Interview

„Endlich spielen die Opfer eine aktive Rolle“

Prozess: Heute beginnt in München die Gerichtsverhandlung gegen Beate Zschäpe

Zehn Menschen sollen die drei Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) – Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe – seit 2000 ermordet haben. Böhnhardt und Mundlos sind tot, Beate Zschäpe steht von diesem Montag an in München vor Gericht. 80 Verhandlungstage sind bis zum 16. Januar 2014 angesetzt. Die CDU-Politikerin Barbara John kümmert sich um die Hinterbliebenen der Opfer. John war bis 2003 Ausländerbeauftragte des Berliner Senats und wurde 2012 zur Ombudsfrau der NSU-Opfer ernannt. Mit ihr sprach Florian Kain.

Berliner Morgenpost:

Frau John, der Münchner NSU-Prozess wird nun trotz des Ärgers um die Auslosung der Presseplätze nicht noch einmal verschoben, weil betroffene Medien aus Rücksicht auf die Opfer und die Angehörigen der Opfer zunächst auf Klagen verzichten. Sind Sie erleichtert?

Barbara John:

Selbstverständlich. Ich weiß von vielen Familien der Opfer, wie wichtig es für sie ist, dass der Prozess nach so vielen Jahren des Stillstands in der Aufdeckung der Morde nun endlich beginnt. Die Hinterbliebenen leben in einer Dauer-Anspannung, da die Schuldfrage ja rechtlich, in einem Gerichtssaal, noch gar nicht geklärt ist. Es gibt den tiefen Wunsch, das Bedürfnis, das wir doch alle hätten, dass die Täter für all das verhängte Leid in aller Öffentlichkeit bestraft werden. Und dann ist da immer die unbeantwortete Frage: Warum wir? Warum ist unser Vater, unser Bruder, mein Ehemann, meine Tochter von diesen Mördern ausgesucht worden? Mit dieser Frage sehen sie sich innerlich immer wieder konfrontiert. Vor diesem Hintergrund war und ist es von zentraler Bedeutung, dass das Rennen um die Presseplätze nicht noch einmal eröffnet und der Prozess wieder vertagt wird, so unbefriedigend das Ergebnis der Verlosung auch sein mag.

Experten warnen davor, die Aufklärungsleistung des Prozesses zu hoch einzuschätzen. Gerade die Frage, wie die Opfer ausgewählt wurden, werde möglicherweise ungeklärt bleiben, heißt es.

Da bin ich nicht so pessimistisch. Ja, es ist davon auszugehen, dass die Mitangeklagte Beate Zschäpe wenig oder gar nichts sagen wird. Aber die Staatsanwälte werden natürlich bohrende Fragen stellen. Warten wir es also mal ab, was dann die Anwälte der Angeklagten darauf antworten. Ich glaube, dass wir am Ende dieses Verfahrens mehr Klarheit haben werden als heute. Zur Auswahl der Opfer gibt es derzeit ja überhaupt nur Vermutungen, etwa die Theorie, dass es den Mördern zwar immer darum ging – mit Ausnahme von Michelle Kiesewetter –, Einwanderer zu töten und dann wohl auch darum, an abgelegenen Tatorten, um ungehindert zu entkommen.

Die Richter wollen in erster Linie ein revisionsfestes Urteil fällen, was nicht nach totaler Aufklärung klingt. Dämpfen Sie als Ombudsfrau die hohen Erwartungen, damit die Enttäuschung nicht zu groß ist?

Viele – aber nicht alle – der Opferfamilien werden im Laufe dieses und des nächsten Jahres als Nebenkläger am Prozess teilnehmen, insbesondere dann, wenn die Tatorte verhandelt werden, an denen ihre Angehörigen erschossen wurden. Für alle ist es das erste Mal, dass sie einem Strafprozess beiwohnen und dann auch gleich als Nebenkläger, also als Prozessbeteiligte mit Rechten und Pflichten. Die strafprozessualen Rituale, die Auseinandersetzung zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigern der Neonazis werden sie interessieren, aber sicher kaum ihre Fragen beantworten. Doch dann werden sie sich mit ihren Anwälten austauschen und erfahren, was dieser Prozess leisten kann und was nicht. Es ist doch klar, dass sich daraus viele Fragen ergeben, die ich dann, wenn sie an mich herangetragen werden, mit ihnen bespreche.

Ist es gut, dass so viele Angehörige in München selbst als Nebenkläger auftreten?

Aus meiner Sicht, ja. Denn in diesem Prozess spielen die Opfer, die so viel erdulden und einstecken mussten, endlich eine aktive Rolle in dem düsteren Geschehen. Das kann ihnen helfen, sich von dem Gefühl zu befreien, in der Opferrolle gefangen zu bleiben. Sie sind diejenigen, die nun als Nebenkläger über ihre Peiniger mit zu Gericht sitzen. Allerdings werden auch zu keinem Zeitpunkt alle mehr als 73 Nebenkläger gleichzeitig im Gerichtssaal sein. Für den 6.bis 8. Mai haben sich 30 der Nebenkläger angemeldet. An anderen Tagen werden es eher weniger sein.

Fahren Sie nach München, um die Angehörigen zu unterstützen?

Ja. Es war übrigens gar nicht sicher, ob den Familien die Teilnahme an dem Prozess gelingen würde. Dafür mussten im Vorfeld viele Hürden genommen werden. Am Anfang war es ja überhaupt nicht klar, ob es Mittel geben würde, den Angehörigen die Kosten für die Prozessteilnahme zu erstatten. Streng genommen werden die Kosten immer erst am Ende des Verfahrens gezahlt, und auch nur, wenn der Prozess gewonnen wurde und die Verurteilten das selber nicht bezahlen können. Das hätte also ewig gedauert – doch wir brauchten das Geld gleich. Ich hatte mich zunächst an die Bundesregierung gewandt. Aber die internen Prüfungen, aus welchem Topf diese Mittel kommen könnten, zogen sich doch etwas hin. In meiner Not habe ich mich dann an das Erzbistum Freising gewandt und eine Spende von 20.000 Euro bekommen. Die evangelische Landeskirche hat sich mit derselben Summe beteiligt. Ein wahres Geschenk des Himmels. Nun können den Nebenklägern die Kosten erstattet werden. Und was die Unterbringung betrifft, so haben wir zum Glück die Möglichkeit, ein Tagungshaus der katholischen Kirche zu nutzen, das auch schon Ende April, als es eigentlich losgehen sollte, zur Verfügung stand. Damals war wegen einer Baumesse in München kein Hotelbett mehr frei. Der Ort ist perfekt, denn da können die Opfer und die Hinterbliebenen zusammen sein und sich austauschen über das, was sie bewegt. Einige Rechtsanwälte werden auch dort übernachten. Wir fahren morgens mit einem angemieteten Bus unter Polizeischutz zum Oberlandesgericht. Für den Fall der Fälle wird es im Gerichtssaal bei den Nebenklägern auch eine psychologische Betreuung geben. Ich bin bereits ab Sonntag vor Ort, dann gibt es auch eine Besichtigung des Gerichtssaals, in dem wir sitzen werden.

Gibt es weitere Spenden?

Ja! Gerade in den letzten Wochen sind einige Tausend Euro auf dem extra eingerichteten Konto des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Berlin eingegangen, überwiesen von Bürgerinnen und Bürgern. Ich erkenne darin, wie mitfühlend mit den Opfern viele Menschen sind. Übrigens gibt es auch Opfer, die sagen: Ich will diese Angeklagten nicht sehen, ich will ihnen nie begegnen. Auch das ist verständlich. Wir alle reagieren auf Schicksalsschläge ja unterschiedlich. Viele sagen: Ich bin das meinem verstorbenen Angehörigen schuldig, als Nebenkläger Fragen im Prozess zu stellen, die bisher nicht gestellt worden sind. Das hängt vielleicht auch mit der erschütternden Erfahrung zusammen, wie die Polizei nach den Morden immer wieder bei ihnen zu Hause auftauchte und in den Familien nach Hinweisen auf Mittäterschaften suchte. Es gibt Familien, die sind mit mehreren Anwälten vertreten.

Das macht es nicht übersichtlicher.

Ich denke, nach allem, was wir über den Vorsitzenden Richter als Juristen gehört haben, wird er jedenfalls dieses Problem in den Griff bekommen.

Wie eng ist Ihr Verhältnis zu Angehörigen?

Ich werde täglich angerufen. Jetzt hat zum Beispiel vor ein paar Tagen gerade der Bruder von Semiya Simsek geheiratet. Seine Schwester hat ja über den Verlust ihres Vaters und die Verdächtigungen gegen die Familie ein sehr eindrucksvolles Buch geschrieben. Unter den Hochzeitsgästen gab es plötzlich Bedenken, ob es sicher ist, dieser Feier beizuwohnen, weil Simsek nun ein bekannter Name ist. Daraufhin habe ich mich mit der Frankfurter Polizei in Verbindung gesetzt. Die Familie selbst wäre wahrscheinlich schon in der Telefonzentrale der Polizei gescheitert. Sie sehen, die Probleme sind ganz unterschiedlich, und immer wieder tauchen neue Fragen auf.

Vor wenigen Wochen waren die Angehörigen bei Präsident Gauck eingeladen. Was hat ihnen das bedeutet?

Sehr viel, denn es geht den Angehörigen auch um die öffentliche Wahrnehmung dessen, was sie erlebt haben. Der Termin beim Bundespräsidenten hat beigetragen, dass ihr Leid nicht aus dem kollektiven Gedächtnis verschwindet.

Sie hatten oft kritisiert, dass es in der Aufarbeitung zu viel um die Täter und zu wenig um die Opfer geht. Haben Sie den Eindruck, dass das nun anders wird?

Gerade jetzt, zum Prozessbeginn, dürften wohl mehr denn je die Täter und die Schuldfrage im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, und das muss auch so sein. Wenn aber die einzelnen Taten verhandelt werden, dann rücken auch die Opfer dieser unfassbaren Verbrechensserie ins Licht, das ist meine feste Überzeugung. Übrigens haben die Angehörigen diese Morde immer als das Werk Einzelner angesehen und nie als ein Verbrechen, hinter dem klammheimlich auch Teile der Mehrheit stehen. Eine faire und großmütige Grundhaltung, obwohl sie in Deutschland so viel Leid erfahren haben.