufrecht wie sonst. Dennoch begibt er sich gegen 22 Uhr mit ein paar Mitarbeitern noch ins „Borchardt“ an der Französischen Straße – und sorgt dort für Unruhe unter den Restaurantgästen. Als er nach einer Stunde wieder aufbricht, entschuldigt er sich an den Nachbartischen für die Unannehmlichkeiten. Applaus begleitet ihn aus dem „Borchardt“ hinaus. Zu diesem Zeitpunkt glaubt sein Stab noch, dass er früh ins Bett wolle, um am nächsten Morgen um fünf einen Lauf durch Berlin zu unternehmen. Doch Senator Obama schläft lieber aus.